Unklare Zahlen

Die Stunde der fairen Siegerinnen

Nach ihrem Überraschungssieg über 3.000-m-Hindernis überzeugte Marta Dominguez durch ihre Fairness.

LA-WM in Berlin

Während die Läuferinnen über 3.000-m-Hindernis und die Stabhochspringerinnen für faustdicke Überraschungen sorgten, verlief im Finale über 10.000 Meter alles nach Plan des großen Meisters Kenenisa Bekele (rechts). Zersenay Tadese machte das Rennen schnell und Bekele heftete sich an dessen Fersen, um seinen Turbo auf der letzten Runde zu zünden.

Bild: Claus Dahms

Olympiastadion, Montag, 23.00 Uhr: Der Montagabend brachte eine Stunde der Überraschungen – und eine Stunde der fairen Siegerinnen. „Gulnara Galkina steht außerhalb jeder Reichweite, die ist völlig unerreichbar“, hatte Antje Möldner nach ihrem deutschen Rekord im Vorlauf über 3.000-m-Hindernis noch festgestellt. Im Finale zeigte sich dann, dass auch die Größten mal einen schlechten Tag erwischen. Sicher war es die Olympiasiegerin mit der Weltrekord-Bestzeit von 8:58,81 Minuten nicht gewöhnt, praktisch das komplette Rennen in einer kompakten Spitzengruppe zu laufen. Hindernisse und der Wassergraben machen das Rennen in einem dichten Feld zu einer komplizierten, sturzgefährlichen Materie.

Als es dann auf die letzte, entscheidende Runde ging, hatte die favorisierte Russin nichts mehr zuzusetzen und erreichte mit 9:11,09 als Vierte nicht einmal mehr das Podium. Die Spanierin Marta Dominguez wuchs über sich hinaus, übersprintete auf den letzten 100 Metern die Konkurrenz und siegte in neuem persönlichen Rekord von 9:07,32. Auf der anschließenden Pressekonferenz stellte die neue Weltmeisterin aber fair und klar fest: „Gulnara Galkina war die Beste und sie ist auch weiterhin die Beste.“

Die gleiche sportliche Fairness dokumentierte die neue Weltmeisterin im Stabhochsprung Anna Rogowska aus Polen. Parallel zum Rennen der Frauen über 3.000-m-Hindernis fiel hier die Entscheidung – gegen die „Überfliegerin“ Elena Isinbaeva. Sie war wohl die „sicherste Bank“, auf die man vor dieser WM wetten konnte und doch scheiterte sie fataler Weise an ihrer Anfangshöhe. Isinbaevas verfehlte Anfangshöhe von 4,75 m reichten so Anna Rogowska zum Sieg im Stabhochsprung, übermütig machte sie das nicht. Der faire Kommentar der siegreichen Polin hinterher: „Elena Isinbaeva ist die Beste, sie ist die einzige Fünf-Meter-Springerin der Welt.“

Weniger fair scheint das Organisationskomitee (BOC) mit den Zuschauerzahlen umzugehen. 67.846 zählte der ausrichtende Verband am ersten Tag der WM, 74.413 am zweiten und immer hin noch 30.496 am dritten.

Das sind beeindruckende Zahlen, bedeutet aber noch lange nicht, dass am Sonntagabend auch tatsächlich knapp 75.000 Zuschauer im Stadion saßen. Trotz großartiger Stimmung war das nämlich ganz und gar nicht der Fall. Das BOC klärt auf: 23.300 besuchten die Quali-Wettkämpfe am Morgen, 51.113 die große Usain Bolt-Show am Abend. An diesem Sonntag war es – wie an fast allen Tagen - jedoch überhaupt nicht möglich, eine Karte allein für die morgendlichen Wettkämpfe zu kaufen. Ausschließlich Tageskarten waren erhältlich. Die vielen Zuschauer, die morgens und abends im Stadion saßen, wurden einfach doppelt gezählt. Gut für die Zahlen-Bilanz, gut für das Image, aber sportlich fair eben auch nicht.

Hier finden Sie die weiteren Einträge im WM-Tagebuch von Runner's-World-Redakteur Claus Dahms:

Mein Berlin-Tagebuch vom 15. August 2009
Spaß statt Erfolg vom 15. August 2009
Weltmeisterin fiel hin – aber nicht durch vom 16. August 2009
Nur acht Sekunden hinter dem Weltrekord vom 17. August 2009


Hier finden Sie ein Dossier mit allen Informationen rund um die Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2009 in Berlin