Outrun the Sun, Chamonix

Die Sonne besiegt

11 Trailläufer liefen beim "Outrun the Sun" in Chamonix über 152 Kilometer und 9500 Höhenmeter rund ums Mont Blanc-Massiv gegen die Sonne.

Outrun the Sun Chamonix 2014 - Fotos

Outrun the Sun: Beim Wettstreit „Mensch gegen Natur“ hat der Mensch gesiegt

Es war 20.44 Uhr und Thomas Lorblanchet schaute hoch zur Sonne und lächelte, und dann sagte er eher zurückhaltend leise: „Geschafft! Wir haben die Sonne besiegt!“ Erst 38 Minuten später war sie weg, die Sonne, 15:41 Stunden nachdem sie aufgegangen war. Nicht für immer, aber für diesen Tag, einen aufregenden Tag. Der Franzose Lorblanchet, 34, und seine drei Mitstreiter, der Japaner Kota Araki, 30, sein französischer Landsmann Xavier Thevenard, 26, und der Schwede Jonas Buud, 40, hatten den Ultra Trail du Mont Blanc in genau fünfzehn Stunden, drei Minuten und 37 Sekunden umrundet. Als Staffel. Jeder der vier lief einen Abschnitt zwischen 28 und 43 Kilometer, summa summarum 152 Kilometer, aber das Schwierigste: auf der Strecke galt es gut 9500 Höhenmeter zu überwinden. Der Name des Unternehmens: Outrun the sun!

Oberhalb dieses Artikels finden Sie eine Zusammenstellung der schönsten Bilder vom Outrun the Sun rund um den Mont Blanc

Das Team "Ultra-Trail" setzte sich beim "Outrun the Sun" in Chamonix erfolgreich gegen die Sonne durch.

Bild: Veranstalter

Nur ein Team von zweien „outrunnte“ die Sonne.

Neben dem Team „Ultra-Trail“ hatte sich auch noch das Team „Enduro“ auf den langen Weg ums Massiv gemacht, vier Männer plus drei Frauen. Alles sehr gute Läuferinnen und Läufer, ebenfalls überwiegend mit Trailerfahrung. Sie kämpften bis zum Schluss gegen den gelben Sonnenball, der unweigerlich seine Bahn fortsetzte, und machten bei ihrem Kampf deutlich, dass das Vorhaben nicht so spielend leicht war, wie es die vier Sonnen-Besieger vom Team „Ultra-Trail“ erscheinen ließen. „Die vier sind auch echte Trail-Giganten“, meinte Lukas Naegele, der im Enduro-Team die deutschen Farben vertrat, „Xavier Thevenard hat das Massiv ja 2013 schon im Alleingang in 20,5 Stunden umrundet“. Naegele, immerhin der Sieger des diesjährigen Freiburg-Marathons, war dagegen zum ersten Mal bei einem echten Trail-Rennen dabei und hatte einen eher kürzeren Part von gut 15 Kilometern zu bewältigen. „Es war ein Wahnsinns-Erlebnis“, meinte der Freiburger, der eigentlich von der Mittelstrecke kommt und in der Jugend zu Deutschlands besten 1.500-m-Läufern gehörte, „das brauche ich wieder. Unbedingt.“ Sein Team „Enduro“ machte es spannend, richtig spannend, aber am Schluss reichte es nicht. Ganz knapp nicht. Um die Winzigkeit von 33 Sekunden verpasste das zweite Team den letzten Sonnenstrahl. Trotzdem wurden Naegele und seine Mitläufer genauso gefeiert wie die vier siegreichen Giganten.

Outrun the sun

Bild: Veranstalter

Über Stock und Stein führt die Trail-Strecke rund um das Mont-Blanc-Massiv beim Outrun the Sun.

Statt eins mit der Natur, ging es gegen die Natur beim Outrun the Sun

„Es war anders als alles, was ich zuvor gemacht habe“ meinte Xavier Thevenard, der vielleicht beste Ultratrailläufer der Welt, schon in seinem Etappenziel in Comayeur, als noch nicht einmal die Hälfte des Rennens vorbei war, „denn es ging nicht gegen die Gegner, die man sonst hat, solche aus Fleisch und Blut, sondern gegen ein Element, was uns bestimmt und beherrscht: die Sonne.“ Und dann schob er mit einem leichten Schmunzeln nach: „ Sonst sind wir auf dem Trail eins mit der Natur, jetzt ging es gegen die Natur…“. „Das war zwar als Scherz gemeint, aber eigentlich einer mit einem Körnchen Wahrheit“, schob in diesem Moment Rennleiter Laurent Ardito nach, der Mann also, der das ganze Event über Wochen mit akribischer Detailversessenheit vorbereitet hatte. „Und es war das Team, was „Outrun the sun“ besonders gemacht hat“, ergänzte der Schwede Jonas Buud, der schon sieben Mal den legendären Swiss Alpine Marathon (79 km, 2660 Höhenmeter) in Davos gewonnen hat, später am Abend beim Dinner: „Ansonsten sind wir Ultraläufer alleine, Einzelgänger eben, speziell bei den Trailrennen sind wir eigentlich nur in unserer Welt. Aber heute dachte ich nicht an mich, sondern immer nur an Kota, Xavier und Thomas… und die Sonne.“

Im nächsten Jahr schneller

„Das schreit nach einer Wiederholung“, meinte Thomas Lorblanchet vom Sonnen-Besieger-Team am Morgen nach dem Rennen noch immer begeistert, der am Vortag den 37 Kilometer langen Schlusspart übernommen hatte, „im nächsten Jahr bleiben wir unter 15 Stunden.“ Und er schlug vor: „Lassen wir doch mehrere Teams antreten, die sich gegenseitig zur schnellsten Umrundung aller Zeiten motivieren. Und… eigentlich hat das Ganze auch Potenzial für ein Massenevent, also für viele Staffeln mit vielen gut trainierten Freizeitläufern!“ Wenn so einer wie Lorblanchet das sagt, dann scheint das nicht abwegig, der kennt sich schließlich aus in der Trailszene, war er doch auch schon Weltmeister im Ultratrail-Running. „Dazu sage ich jetzt nichts“, meinte Laurent Ardito, was immerhin schon einmal keine Absage an die Idee war.

Zitate Team „Ultra-Trail“

„Der Mont Blanc ist tatsächlich nochmal eindrucksvoller als unser höchster japanischer Berg, der Mount Fuji. Aber er ist ja auch gut 1000 Meter höher. Der Mount Fuji ist uns Japanern heilig, was mir dann der Mont Blanc wohl sein sollte?“

Kota Araki, der Japaner, der erst um zweiten Mal in Europa war (sein erstes Mal war eine Teilnahme am Berlin-Marathon, wo er 2:35 h lief), hatte den ersten Streckenteil von Team „Ultra-Trail“ von Chamonix/FRA nach Notre Dame de la Gorges/FRA über 28,6 km übernommen, bei dem es 1475 m bergauf und 1300 m bergab ging

„Ich war mir vor dem Start nicht ganz sicher, ob wir es schaffen würden. Nein, ich habe an keinem meiner Team-Kameraden gezweifelt, aber an mir selbst. Doch als ich einmal unterwegs war, wusste ich, dass auch ich kein Hindernis sein würde, es lief wunderbar.“

Xavier Thevenard, Franzose, hat im letzten Jahr den klassischen Ultra Trail du Mont Blanc, bei dem man alleine läuft, in der Streckenrekordzeit von 20:34 Stunden gewonnen und lief in der Staffel „Ultra-Trail“ die 43,4 km von Notre Dame de la Gorges/FRA nach Courmayeur/ITA mit 2667 Höhenmetern, wobei er drei hohe Pässe überquerte

„Mein letztes hartes Rennen lag nur drei Wochen zurück und das war 90 Kilometer lang, aber obwohl es heute nur eine halb so lange Strecke war, fiel diese fast genau so schwer, denn die Kombination aus Höhe und Höhenmetern hatte es für einen Schweden einfach in sich.“

Jonas Buud aus Schweden wurde zuletzt Zweiter beim legendären Comrades-Marathon (90 km) in Südafrika und musste 42,4 km mit 2.659 Höhenmetern von Cormayeur/ITA nach Champeix/SUI für Team „Ultra-Trail“ bewältigen, dabei ging es auch über den Grand Col Ferret, den mit 2.537 m höchsten Punkt der Strecke

„Ich hatte ein gutes Zeitpolster auf meinem letzten Streckenteil mitbekommen, das machte es mir leicht, mein Rennen vorsichtig einzuteilen. Ich habe einfach nur von der guten Vorarbeit der anderen drei profitiert und musste nur noch mal eben 43 Kilometer nach Hause schaukeln.“

Thomas Lorblanchet, Franzose, hat 2012 eines der spektakulärsten Trailrennen der Welt gewonnen, den Leadville Trail 100 in den USA, er lief die letzte Etappe von Team „Ultra-Trail“, 37,6 km mit 2420 m bergauf und 2850 m bergab von Champeix/SUI nach Chamonix/FRA

Zitate Team „Enduro“

„Ich wusste, dass es eng werden würde und ich steigerte das Tempo immer weiter. Die letzten Kilometer durch Charmonix bin ich gefühlt so schnell gelaufen, wie nie zuvor im Finale eines Wettkampfs. Und trotz der fehlenden 33 Sekunden bin ich stolz, einfach nur stolz, dass wir immerhin eine realistische Chance hatten, die Sonne zu schlagen.“

Megan Kimmel, US-Amerikanerin, die in ihrer Heimat schon mehrfach als Trailläuferin des Jahres ausgezeichnet worden ist, hatte die 22,8 km lange Schlussetappe des Team „Enduro“.

„Ein Schaf ist schuld, dass wir es nicht geschafft haben. Ich musste es zwischendurch aus einem Zaun befreien, das hat einige Minuten Zeit gekostet. So ein blödes Schaf.“

Genis Zapater, der Spanier ist ein Ausdauer-Multi-Talent, war 2013 zum Beispiel spanischer Meister im Mountain Skiing und hatte im Team „Enduro“ mit 24,1 km die dritte Etappe zu schaffen

„Ich bin schuld, dass wir es nicht geschafft haben. Ich habe am Schluss im Fullspeed einen Abzweig verpasst und bin eine kleine Zusatzschleife gelaufen, das hat mindestens zwei bis drei Minuten gekostet.“

Lukas Naegele, Deutschland, lief in diesem Frühjahr in Freiburg seinen ersten Marathon und gewann in 2:32 h, er hatte Etappe sechs des Teams „Enduro“ zu bewältigen, die wegen zu viel Schnee auf der Strecke von 25 auf 14,8 km verkürzt worden war