Extreme Wetterbedingungen

Drama auf der Zugspitze

Ein Wetterumschwung hatte schlimme Folgen: Zwei Läufer starben beim Zugspitz-Extremberglauf.

Zwei Läufer sind beim 8. Zugspitz-Extremberglauf am 13. Juli ums Leben gekommen, sechs mussten auf die Intensivstation des Krankenhauses in Garmisch eingewiesen werden. Ein plötzlicher Wetterumschwung mit Schneefällen, Windböen und Temperaturen um den Gefrierpunkt hatte die insgesamt 550 gestarteten Läufer überrascht.

Mehrere Teilnehmer mussten medizinisch behandelt werden. Sechs Verletzte wurden ins Krankenhaus eingeliefert.

Bild: Bergwacht Bayern

Nach Polizeiangaben handelt es sich bei den Toten um einen 41-Jährigen Läufer aus Witten (Nordrhein-Westfalen) sowie einen 45-Jährigen aus Ellwangen in Baden-Württemberg. Sie brachen laut Bergwacht in 2800 beziehungsweise 2700 Metern Höhe zusammen und starben noch auf der Strecke. „Beide sind an Erschöpfung und Unterkühlung gestorben“, sagte Thomas Griesbeck von der Bergwacht in Garmisch-Partenkirchen.
Zumindest einer der beiden Läufer sei in unmittelbarer Nähe eines Versorgungspunktes zusammengebrochen, so dass er gleich darauf medizinisch versorgt werden konnte. Die Ärzte versuchten nach Angaben der Rettungsleitstelle Weilheim noch lange, die beiden zu reanimieren. Die Mühen waren aber vergeblich. Einer der Läufer sei nur etwa zehn bis 15 Minuten vom Ziel entfernt gewesen.

Alle Läufer waren am Sonntagvormittag im österreichischen Ehrwald bei Regenwetter gestartet, um die 1924 Höhenmeter zu überwinden. Die 16,1 Kilometer lange Wegstrecke führt zum Teil über Steingeröll. Der Rekord für das Rennen liegt bei zwei Stunden und drei Minuten – Bergsteiger benötigen für die Strecke rund neun Stunden bzw. nehmen sich zwei Tage für den Aufstieg Zeit.

Der Veranstalter des Extremberglaufs, die get-going GmbH in Garmisch-Partenkirchen, hatte die Teilnehmer selbst vor einigen Tagen vor Schneefall auf der Zugspitze gewarnt. Warum das Rennen nicht abgesagt wurde, ist unklar.

Im folgenden dokumentieren wir den Ablauf des Rennens:

Ehrwald (1020 m): Start zum 16,1 km langen Zugspitz Extremberglauf auf dem Martinsplatz mit 585 Teilnehmern am 13.7. um 9:15 Uhr. Seit 8.30 Uhr herrscht Dauerregen, Temperatur: 12 Grad. Den Teilnehmer wird gesagt, dass es auf dem Gipfel vier Grad sei. In Wirklichkeit werden um diese Zeit nur 2,7 gemessen. Bei der Startnummernausgabe wird ein Extra-Zettel verteilt, der darauf hinweist, dass kaltes Wetter gemeldet ist und warme Kleidung empfohlen wird. Aber der Moderator spricht auch vom „idealen Laufwetter“.

Ehrwalder Alm (1502 m): Erste Verpflegungsstation (VS)

Hochfeldernalm (1732 m): Zweite VS
Trotz Regen ist die Strecke über Pestkapelle bis zur Hochfeldernalm gut zu belaufen. Der Schwierigkeitsgrad dieses Abschnitts gilt für Wanderer als „leicht“, die Strecke verläuft auf einer breiten Forststraße.

Brandjoch (2110 m): Dritte VS
Es regnet weiter, teilweise stark, der Weg zum Brandjoch wird glitschiger und der Anstieg ist heftig. Vom Brand zum Gatterl geht’s leicht bergab, aber die Läufer müssen sich aufgrund der Nässe auf den Boden konzentrieren und können deshalb nur bedingt durchschnaufen.

Knorrhütte (2051 m): Ab der vierten VS wird der Boden gerölliger und ziehen sich die Steigungen lang hin. Das Gelände ist sehr offen und das Wetter verschlechtert sich: Die Temperaturen sinken auf null Grad, Regen geht in Schnee über, ab 12.00 Uhr schneit es richtig und heftiger Wind setzt ein. Gefühlte Temperatur für die erhitzten Läufer: ca. minus 15 Grad.

Bergstation Sonnalpin (2576 m): Erst nach 12 Uhr wird das Ziel offiziell an die Station der Zugspitzbahn vorverlegt, aber viele Läufer entscheiden sich schon vorher, hier „auszusteigen“. In den beheizten Konferenzräumen der fünften VS kümmern sich Helfer um die völlig unterkühlten Läufer. Sechs von ihnen werden auf die Intensivstation der Klinik Garmisch-Partenkirchen gebracht, mehr als 30 weitere in die Krankenhäuser von Murnau und Mittenwald. Insgesamt sind 94 Helfer des Bayerischen Roten Kreuzes und der Bergwacht im Einsatz, sieben Notärzte und vier Rettungshubschrauber, die wegen der schlechten Sichtverhältnisse aber nur zwei Einsätze fliegen können.

Zwischen Sonnalpin und Gipfel: Auf diesem hochalpinen Teilstück, dem anspruchsvollsten Streckenabschnitt überhaupt, der teilweise mit Fixseilen erleichtert werden muss, sterben die beiden Teilnehmer Uwe M. (41, Witten), Hans P. (45, Ellwangen) – der eine 200, der andere 100 Meter unter dem Gipfel. Sie waren bis dahin rund zweieinhalb Stunden unterwegs.

Ziel am Zugspitz-Gipfel (2944 m): Der Wind wird so stark, dass das Zieltor verrutscht und die Zielmatte nicht mehr sichtbar ist. Selbst die letzten Meter verlangen den ankommenden Läufer oft mehrere Anläufe ab, da mit gefühllosen Händen die Seile kaum mehr nutzbar sind. Das Ziel erreichen nur 193 Teilnehmer – der schnellste um 11:22 Uhr. Temperatur: minus 1,5 Grad, zehn Zentimeter Neuschnee.


Die Meinung unserer User und einige Teilnehmerberichte lesen Sie im Forum.

Zugspitz Extremberglauf

Bild: Bergwacht Bayern

Die extremen Wetterbedingungen machten allen Läufern zu schaffen.

Kommentar von Martin Grüning* :

Zwei Tote beim Zugspitz-Extremberglauf – man konnte es erwarten


Wenn im letzten Jahr schon bei Marathons in Deutschland acht Läufer starben, dann war der Tod am höchsten deutschen Berg doch eigentlich programmiert. 16,1 Kilometer steil bergauf über 2000 Höhenmeter – das ist härter als ein Marathon. Und dann schlug das Wetter um und es wurde nass, kalt, zehn Zentimeter Neuschnee fielen. Erstaunlicherweise waren die meisten Teilnehmer mit ihrer Bekleidung und ihrem Schuhwerk darauf nicht vorbereitet.

Dazu kommt, dass der schwierigste Teil beim Zugspitz-Extremberglauf auf dem letzten Streckenzehntel liegt. Vom Sonnalpin auf 2576 m bis zur Spitze in 2944 m sind es kaum zwei Kilometer, für einen Läufer scheinbar ein „Nichts“ – aber hier stehen vor ihm brutale 368 Höhenmeter im hochalpinen Gelände. Das wird von Läufern ohne Bergerfahrung komplett unterschätzt. Außerdem ist spätestens ab der Knorrhütte (2051 m) die Höhe spürbar. Sie schlägt sich auf die Atmung, eventuell die Orientierung nieder.

Warum hat der Veranstalter nicht, wie in vergangenen Jahren, das Ziel nach Sonnalpin vorverlegt? Hatte er das Wetter unterschätzt? Seine Stellungnahme steht aus, er wird zur Zeit von der Staatsanwaltschaft vernommen. Aber voraussichtlich wusste er um die Witterungsbedingungen. Ich glaube, er sah sich einfach durch die Erfahrung vergangener Jahre genötigt, das komplette „Abenteuer-Paket“ anzubieten. Zu groß war damals das Geschrei derer, die nicht bis auf die Spitze durften. Man könnte sich vorstellen, dass er dachte: „Es wird schon gut gehen. Sie haben es nicht anders gewollt.“

Unsere Gesellschaft ist eine Leistungsgesellschaft. Das erklärt auch teilweise den Marathon-Boom und das Angebot an Extrembergläufen. Aber nicht alle, die leisten wollen, können dies auch. Haben wir da als Laufjournalisten vielleicht auch mitgedreht am großen Rad, das da hieß: Jeder kann, jeder soll, jeder muss… laufen, laufen, laufen. Jeder kann Marathon laufen, jeder kann auf die Zugspitze laufen? Stimmt eben nicht!

Es wird Zeit, uns zurückzubesinnen auf uns selbst, auf das, was wir wirklich können. „Körpergefühl entwickeln“, das muss unser Credo sein, auch wenn wir zum Beispiel ein Laufmagazin machen. Nur ein Läufer, der seinen Körper kennt, kann einen Zugspitz-Extremberglauf vorzeitig abbrechen, so wie die Vorjahressiegerin Ellen Clemens, die auf dem Weg zum Zugspitzplatt umdrehte, sich von einem Mitglied der Bergwacht zurückleiten ließ und später anderen, völlig erschöpften Läufern zur Hilfe eilte.

Ich weiß, wovon ich spreche, das muss an dieser Stelle erwähnt werden, ich bin schon sechmal auf die Zugspitze gerannt, davon kam ich aber nur dreimal nach ganz oben, also bis auf die Spitze, die anderen Male habe ich den Lauf am Sonnalpin abgebrochen. Es war mir zu beschwerlich, mir war schwindelig... und ich konnte mal den Marathon in 2:13 Stunden rennen. Ich schreibe das, weil ich meine: Es gehört mehr Mut dazu, einen Lauf abzubrechen, als ihn beenden zu wollen.

Aber das sagt sich so leicht. Zumindest einer der Verunglückten war auch ein erfahrener Läufer (Marathonbestzeit 2:48 h). Wir trauern mit den Hinterbliebenen!

* Martin Grüning ist Stellvertretender Chefredakteur von RUNNER'S WORLD

Weitere Bilder vom Zugspitz Extremberglauf 2008 finden Sie hier.

Nach dem Zugspitz Extremberglauf

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