Dieter Hogen

Die Situation in Kenia im Vergleich zu Deutschland

Das Potenzial in Kenia ist riesig, die Talentförderung eher mittelmäßig.

Trainergespräch in Kenia

Dieter Hogen im Gespräch mit Evans Rutto, der die Marathonrennen in Chicago und London gewann. Persönliche Probleme stoppten die Karriere von Rutto, der einer der talentiertesten Marathonläufer aller Zeiten war.

Bild: photorun.net

Viele Kinder in Kenia, in den ländlichen Gegenden viel öfter als in Städten, kommen früher oder später automatisch mit dem Laufen in Berührung. Erstens, weil sie sich natürlicher- oder gezwungener Weise viel zu Fuß bewegen. Dabei rennen sie schnell mal ein Stück. Zweitens, weil bestimmte Rahmenbedingungen, mit denen sich die nächsten, folgenden Punkte beschäftigen, stimmen und drittens, weil es eine ununterbrochene Folge von Crossläufen gibt, beginnend im Herbst, derzeit schon im Oktober, und natürlich in der Cross-Hauptsaison zwischen Januar und März. Oft finden mehrere Veranstaltungen in verschiedenen Orten an einem Wochenende statt. Dazu kommen Schul-Crossläufe, die im März beginnen. Zunächst wird gelaufen, um in den Schulen ein Team zu bilden, das dann zu den Orts- und anschließenden Regional-Wettkämpfen antritt. Dann folgen die Distrikt-Meisterschaften für alle Altersklassen sowie die Provinz- und Landesmeisterschaften. Die Besten können bei den Afrika- und Welttitelkämpfen starten, auch die Junioren. Die Weltmeisterschaften der Junioren sind aber ein sehr kontroverses Thema. Neben den nationalen Crossläufen gibt es ganzjährig Straßenlaufveranstaltungen über verschiedene Streckenlängen.

Ein bestimmter Prozentsatz des vorhandenen Talente-Pools steht also über diese Wettkämpfe der Sichtung zur Verfügung. Aber wie hoch ist dieser Prozentsatz, gemessen an der Gesamtzahl der Kinder, die für das Laufen veranlagt wären? Um eine klare Aussage zu diesem Punkt zu bekommen, habe ich jemanden befragt, der seit über 30 Jahren im Rift Valley lebt und arbeitet und mit dem ich gut befreundet bin – Bruder Colm. Sein voller Name ist Colm O'Connell, er stammt aus Irland, war viele Jahre hier in Kenia als Lehrer am St. Patrick's Gymnasium tätig, anschließend auch als Direktor. Er fing an, in seiner Freizeit Läufer zu trainieren. Die Namen derjenigen Läufer, die Weltklasseniveau erreichten, sind ausreichend bekannt. Im Moment betreut er hauptsächlich Isaac Songok, Augustine Choge und den neuen 800-m-Star David Rudisha.

Wir haben unzählige Male zusammen gesessen, oft 3 bis 4 Mal pro Woche, und uns über alles Mögliche ausgetauscht. Es ist immer interessant, ihm zuzuhören, wegen seiner Lauf- und Kenia-Erfahrung, aber auch weil er viele Geschichten erzählt, über die man lachen muss. Zur oben gestellten Frage gab er mir eine klare Antwort, die mich überrascht hat: 10 Prozent. Wow, 10 Prozent, nicht mehr? Er sagt, dass die meisten Kinder nicht zum eigentlichen Laufen kommen, weil zum Beispiel viele Schulen keinerlei Interesse zeigen. Auch die guten Zeiten des St. Patrick's Gymnasiums sind seit einigen Jahren vorbei (Das komische ist, dass es seitdem auch akademisch steil bergab geht – sieht jemand einen Zusammenhang? Die Schule war mal unter den Top drei in Kenia. Davon ist sie jetzt weit entfernt.). Außerdem sei es für viele Kinder nicht möglich, zu den Wettkämpfen zu kommen, weil die Anreise nicht gewährleistet werden kann, die familiären Verhältnisse extrem schlecht sind und so weiter.

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