Leser-Reporter

Die fünf Arten des Läufers

Zwischen fünf Arten unterscheidet unsere Leser-Reporterin Tatjana Scholl bei der Gattung der Läufer. Zu welcher gehören Sie?

Bauch

Gattung: Läufer
Geschlecht: männlich
Art: übergewichtig

Bild: Tatjana Scholl

Es gibt in der Gattung der männlichen Läufer im Wesentlichen zwei Arten:

Art Nummer eins ist der athletische Läufer. Bei einer Körpergröße von über 1,80 m wiegt er kaum mehr als fünfzig Kilo. Scheinbar mühelos überwindet sein aerodynamischer Körper jede Steigung und Distanz und er strahlt dabei stets die Grazie einer Gazelle aus. Selbstverständlich ist er für jedes nur erdenkliche Witterungsverhältnis professionell ausgestattet. Es gibt absolut nichts an seinem Körper das nicht atmungsaktiv, winddicht oder feuchtigkeitstransportierend ist. Seine Leistung überwacht er mit Hilfe eines Smart-Phones, das in seinem Laufgürtel steckt gleich neben der Flasche mit dem isotonischen Getränk. Wenn man im Dunkeln läuft und in der Ferne den hüpfenden Ball einer Stirnlampe auf sich zukommen sieht, handelt es sich höchst wahrscheinlich um ein Exemplar dieser Art, denn keine andere Kategorie Läufer trainiert mit so viel eiserner Disziplin wie diese.

Art Nummer zwei ist der übergewichtige Läufer. Er quält sich nur nach draußen, weil seine Frau ihm mit dem Entzug körperlicher Liebe gedroht hat, wenn er nicht endlich abspeckt. Sein Laufshirt sitzt zwar wie eine Wurstpelle, aber da er es seit den achtziger Jahren kaum getragen hat, sieht es noch aus wie neu. Sein Kopf ist knallrot und das Frottee-Stirnband schafft es kaum die Sturzbäche aufzuhalten. Er würdigt die Natur kaum eines Blickes, denn er ist viel zu beschäftigt mit seiner Schnappatmung. Leider verschwindet diese Art von Läufer häufig noch vor dem ersten Erfolgserlebnis.

In der weiblichen Läufergattung begegnen einem ebenfalls zwei Arten:

Zum einen gibt es Läuferinnen wie mich. Wenn ich morgens gleich nach dem Aufstehen laufen gehe, mache ich mir noch nicht einmal die Mühe meine Haare zu kämmen. Es würde auch nicht all zu viel bringen, denn ohne Wasser sind sie kaum zu bändigen. Ich durchwühle meinen Wäschekorb, weil ich am Vortag vergessen habe meine Laufklamotten zu waschen und wähle per Riechtest aus mit welchem Shirt ich mich am ehesten raus trauen kann. Anschließend verlasse ich das Haus. Ich bin schon fast bei Kilometer zwei, als ich endlich wach bin und mir einfällt, dass ich mir nicht einmal die Zähne geputzt habe. Mein Shirt kratzt und beißt, und ich weiß nicht ob es daran liegt, dass ich es beim Discounter erstanden habe oder vielleicht an meinem Weichspüler, der – wie ich neulich erfahren habe – auf Funktionskleidung nichts zu suchen hat. Ich denke jedoch, dass meine Ausstattung kaum mehr Funktion hat als meinen Körper zu bedecken. Und genau in dem Moment, in dem mir meine etwas gammelige Erscheinung bewusst wird, begegne ich einer Läuferin der Art Nummer zwei.

Sie gehört zu den Frauen, die regelmäßig das Cover der RUNNER’S WORLD zieren. Selbst in ihren eng anliegenden, alles gnadenlos abzeichnenden Tights sieht sie großartig aus. Ihre Oberbekleidung ist selbstverständlich auf die Farbe der Hose, der Socken, der Turnschuhe und des Haargummis abgestimmt und ich bin sicher, dass sie unter der Designer-Sonnenbrille ihre Wimpern getuscht hat. Beim Vorbeilaufen rieche ich einen Hauch ihres Parfums und möchte mir nicht ausmalen, von was sie in diesem Moment einen Hauch abbekommt.

Abschließend möchte ich noch eine fünfte Art von Läuferinnen und Läufern erwähnen:

Die Kategorie jenseit der 65. Keine der Läuferarten ist so beeindruckend wie diese. Meist begegnen wir ihnen zu Anfang mit Skepsis. Bei Wettkämpfen stehen sie aufgereiht dicht hinter der Startlinie und wir fragen uns, wer diese betagten Läufer so weit nach vorne gelassen hat. Doch kaum fällt der Startschuss, haben wir Mühe mitzuhalten und spätestens an der Ziellinie müssen wir zerknirscht eingestehen, dass einige der älteren Mitstreiter noch weitaus frischer aussehen als wir.

Doch eines haben alle Arten gemeinsam. Sie gehören alle zur Gattung der Läufer und damit zu einer Gruppe von Menschen, die immer wieder aufs Neue in ihre Laufschuhe steigen um sich dem Kampf mit sich und ihrem Körper tapfer zu stellen und dafür haben sie alle den größten Respekt verdient.

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