800 m der Frauen

Ein Spektakel über vier Tage

Caster Semenya siegte bei der LA-WM in Berlin im 800-m-Finale der Frauen. Ist sie gar keine Frau?

LA-WM 2009 in Berlin

Caster Semenya (2. von links) und Janeth Jepkosgei (rechts).

Bild: Claus Dahms

Berlin, Pressezentrum, Donnerstag, 13.00 Uhr: Noch immer wirkt die Entscheidung über die 800 m der Frauen in meinem Kopf nach. Was für ein Spektakel vom ersten Vorlauf bis zum letzten Final-Meter!

Rückblende: Im ersten der 800-m-Vorläufe stürzt die Titelverteidigerin Janeth Jepkosgei und auch die Südafrikanerin Caster Semenya strauchelte. Beide kamen weiter, Semenya als Siegerin dieses Vorlaufes, Jepkosgei als Letzte in 2:12,81 Minuten nach Protest ihres Verbandes. (Eine umstrittene Entscheidung.)

Dann die Zwischenläufe: Pamela Jelimo, die junge 800-m-Überfliegerin des Jahres 2008, erreichte als Siegerin des Vorlaufes die Zwischenentscheidungen. Doch im dritten Semi-Final – dem langsamsten der drei Rennen – konnte sie nicht mehr mithalten und stieg 300 Meter vor dem Ziel frustriert aus. Der Hintergrund hier: 2008 holte sie sich erst den Olympiasieg in Peking und dann gewann sie den Jackpot bei den Golden-League-Meetings 2008. Eine Million US-Dollar spülte der Jackpot in ihre Geldbörse. Danach feierte sie. Nach allem, was man am Rande der WM hören konnte, feierte sie richtig heftig und sehr, sehr ausdauernd.

Wer will einem jetzt 19-jährigen jungen Mädchen das verübeln? Ich jedenfalls kann das gut verstehen. Nur wird man eben ein Jahr später dann nicht 800-m-Weltmeisterin. Jelimo wollte das Unmögliche durch ihr Talent erzwingen, packte auch die Qualifikation in Nairobi. Doch für zwei schnelle Rennen innerhalb von 32 Stunden war die Trainingsdecke dann doch zu dünn.

Und dann dieser grandiose Endspurt von Caster Semenya im 800-m-Finale. Gut 200 Meter vor dem Zielstrich zog die erst 18 Jahre alte Südafrikanerin unwiderstehlich davon und siegte in schnellen 1:55,45 vor der Titelverteidigerin Janeth Jepkosgei (1:57,45).

Und sofort waren sie das große Thema – die Zweifel! Ist Caster Semenya überhaupt eine Frau? Die IAAF hatte schon vorher reagiert. Der Leichtathletik-Weltverband bestand darauf, dass sich die 18-Jährige einem Geschlechtstest unterzieht. Doch die Auswertung eines solchen Tests dauert nach IAAF-Angaben Wochen. Normalerweise weisen Frauen zwei X-Chromosomen (XX) in ihren Zellen auf, Männer ein X- und ein Y-Chromosom (XY). Manche mit einem Y-Chromosom geborenen Menschen entwickeln alle körperlich charakteristischen Merkmale einer Frau – nur die Sexual-Organe entwickeln sich anders. Sie leiden unter dem Androgen Insuffizienz Syndrom (AIS).

Gründe für die Geschlechts-Untersuchung der IAAF waren alleine ihre tiefe Stimme und ihr doch recht männliches Aussehen. Sowie natürlich ihre rasante Leistungssteigerung: Im Oktober 2008 hatte dieses junge Mädchen eine Bestzeit von 2:04,23 Minuten. Bei den afrikanischen Juniorenmeisterschaften gewann sie vor drei Wochen in 1:56,72 Minuten – Weltjahres-Bestzeit! Im Endlauf lief sie noch einmal schneller.

Zweifel sind also wirklich angebracht. Trotzdem ist es ziemlich unwürdig, der Frau, die sich gerade als Weltmeisterin durchgesetzt hat, vorzuwerfen, sie sei keine Frau. Und so stellte IAAF-Generalsekretär Pierre Weiss auch deutlich fest: „Wir hatten keine Beweise, um ihr einen Start nicht zu erlauben. Es gibt keinen Beweis, dass sie männlich ist.“ Übrigens hatte die IAAF die Geschlechts-Untersuchung durchaus mit Fingerspitzengefühl im Hintergrund durchgeführt. Eine australische Tageszeitung hatte Wind davon bekommen und eine Medienlawine ins Rollen gebracht.

Jahrelang beherrschte Maria Mutola die 800-m-Szene der Frauen. Weiblicher als Caster Semenya sah sie wirklich nicht aus. Und selten sind kometenhafte Aufstiege über 800 m der Frauen nun wirklich nicht. Siehe oben, siehe Pamela Jelimo. Die lief auch von heute auf morgen in der Weltspitze mit.

Ich freue mich also erst einmal über eine tolle 800-m-Vorstellung einer jungen Newcomerin aus Südafrika. Hoffentlich kann sich Caster Semenya letztendlich auch darüber freuen.

Dieser Text ist ein Teil des WM-Tagebuchs von Claus Dahms. Hier finden Sie weitere Einträge:

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Hier finden Sie ein Dossier mit allen Informationen rund um die Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2009 in Berlin