Leserreporter Andreas Hauser

Ein Lauf der vielen Eindrücke in Indien

Andreas Hauser krönte einen Hilfsaufenthalt in Indien mit einem spontanen 10-km-Lauf. Wie das Laufen ein Band zwischen den Kulturen schaffte, beschreibt er in seinem Report.

Kolkata-Run – Die Bilder
Leserreporter Andreas Hauser

Andreas Hauser beim Kolkata-Run.

Bild: Anita Rutschmann

20. Februar 2016, 17:20 Uhr – ich komme gerade von einer gediegenen, netten „long-jog“-Runde zurück. 90 Minuten ganz gemütlich im frisch verschneiten Schwarzatal, meine Lieblingsstrecke schon seit Jahrzehnten. Kein Auto, keine Menschenseele, nicht mal Vogelgezwitscher stören die eineinhalb Stunden absolute Ruhe. Nur das Rauschen der Schwarza untermalt die Stille. Die Strecke geht durch einen Bannwald – 100 Prozent reine Black Forest Luft einatmen – ein Genuss! Dabei musste ich an meinen letzten Wettkampf denken, der genau vor acht Wochen stattgefunden hat. Gegensätzlicher könnte es nicht sein: der 10 km Run in Kalkutta/Indien, welcher am 20. Dezember 2015 stattfand.

Normalerweise ist Ibrahim, ein 40-jähriger Fotograf aus Marseille, nur mit einer TBC-Maske in den Straßen von Kalkutta oder Kolkata, wie die indische Megastadt seit Jahren heißt, unterwegs. Ibrahim ist einer der ca. 100 freiwilligen Helfer, die bei den Mutter Teresa Schwestern ehrenamtlich helfen. Auch ich bin so einer, also so ein freiwilliger Volontär, der ebenfalls alle zwei Jahre nach Indien reist, um in Kalkutta einige Tage auf verschiedenen Krankenstationen bei den Schwestern zu arbeiten.

Ich war bislang schon fünfmal in der Stadt, immer alleine. Doch diesmal hat mich Anita begleitet, die Frau eines ehemaligen Schulkollegen. Am Abend des 18. Dezember kamen Anita und ich gerade von einer Weihnachtsfeier wieder im Guesthouse an, als mich Ibrahim fragte, ob ich mich nicht auch noch beim Kolkata-Run anmelden wollen würde. Er würde es morgen noch tun. Ich stutzte ein wenig. Erstens wäre es das erste Mal überhaupt, dass ich in dieser Stadt Sport treiben würde (laut Reiseführer inhaliert man pro Tag, wenn man auf den Straßen der 15-Millionen-Stadt unterwegs ist, Schadstoffe von ungefähr 30 Zigaretten. Ibrahim meinte sogar 100) und außerdem war ich nicht gut ausgestattet. Ich hatte zwar ausrangierte, alte Laufschuhe zum Arbeiten an und noch ein Dutzend alter Laufshirts dabei, die ich für die Behinderten in Prem Dan gedacht hatte. Eine Hose hatte ich allerdings absolut nicht dabei.

Auf der anderen Seite ist es für mich als 16-facher Marathon-Finisher ein kleiner Traum irgendwann in Kolkata einen Marathon zu laufen. 2011 hatte ich extra aus diesem Grunde meine Indienzeit um 9 Monate nach vorne verschoben, da damals im Februar im Internet ein Marathon angekündigt worden war. Als ich dann in Westbengalen angekommen war, gab es keinen weit und breit. Aber so ist Indien halt.

Ich gab Ibrahim zunächst die Antwort, dass ich noch eine Nacht darüber schlafen möchte, sagte dann aber noch am gleichen Abend zu. Der großzügige Franzose stellte mir dann spontan seine zweite Laufhose zur Verfügung.

Die Anmeldung einen Tag später war ein bisschen spannend. Anita und ich waren am Tage nochmals in Howrah, der Zwillingsstadt von Kolkata und noch um einiges ärmlicher und schmutziger, um dort zusammen mit einer indischen Familie Essensrationen (Reis, Kartoffeln, Zwiebeln, Dall und Eier) an ca. 200 Familien auszugeben. Die Anmeldung für den Lauf war bis 18:00 Uhr in der Nähe vom Kalkutta Stadion möglich. Um 17:30 Uhr erreichten wir die Expo und waren sehr erstaunt, dass die Abwicklung der Anmeldung mit Nummernausgabe und kleiner Ausstellung sehr modern und westlich war. Es gab nur ein paar Abweichungen. Als Ausländer musste man 20 US Dollar bezahlen, als Inder umgerechnet 5 Euro. Außerdem fand die Abwicklung der Bezahlung für Ausländer in einem Hinterbereich statt. Beim „Goody-Bag“ gab es wieder Gleichstand. Außerdem konnte man sich ein Armbändchen für den Lauf nehmen, auf dem allerdings nicht wie sonst die Zwischenzeiten notiert waren, sondern die verschiedenen Stationen wie Getränke und Toiletten. Da war einiges angeboten. Läuferluxus eigentlich, und das in der Stadt der Ärmsten der Armen.

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