Marathon

Durchwachsene deutsche Marathonbilanz

Licht und Schatten hielten sich für das deutsche Marathonteam bei der LA-WM in Berlin die Waage.

LA-WM in Berlin

Sabrina Mockenhaupt überzeugte als schnellste deutsche Marathonläuferin auf Platz 17.

Bild: Claus Dahms

Sub Media Centre am Brandenburger Tor, Sonntag, 16.00 Uhr: Klar, die ganz großen Marathon-Hoffnungen in Deutschland waren an dem Tag verloschen, an dem der DLV Irina Mikitenkos Verzicht auf den WM-Start bekannt gab. Dann musste auch noch Melanie Kraus verletzungsbedingt verzichten, was das Frauenteam weiter schwächte.

So waren alle Hoffnungen auf Sabrina Mockenhaupt fokussiert. Die ging bei den sommerlichen Temperaturen in Berlin – wie ihre Teamkameradinnen - klug und vorsichtig an. Mocki: „Als mir anfangs der dritten Runde zugerufen wurde, dass ich um den 40. Platz läge, da konnte ich das gar nicht glauben. Aber ich hätte auf keinen Fall vorne mitgehen können, das war zu schnell.“

Es begann eine Aufholjagd, aber: „Zwischendurch bin ich einen 3:26-er Schnitt gelaufen. Das war wohl doch zu schnell.“ Nach 2:30:07 Stunden erreichte die Siegerländerin fix und fertig das Marathonziel hinter dem Brandenburger Tor – immerhin auf Platz 17. „Über 10.000 m wäre wohl eine bessere Zeit drin gewesen“, überlegte Mocki. Doch den Startverzicht über 10.000 m hatte sie ja bereits frühzeitig entschieden, als noch große Hoffnungen für die Teamwertung bestanden. „Unterwegs habe ich gedacht: Gut, dass ich die 10.000 m gelassen hab. Es war eben sehr schwierig, weil ich viel alleine gelaufen bin. Zudem habe ich in den letzten vier Nächten nicht geschlafen – vor Aufregung.“

Trotzdem fiel das Fazit von Sabrina Mockenhaupt uneingeschränkt positiv aus: „Das war heute hier mein langsamster Marathon, aber auch mein schönster.“ Die von vielen erhoffte Überraschung blieb aus, Sabrina blieb im Rahmen ihrer Möglichkeiten - so lautet mein Fazit für Sabrina genauso wie für die zweite deutsche Läuferin Susanne Hahn, die als 34. nach 2:38:39 über die Ziellinie lief. „Die letzte Runde war sehr schwer, ab km 35 wurde ich immer langsamer“, berichtete Susanne.

Eine ihrer Trinkflaschen trank aus Versehen Luminita Zaituc und bekam davon solche Magenprobleme, dass sie aufgab. Die Mannschaft platzte, weil auch die als Ersatzläuferin nominierte Ulrike Maisch wieder einmal ausstieg. Licht und Schatten waren also bei den deutschen Marathonläuferinnen genauso gleichmäßig verteilt, wie bei den deutschen Marathon-Männern am Tag zuvor.

Luminita Zaituk und Sabine Hahn bei Kilometer 15.

Bild: Claus Dahms

Die Männer konnten sich am Samstag bei noch deutlich besseren, sprich: kühleren, Wetterbedingungen an die Startlinie stellen. Ganz vorne zeigte der Kenianer Abel Kirui mit seiner Siegeszeit von 2:06:54 Stunden, wie schnell absolute Weltklasseläufer diesem Tag laufen konnten. Zufrieden war aber auch berechtigterweise Andre Pollmächer. Schon vorher hatte er bekanntgegeben, dass der Berliner WM-Marathon sein letztes Rennen sein würde. Nach 2:15:36 und Platz 18 bilanzierte er wie gewohnt nüchtern: „Die Form hat absolut gestimmt. Mein Trainer hat mich auf den Punkt vorbereitet. Ab km 35 war es dann nur noch ein Durchschieben. Die Zeit war für mich hier völlig uninteressant. Die letzten 5 km waren ein einziges Dröhnen durch die schreiende Masse und während der ganzen Zeit dieses Wettkampfes habe ich überhaupt nicht daran gedacht, dass dies der letzte Lauf meiner Karriere ist.“

Wie die Frauen war auch Pollmächer sehr vorsichtig angegangen, hatte sich nicht verführen lassen, in einer vorderen Gruppe mitzulaufen. Auf den letzten 15 km überholte er viele seiner Konkurrenten. Ob mit dem vorsichtigen Beginn ein paar Plätze verschenkt wurden, mag dahingestellt bleiben.

Andre Pollmächer lief lange Zeit mit Martin Beckmann in einer Gruppe. In 2:18:08 endete der Leinfelden-Echterdinger schießlich auf Rang 34 und lieferte damit seine bisher wohl beste Marathonleistung ab: „Auf den ersten 20 Kilometern bin ich super ins Rennen gekommen“, kommentierte Beckmann schon bald nach dem Einlauf hinter dem Ziel, „dann habe ich wohl etwas zu viel getrunken und Magenprobleme bekommen. Obwohl ich langsamer wurde, habe ich auf den letzten Kilometern nur noch überholt. Jetzt mache ich erst mal drei Wochen Urlaub und laufe fast gar nicht.“

Nach zufriedenem Urlaub war dem als Marathonhoffnung hochgeputschten Falk Cierpinski nicht zumute. Er endete als frustrierter 50. nach 2:22:36. Dafür hatte auch sein Vater, der zweifache Marathon-Olympiasieger Waldemar Cierpinski, zunächst keine Erklärung. Weitere gute 13 Minuten später lief der von Anfang an überforderte Tobias Sauter ins Ziel. Seine 2:35:43 sind eine hervorragende Zeit für einen Volkssportler. Aber hier ging es nicht um Volkssport, in Berlin wurden Weltmeisterschaften in der Leichtathletik ausgetragen.

In der von Kenia gewonnenen Teamwertung des Weltcups belegten die deutschen Marathon-Männer Rang neun, immerhin noch vor Ländern wie Frankreich, den USA oder Tansania. Respekt. Überraschend punkteten die Männer und nicht die vorher mit Lorbeeren ausgestatteten deutschen Frauen.

Auch wenn wegen der Ausfälle kein nationales Team bei den Läuferinnen in die Wertung kam, hat es sich ohne Einschränkung als richtig erwiesen, zwei komplette deutsche Marathon-Mannschaften aufzustellen. Die vielen zehntausend Zuschauer am Streckenrand hatten so ihre Identifikationsfiguren. Sie warteten auf "ihre" deutschen Läufer und feuerten diese ganz besonders an. Gleichzeitig wurde allen aber auch ganz klar, wie wahnsinnig schnell die Weltspitze läuft.


Eine Fotogalerie vom Männer-Marathon finden Sie hier. Eine Fotogalerie vom Frauen-Marathon folgt am Montag Vormittag.

Dieser Text ist ein Teil des WM-Tagebuchs von Claus Dahms. Hier finden Sie weitere Einträge:

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