Im Zehnerteam beim 24-h-Lauf in Rodgau

Die zweite Hälfte für den "Bunten Haufen"

Die ganze Nacht hindurch muss beim 24-h-Lauf natürlich auch gelaufen werden.

Leserreporter Christina Otte

So ein 24-h-Stunden-Lauf macht hungrig: Neben dem Laufen stand das Essen ganz oben auf der To-Do-Liste.

Bild: Privat

Zwölf Stunden des 24-Stunden-Laufs waren vorbei

"Die nächsten vier Stunden werden die härtesten", so meine Gedanken kurz nach Mitternacht. Für jemanden wie mich, der gerne um 22 Uhr schlafen geht, dafür um sechs wieder aus den Federn springt, ist alles nach 24 Uhr echt schwer. Das frühe Aufstehen, die Hitze und nun die Warterei machten mich mürbe. Auch die vielen Gespräche, die Musik und trotz der Aufteilung in Gruppen eine permanente "Hab acht!"-Haltung forderten ihren Tribut. Mit Podcasts auf den Ohren, zwei Decken um mich gewickelt wartete ich auf meinen nächsten Einsatz gegen 0.30 Uhr.

Das war der fürchterlichste Lauf der ganzen Veranstaltung. Ich gehöre zu den Läufern, die unter Belastung extrem sensibel gegenüber Gerüchen, wechselnden Lichtverhältnissen und Temperaturen werden. Ich werde quasi mit jedem Schritt "sinnlicher". Stellt euch eine 400-Meter-Bahn vor. An den langen Seiten stehen links und rechts der Asche Pavillons – die Camps der einzelnen Teams. Manch ein Team hat seinen eigenen Physiotherapeuten dabei, die Läufer werden massiert. Mit Öl. Leider ist das wenigste Öl duftfrei. Oder das Zelt ist mit vielen Kerzen beleuchtet – da ist hin und wieder auch eine Duftkerze dabei.

Ständige Reize von außen erschweren das Laufen

Auf der Stirnseite steht die große Bühne, auf der bis weit nach Mitternacht Live-Musik geboten wird. An der anderen kurzen Seite hat ein örtliches Team seinen Stützpunkt mit einer Musikanlage ausgestattet. Die in der Regel etwas anderes darbietet als die Stadion-Anlage. Neben dem Stadion befindet sich der Kunstrasenplatz, welcher mit seiner Flutlichtanlage hin und wieder einen Teil der Bahn beleuchtete. Manch ein Zelt hatte ein Stroboskoplicht und an der Strecke lauerten Fotografen mit ihren Blitzen.

Meine erste Runde am neuen Tag lief somit eher mittelprächtig: 6,40 Kilometer in genau einer Stunde bei einer ruhigen Herzfrequenz von 141. In Summe war vor dem Schlafengehen die Halbmarathondistanz noch nicht ganz erreicht worden. Wenn man erst beim ins Bett kriechen bemerkt, das man den falschen Schlafsack – nämlich den kürzeren der beiden gleich aussehenden – dabei hat, .... Wenn aus der aufblasbaren Matratze seit dem Mittag fast alle Luft entwichen ist... Wenn man diesen Mangel mit Körperspannung auszugleichen sucht, statt erneuten Aufblasens zu Ungunsten des Schlafes der anderen Zelter... Wenn irgendwann die Blase meint, es sei vielleicht doch klüger, nochmal ins Waschhaus zu gehen... Dann weiß man ganz genau: Ich bin kein Camper.

Zum Glück schaute ich auf dem Rückweg vom Waschhaus noch bei unserem Pavillon vorbei und durfte mir dann Vanessas Schlafsack borgen. Die Hiobsbotschaft, dass Carstens Knie plötzlich nicht mehr wollte und er nun für den Rest der Veranstaltung nicht mehr laufen könne, nahm ich wohl wahr, aber nicht auf. Ich schlich ins Zelt zurück und fand tatsächlich für ein paar Stunden Schlaf. Es war ja nicht so wichtig, ob ich um acht schon wieder startklar war. Denn dann käme Petra, die die nächsten zwei Stunden gerne für uns laufen wollte.

Plan B muss her

7.28 Uhr – Guten Morgen zusammen, die Sonne scheint! Habt ihr gut geschlafen – Äh, seid ihr gut gelaufen? Ein Blick in die Runde: etwas müde, aber dennoch motivierte Gesichter leuchteten mir unter dem Dach entgegen. Ich schaltete das Smartphone wieder ein und erschrak: Wir brauchen einen Plan B für die nächsten Stunden. Unserer Läuferin geht es nicht gut, sie wird nicht um acht Uhr die Ablösung stellen. Kurze Panik, zumal in der Nachtschicht ja auch schon Ausfälle ausgeglichen werden mussten. Aber wir schaffen das ganz sicher! Mal eben die anderen aus der ersten Gruppe geweckt mit der Ankündigung: Nichts mit weiterschlafen, ihr dürft endlich wieder laufen!

Zwischenzeitlich wurden Croissants geliefert – vegane Croissants! Verflixt, noch ganz warm – und ich muss los. Zwischen acht und zehn Uhr liefen wir in 800-Meter-Einheiten. Für mich waren es vier Runden mit einer Pace von 7:26 min/km und einer konstanten, mittleren Herzfrequenz von 158. Es lief locker. Leicht. Mit der Sonne auf dem taunassen Grass und so langsam erwachenden oder wieder eintreffenden Läufern um uns herum. Die Stimmung war trotz des sportlichen Umfeldes idyllisch. Irgendwann hatte ich keine Lust mehr auf kurze Einheiten. Es schien jedoch auch so, als hätte der überwiegende Teil der Gruppe nichts dagegen, wenn einer von uns etwas länger liefe. Schon auf den kurzen Runden plauderte ich mit der Zahnfee, der einzigen weiblichen Einzelläuferin im Startfeld. Da hatte sie schon ihren "doppelten Marathon" hinter sich.

Mit Plaudern fällt das Laufen leichter

Die letzten zwei Stunden waren angebrochen. Nur noch zwei Stunden oder noch zwei Stunden? Diese Frage mag dann jeder für sich beantworten. Ich befand mich irgendwo dazwischen. Doch mir fiel das Laufen leicht. Ich lief einfach immer weiter, einige Runden mit der Zahnfee, die sich über das Mitziehen freute. Und ich freute mich, die Berichte eines Einzelstarters zu hören. Komischerweise lief es sich jetzt mit Plaudern und trotz deutlich weniger Schlaf viel besser. Nach 46:24 Minuten überließ ich nochmal den anderen die Bahn, hatte ich mir doch fest vorgenommen, auch die letzte Viertelstunde noch zu laufen. 5,6 Kilometer bei einer Herzfrequenz von 153 waren es.

Noch 18 Minuten. Auf in die letzte Einheit! Schien bisher die Sonne, zog es sich nun so langsam aber sicher zu. Es begann zu tröpfeln. Passend zu meiner Stimmung. "Wie? Jetzt schon vorbei? Wo sind die 24 Stunden hin?" Einige Teams legten sich noch mal richtig ins Zeug: Wechsel der Läufer nach jeder Runde, perfekte Staffel-Übergaben – einfach genial, wie eingespielt die meisten waren! Es macht zwar echt keine Freude, permanent überrundet zu werden – vor allem, wenn du selbst das Gefühl hast, aus dem letzten Loch zu pfeifen. Aber ich bin begeistert von den Teams, die angetreten sind, um zu gewinnen! Immerhin ist dieser Lauf auch ein Spendenlauf.

Endspurt beim 24-h-Lauf

Kurz vor zwölf Uhr. Die Zuschauerränge wurden dichter, es wurde nochmal darauf hingewiesen, dass noch einige Teams um Runden kämpfen und bitte nur ein Läufer pro Mannschaft auf der Bahn sein möge. Blick auf die Uhr: wenn ich jetzt etwas schneller werde, schaffe ich noch zwei Runden ganz. Komm schon, das schaff ich noch! Auch wenn wir nicht vorn liegen, jede Runde zählt! Und ich hab es geschafft! Kaum über die Matte, schon kam der "Schlusspfiff".

Lustigerweise war ich auf gleicher Höhe mit der Zahnfee und dem Schlafwandler. Wir liefen gemeinsam locker weiter und zum Glück trug ich die Sonnenbrille, denn irgendwie war ich total glücklich, mit "We are the Champions" kullerten die Freudentränen. Geschafft! Der Bunte Haufen ist mit 526 ganzen Runden glorreich auf dem vorletzten Platz der Teamwertung gelandet. Eine Gruppe, die sich aus Startern vom letzten Jahr (Vegan Turtlerunners & Friends), den Mondscheinrunläufern aus Neuss und deren Freunden zusammensetzte. Carsten, Christiane, Ida, Ina, Lisa, Petra, Sandra, Sören und Vanessa - ihr wart einfach super! Mich hat es sehr gefreut, mit euch zusammen unterwegs zu sein. Nächstes Jahr bin ich ganz bestimmt wieder dabei.

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