Südtirol Ultra Skyrace 2015

Eine Strecke fast zu schön zum Laufen

Bozen auf dem schnellsten Wege verlassen? Es gibt zwei Möglichkeiten: Über die Autobahn Richtung Brenner - oder über die Strecke des Südtirol Ultra Skyrace.

Südtirol Ultra Skyrace 2015 - Fotos
Südtirol Ultra Skyrace 2015 Läufer vor Wolkenwand

410 Läufer meldeten für das Südtirol Ultra Skyrace 2015.

Bild: www.wisthaler.com

Bereits kurz nach dem Start auf den Talferwiesen steigt der Trail so steil Richtung Himmel, da glaubt manch Läufer er sei im Fahrstuhl. Nach weniger als zwei Kilometern liegt Bozen, die Hauptstadt Südtriols, tief unten im Talkessel – und oben am Himmel brennt schon längst die Sonne. Ein wahrlich heißer Lauf, der in diesem Moment den Titel „Skyrace“ im wahrsten Sinne des Wortes trägt.

Eine Bildergalerie des Südtirol Ultra Skyrace 2015 finden Sie ober- und unterhalb dieses Artikels.

Sture Bergvölker

Bergvölkern sagt man weltweit eine gewisse Sturheit nach. Südtiroler gehören definitiv zu den Bergvölkern, denn beim Thema „Skyrace“ haben sie sich lange richtig stur gestellt. Als der Autor dieser Zeilen nach dem Zieleinlauf im letzten Jahr den gut gemeinten Rat kundtat, ein nächtlicher Start für die Short-Variante über 68 Kilometer sei eigentlich ein ziemlicher „Quatsch“, schließlich laufe man durch eine der schönsten Regionen Südtirol in stockfinsterer Nacht, da fühlte sich das halbe Sarntal gekränkt. Eigentlich wollen Organisatoren nie wirklich Erfahrungen von Läufern, sondern vor allem Bestätigung ihrer Ideen. Doch schon wenige Wochen später, der Druck klagender Läufer wurde offenbar zu groß, zeigten sich die Skyrace-Verantwortlichen einsichtig: In der dritten Auflage startete das Short-Rennen 2015 nun um 7 Uhr morgens (zur Ultra-Variante später mehr).

Eine Landschaft fast "zu schade" zum Laufen aber anstrengend genug

Welch ein genialer Wechsel: Nicht nur die Teilnehmerzahl stieg um fast 100 Prozent; nein, nun können die Sarntaler endlich bei Tageslicht präsentieren, was sie zu bieten haben: Eine geniale Landschaft in einem der schönsten, stillen Täler Südtirols! Eine Landschaft, die an manchen Stellen fast „zu schade“ zum Laufen ist.

Nach dem Start auf den etwas von Zentrum entfernten Talferwiesen gibt es bis nach Oberbozen (rund acht Kilometer) und der ersten Verpflegungsstation kein Durchatmen. Steil und steiler führt der Pfad durch Wald und Weinberg immer Richtung Himmel. Zunächst viel Straße und wenig Trail, dann grüne Wiesen mit Hanglage für winterlichen Skibetrieb bis zum Rittener Horn (ca. 21 Kilometer, 2.080 Höhenmeter).

Erst hoch dann runter: Das Südtirol Ultra Skyrace bietet mehr als Abwechslung.

Bild: www.wisthaler.com

Nach 21 Kilometern ist Schluss mit Lustig

Und hier ist dann Schluss mit Lustig: Bis zur Sarner Scharte zeigt der Lauf seine „wahre Seite“ – und wird seinem Ruf locker gerecht, auch auf der Kurzstrecke ein äußerst herausforderndes Rennen zu sein. Die Läufer müssen sich in weitläufigen Fels- und Geröllfeldern ihren eigenen Weg suchen. Dazwischen überall immer wieder Wasserläufe und Wurzelwerk. „Schwierig“ ist keine übertriebene Beschreibung – und richtig steil wird es dann auch noch vor der Sarner Scharte auf 2.460 Metern Höhe. Diese eineinhalb Stunden sind brutal – der Blick ins Tal ist ein schwacher Trost, schließlich geht es gleich nach der Scharte technisch anspruchsvoll weiter: Steine, Steigungen, Felsen und Stufen, die mit ihren unregelmäßigen Abständen und Höhen jeden Laufrhythmus brechen.

Der Abschnitt vom Rittener Horn bis zum Totenkirchl (total 32 Kilometer, ca. 2.920 Höhenmeter) ist das Herzstück des Skyrace und „Best of Trailrunning“. Dann bietet die fantastisch gelegene Versorgungsstelle Totenkirchl eine mehr als verdiente Erholung. Wer hier durch ist, der hat beste Chancen das Ziel zu erreichen, auch wenn nicht einmal die Hälfte geschafft ist.

Denn von nun an geht es (zunächst) bergab: Mehr als zehn Kilometer ins stimmungsvolle Sarnthein, wo auf dem Marktplatz südländische Partystimmung herrscht. Wer seine Dropbag (oder seine Angehörigen) hier platziert hat, startet mit frischem Hemd und guten Wünschen auf den zweiten großen Anstieg. Keine technische Herausforderung, sondern fast ausnahmslos Frost- und Waldwege bis hinauf zu den Stoanerne Mandln, aber eine Passage, die sich wirklich „zieht“ und noch einmal volle Energie verlangt (ca. 1.120 Meter Anstieg). Nach der Sarner Skihütte haben die Bäuerinnen der Auener Alm ihren Wasser- und Melonenstand aufgebaut und beweisen: Dort, wo einheimisches Flair den Läufern begegnet, wird das „Skyrace“ zu einem himmlischen Erlebnis. Mit einer großartigen lokalen Note.

Der Rest der Distanz hinter der Möltener Kaser Alm (bei Kilometer 50) ist „Vergnügen“ - so weit die Kondition noch vorhanden ist - , denn es bietet sich Südtirol wie aus dem Bilderbuch. Weiche Wiesentrails, lichte Wälder, Kirchen und Haflinger, Urlauber und Weitblicke: Schlern, Rosengarten, Langkofel oder Seiser Alm liegen am nachmittäglichen Horizont. Allein der Abschnitt hinter dem schönen Dorf Jenesien bietet eine letzte Qual: Der Abstieg ist so steil, dass manch Läufer vor (Oberschenkel-)Schmerzen kurzzeitig ins Gras sinkt, ehe das Ziel des Südtirol Ultra Skyrace – Short mit den Talferwiesen erreicht ist.

Peter Hinze beim Südtirol Ultra Skyrace 2015

Bild: privat

Peter Hinze (links) beim Südtirol Ultra Skyrace.

Die wahre Königsstrecke

Natürlich gibt es, so werden Kenner kritisch anmerken, auch eine wahre (Königs)-Strecke: Das Rennen in der Langversion über 121 Kilometer (7.069 Höhenmeter) mit dem klassischen Start am Freitag um 22 Uhr auf dem stimmungsvollen Bozener Waltherplatz. Die Strecke folgt zu weiten Teilen der der bekannten Wanderroute der Hufeisentour.

Auch wenn sich unter den Organisatoren erneut ein wenig Bergvolk-Sturheit einstellen mag, die Fakten sprechen eine klare Sprache: Man muss ein Rennen überdenken, wenn von 152 Startern nur 46 Läufer (!) das Ziel erreichen (bei den Frauen waren es drei von neun Läuferinnen). Da mögen die einheimischen Läufer noch so stark sein. Wenn es das Ziel ist, mit dieser Veranstaltung auch ausländische Läufer in die Region zu locken, dann wird dies nur mit der Short-Version erfolgreich zu machen sein. Oder will man nur chancenreich um den Titel „Härtestes Ultrarennen in Europa“ mitspielen?

Aber mit dem Trend zum harten, zum extremen Event sind die Sarntaler ja nicht allein. In der Traillaufszene boomen aktuell die immer längeren Rennen mit immer mehr Höhenmetern. Über den Sinn und die Gefahren solcher Megarennen konnten auch etliche Starter in Südtirol „in Ruhe“ nachdenken: Heftige Gewitter auf der Westflanke der Sarntaler Alpen zwangen sie zum Abbruch. Nicht das erste Mal, denn Wettergefahren haben beim Südtirol Ultra Skyrace schon Tradition.