Leser-Reporter Matthias Enseleit

Ein Teil der großen Läuferschar

Auf der Elbchaussee genießt Leser-Reporter Matthias Enseleit den Blick über die Läuferschar und freut sich, ein Teil davon zu sein.

Leser-Reporter Matthias Enseleit

Die Stimmung beim Hamburg-Marathon lässt Matthias Enseleit Gänsehaut bekommen.

Bild: privat

Augenblicke des Glücks

Die nächste Erinnerung habe ich an einen kurzen aber außergewöhnlichen Streckenabschnitt auf der Elbchaussee. Die Straße beginnt sich ein wenig bergab zu neigen, viele Läufer werden diesen Augenblick kennen; diesen Moment, zu Beginn eines großen Volkslaufes, wenn tausende Läufer noch dicht beisammen sind, wenn man selbst sich auf einem erhöhten Punkt befinden und einen Straßenabschnitt von mehreren 100 Metern überblicken kann auf dem sich gefühlte 50.000 Läufer fortbewegen, angefeuert von jubelnden Zuschauerreihen und man selbst weiß, man ist ein kleiner Teil dieser großen Läuferschar.

Ein Gefühl des Glücks durchströmt mich, ich würde am liebsten stehen bleiben und diesen wundervollen Ausblick genießen, wären da nicht diese verflixten 4 Stunden, also weiter geht’s. Ich bilde mir ein, dass diese Augenblicke den Reiz von Laufveranstaltungen ausmachen und ich mich an sie noch lange erinnern werde. Sollen die Kenianer doch an der Spitze des Feldes, vorn, allein ihre Weltrekorde laufen. Ich möchte genau hier sein, in diesem Pulk, diesem Gedränge, an diesem Platz, zwischen Menschen wie du und ich, Studenten, Straßenfeger, Müllmänner, Verkäufer und Verkäuferinnen, Sekretärinnen, Lehrer, Ärzte, Bänker, Politiker, Ruheständler, zwischen meinesgleichen: LÄUFERN.

Landungsbrücken. Eigentlich brauche ich hier nichts weiter zu sagen, jeder Läufer der einmal den Hamburg-Marathon gelaufen ist, wird sich an diesen Streckenabschnitt erinnern. Am Straßenrand mehrere Reihen Zuschauer, Brücken voller Menschen, wir Läufer werden angefeuert, Plakate geschwenkt, Regenschirme mit bizarren Verzierungen in die Luft gestreckt (in der Hoffnung, der betreffende Läufer erkennt seine Familie oder Freunde), frenetische Jubelstürme, Klatschen, Musik, begeisterte Anfeuerungsrufe, Läufer die Bekannte umarmen, sich küssen, sich Glück wünschen. Es herrscht eine unbeschreibliche Stimmung, die sich nur schwer in Worte fassen lässt, eine Stimmung, die man einfach selbst erlebt haben muss. Diese Stimmung lässt mich für einige Augenblicke alles vergessen, treibt mir Tränen des Glücks in die Augen, lässt mich Gänsehaut bekommen, in diesem Moment wird die Zielzeit völlig egal, zur Nebensache, dennoch beschleunige ich meinen Lauf, getragen von den Jubelrufen der Menschenmenge.

Zuschauermassen beim Hamburg-Marathon

Ich liege gut in der Zeit, freue mich dennoch über die mühelose Tempoverschärfung. Wie sagte der Organisator des Freiburger Morgenlauftreffs, Fernando Schüber, vor ein paar Monaten zu mir, als ich ihm von meinen Marathonplänen berichtete: "Nur vor vollem Haus läuft man Bestzeit." Ich merke, dass er damit recht hat. Menschen ziehen an mir vorbei. Ich suche in den Reihen der Zuschauer nach einer orangenen Jacke, ich habe mit meiner Mutter ausgemacht, dass sie mich an den Landungsbrücken anfeuert, keine Chance bei den Menschenmassen, ich gebe die Suche auf, konzentriere mich auf den Lauf und hoffe, dass sie mich sehen und wenigstens ein oder zwei Fotos machen. Vielleicht entdecke ich sie an einen der anderen vereinbarten Kilometerpunkte.

Gejohle im Tunnel

Wallringtunnel. Ich denke zumindest, dass dieser so heißt, Google Maps macht’s möglich. Ich tauche in den beleuchteten Tunnel ein, das GPS-Signal bleibt draußen, Mist, naja egal, die Zeit läuft ja weiter. Inzwischen ist mir ein Läufer mit getapeter rechter Wade aufgefallen, er läuft die gleiche Pace wie ich, immer mal wieder fokussiere ich ihn an, quasi als meinen persönlichen Pacemaker, häufig verliere ich ihn wieder, vor allem an Verpflegungsstellen, finde ihn die letzten fünf bis sieben Kilometer aber immer wieder. Plötzlich, mitten im Tunnel, beginnen einige Mitläufer zu heulen, bellen, rufen oder einfach „Hey!“ zu schreien, wahrscheinlich wegen des Echos im Tunnel, denke ich mir. Zwei Wochen später lese ich im Buch „Bekenntnisse eines Nachtsportlers“ von Wigald Boning, dass solch ein Verhalten in diesem Tunnel wohl üblich ist – naja, das nächste Mal.

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