Die Streif in Kitzbühel berauf

Die schwierigste Abfahrtsstrecke der Welt mal andersrum

Unser Leserreporter Philip Mes, Lauftrainer und Asics Frontrunner, stellte sich beim Vertical Up in Kitzbühel der Herausforderung: Er rannte die Streif bergauf.

Vertical Up Kitzbühel 2016

Nach dem Start ist die Steigung beim Vertical Up auf der berüchtigten Abfahrt, der Streif, in Kitzbühel noch moderat, trotzdem ist das Laufen im nassen Schnee kräftezehrend.

Bild: Michael Werlberger

Sie gilt als die schwierigste Abfahrtsstrecke der Welt – die Streif in Kitzbühel. Was beim spektakulären Hahnenkammrennen das Ziel ist, ist beim Rennen "Vertical Up" der Start und umgekehrt: Der Start ist das Ziel. Das Ziel beim Vertical Up in Kitzbühel ist es, die Originalstrecke der Streif so schnell wie möglich hoch zu rennen: 3,3 Kilometer und 860 Höhenmeter. Ob mit Tourenski, Steigeisen, Spikes oder barfuß, ist ganz egal.

Es ist meine dritte Teilname in der Speed Klasse beim Vertical Up in Kitzbühel und ich stehe in Laufhosen bei 0 Grad mit Helm und Stirnlampe in erster Reihe am Start. Respekt, Vorfreude und höchste Konzentration kommen vorm Start zusammen. Dann um 18:30 Uhr der Kanonenstart. Ich presche durch knöcheltiefen sulzigen Schnee los, bis Beine und Lunge brennen. Dabei befinden wir uns gerade mal beim Zielsprung, wo sonst Abfahrtsfahrer Sprünge mit bis zu 80 Metern hinlegen. Hier will ich Meter zu machen, um mich von der großen Masse zu lösen.

Spätestens ab der Traverse herrscht Chaos. Jeder versucht auf der vereisten Schräge die optimale Linie zu finden, ohne auszurutschen und andere mit in die Tiefe zu reißen oder gar mit Steigeisen zu verletzen. Doch einige sausen bei Vertical Up wie Geschosse durch die anderen Läufer. Gut, dass es seit diesem Jahr eine Helmpflicht gibt. Ich weiche aus Erfahrung nach rechts an den Waldrand aus und verliere zum ersten Mal meine rechten Spikes. Sofort verliere ich den Halt auf der vereisten Steigung. Also anhalten, Schuhe richten, weiterlaufen. Sonst lande ich schneller im Tal als mir lieb ist.

Nach der Hausbergkante mache ich im Lärchenschuss und am Oberhausberg sprintend einige Plätze gut. Puls und Atem rasen um die Wette. Ein Schluck heißer Tee an der Seidelalm kommt gerade Recht. Hier war einmal die Idee zum Hahnenkammrennen entstanden. Irgendwie vermisse ich die aufmunternden Worte vom Urgestein Pauli: " Philip Du wüida Hund, aufi aufi!", bevor es in den Seidelalmsprung geht.

Hauptsache rauf, egal wie. Beim Vertical Up in Kitzbühel darf man die Streif mit Tourenski, Steigeisen oder Spikes bezwingen.

Bild: Michael Werlberger

Hell beleuchtet liegt die Alte Schneise vor mir. Stirnlampen wuseln wie auf der Perlenschnur gezogen hinauf. So steil und schräg hatte ich diesen Abschnitt nicht mehr in Erinnerung. Ich nutze die unregelmäßig in die Piste geschlagenen Stufen meiner Vorgänger und arbeite mich Schritt für Schritt, Stockeinsatz für Stockeinsatz und Atemzug um Atemzug der Absprungkante entgegen.

Die Gleitstücke Brückenschuss und Gschöss bringen mich zur Schlüsselstelle des Abfahrtsrennens: Die Steilhang-Ausfahrt. Hier fällt auf beim Skirennen die Vorentscheidung über Sieg und Niederlage. Doch bergauf laufend kann uns diese nichts anhaben. Dafür fordert der nun zu erklimmende und technisch anspruchsvolle Steilhang. Spätestens hier stellt sich heraus ob Materialwahl und Renntaktik die Richtige gewesen ist. Es ist so steil, dass man nur mit weit vorgebeugtem Oberkörper und auf die Stöcke gestützt hoch kommt.

Jeder Schritt will mit Bedacht gesetzt werden, denn ein Fehler endet hier ähnlich wie beim legendären Skirennen, mit einem Sturz unaufhaltsam in den Netzen. Ausgerechnet hier verliere ich erneut meine Spikes am rechten Schuh. Ich rutsche und kann keinen Schritt mehr setzen. Auf einem Bein im steilen Hang versuche ich mein Problem in den Griff zu bekommen.

Philip Mes beim Vertical Up in Kitzbühel

Bild: privat

Den Blick immer nach oben: Philip Mes beim Vertical Up in Kitzbühel.

Ich erreiche das Karussell und höre die begeisterte Menge an der Mausefalle, die uns Läufer lautstark anfeuert. Deswegen gebe ich in der Kompression noch mal richtig Gas. Ich quäle mich die spiegelglatte Mausefalle rauf, die steilste Abfahrt der Welt mit 85% Steigung. Vor sechs Wochen bin ich hier noch mit Skiern runter gefahren. Ich weiß nicht, was furchteinflößender ist. Runter oder rauf?

Hunderte Zuschauer säumen die letzten Meter bis ins Ziel und jeder Läufer ist nun völlig ausgepowert. Meine Oberschenkel brennen und sind schwer wie Blei. Ich beiße, ich kämpfe und gebe noch mal alles. Mit dem Schritt ins Starthäuschen habe ich es geschafft und bekomme nach 49 Minuten meine Finishermedaille umgehangen.

Die Schlacht am Hahnenkamm ist geschlagen! I’ll be back for "A Hell of a Run".