Walter Mahlendorf

Er lief die unbeliebte Kurve gerne

Walter Mahlendorf gehörte zu den wenigen Läufern, die gerne in der Kurve liefen. Deshalb war er dritte Läufer in der Staffel. Heute ist er der Einzige der vier, der noch regelmäßig joggt.

Ende der Fünfzigerjahre gab es in Deutschland viele gute Läufer. Die Besetzung der Staffel war deshalb ein viel diskutiertes Thema und wurde natürlich auch in den Medien ausgiebig thematisiert. Bereits im Jahr 1958 wurden wir in der Besetzung Mahlendorf, Armin Hary, Heinz Fütterer und Manfred Germar Europameis­ter in der Staffel 4 x 100 Meter. Für die Olympischen Spiele 1960 in Rom hatte ich für mich das Ziel formuliert: Du musst zeitmäßig das vierte Rad am Wagen sein – nicht mehr, nicht weniger. Da ich außerdem gern die Kurve gelaufen bin, bekam ich meinen Platz auf der Drei. Der Vorlauf der 100 Meter war für mich in Rom allerdings auch eine Niederlage: Ich kam nur auf 10,8, obwohl ich sonst bei jedem Wetter eine 10,4 drauf hatte.

Nach unserem Sieg waren wir sehr stolz und hatten auch das Gefühl, etwas für ­unser Land getan zu haben. Heute denken ja viele Sportler nur für sich. Es war für mich ein erhebender, bewegender Moment auf dem Siegerpodest, als die „Ode an die Freude“ erklang. Das Deutschlandlied gefällt mir zwar besser, aber das konnte ja ­wegen der gemeinsamen Mannschaft mit der DDR nicht gespielt werden. Heute könnte man mit einer Goldmedaille wahrscheinlich reich werden. Ich bedaure aber keinen Moment, dass es für uns nichts weiter gab. Wir hatten damals eine sehr schöne Zeit. Es gab noch die Länderkämpfe in der Leichtathletik, wir sind nach Japan, nach Moskau, Sofia und Budapest. Wer kam da schon hin?

Doping? Wir kannten noch nicht einmal das Wort. Bei Wettkämpfen haben wir manchmal Dextro-Energen und Ovomal­tine gegessen. Das war’s.

Als Großhandelskaufmann habe ich eine Verwaltungsstelle im Sportamt der Stadt Hannover angetreten. Nach meinem Sportstudium ab 1961 wurde ich Kreissportlehrer im Landkreis Hildesheim und 1971 schließlich Leiter des Sport- und Bäderamts der Stadt Bochum, was ich bis zu meiner Pensionierung 2000 blieb.

In den knapp drei Jahrzehnten Berufs­leben war ich zusammengenommen keine 20 Tage krank – wohl auch eine Folge meines gesunden Lebensstils. Mit dem Leistungssport war aber 1961 nach einem Fas­zienriss in der linken Bauchdecke Schluss. Trotzdem habe ich mich immer weiter bewegt. Heute mache ich jeden Dienstag mit Freunden einen einstündigen Waldlauf – was ich früher nie gemacht hätte –, und anschließend geht es in die Sauna.

In meiner aktiven Zeit habe ich zweimal pro Woche nach Feierabend trainiert. Ich erinnere mich heute noch gern an das Ritual danach: Ich bin zum Hauptbahnhof Hannover, wo mein Zug nach Sarstedt abfuhr, und habe mir dort eine Bratwurst und ein Bier gegönnt.

Die Goldmedaille aus Rom hatte ich viele Jahre hier bei uns zu Hause. Aber ­meine Kinder meinten, dass sie in einen Safe gehöre. Jetzt liegt sie in der Sparkasse. Die drei Staffel­kameraden von damals habe ich über die fünf Jahrzehnte immer mal wieder gesehen. Die schönste Begegnung war die im Jahr 1997, als uns Armin Hary alle zu seinem 60. Geburtstag zu einer Drei-Tages-Reise nach Rom einlud.

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