Frank Hofmann

Die Bibel ist ein einziges großes Laufbuch

Das Motiv der körperlichen Bewegung als Veränderung des Menschen zieht sich vom ersten Buch Mose bis zu den Briefen des Paulus. So gesehen ist die Bibel ein einziges großes Laufbuch.

Frank Hofmann Predigt Frankfurt-Marathon

Rund 150 Marathonläufer kamen zu dem Gottesdienst am Vorabend des Frankfurt-Marathons 2012.

Bild: Lothar Jung-Hankel

RUNNER'S WORLD Chefredakteur Frank Hofmann predigte vor dem Frankfurt-Marathon 2012 in einem ökumenischen Gottesdienst. Zum Weihnachtsfest dokumentieren wir seine Predigt, in der er die läuferischen Aspekte der Bibel betrachtet.

1. Buch der Könige, 19,5-8:

"Und siehe, ein Engel rührte Elia an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! 6 Und er sah sich um, und siehe, zu seinem Haupt lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen. 7 Und der Engel des HERRN kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir. 8 Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb."

Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Liebe Läuferinnen und Läufer,
die biblische Geschichte von Elias Wüstenwanderung kann man wohl nur als Langstreckenläufer in ihrer ganzen Dramatik verstehen. Vor der Szene mit dem Engel, die wir eben gehört haben, hat sich der Prophet auf dem Berg Karmel ein Duell mit 450 Priestern eines anderen Gottes geliefert: Da stand Jahwe gegen Baal; der Gott Israels gegen den syro-phönizischen Wettergott.

Beide Parteien haben Altäre aufgerichtet, beide rufen ihren Gott an: Entzünde unser Brandopfer! Doch nur der Gott Elias, nur Jahwe, kommt der Bitte nach. Das zuschauende Volk erkennt nun, von wem es wirklich Hilfe erwarten darf, und in einer Art Lynchmob bringt es zusammen mit Elia alle 450 Baal-Anhänger um. Zu Recht fürchtet Elia nun die Rache des Königshauses und flüchtet. In der Bibel heißt es wörtlich: „Er machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba“ (1Kön 19,3). Wenn wir einen Atlas zur Hand nehmen, sehen wir, dass es vom Berg Karmel an der Mittelmeerküste bis nach Beerscheba in der Negev-Wüste rund 150 Kilometer sind. Elia lief folglich dreieinhalb Marathons hintereinander um sein Leben. Die Ultraläufer unter uns ahnen, wie er sich danach fühlte.

Völlig entkräftet sitzt er also nun unter einem Ginsterstrauch – in der Bibel heißt es, „er wünschte sich zu sterben“ – und fällt in einen tiefen Schlaf. Und aus dem weckt ihn nun der Engel und sagt: „Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.“ Er muss es zweimal sagen, bis Elia folgt. Dann steht der Prophet auf, isst, trinkt und geht „durch die Kraft der Speise“ 40 Tage und 40 Nächte durch die Wüste zum Berg Gottes.

Liebe Läuferinnen und Läufer, Sie haben morgen auch einen weiten Weg vor sich. Nicht wenige von Ihnen stehen wahrscheinlich vor dem körperlich anstrengendsten Tag des Jahres. Ich möchte Sie einladen, dies nicht nur als eine sportliche Herausforderung zu sehen, sondern auch als eine einmalige Chance für ein spirituelles Erlebnis. Dazu können wir aus der Elia-Geschichte einiges lernen.

Fangen wir mit einer scheinbaren Äußerlichkeit an: der Zahl 40. Sie wird auch für Sie morgen eine große Rolle spielen. Wie viele von Ihnen wissen, ist der Marathon mit einer Distanz von 40 Kilometern in die Neuzeit gestartet. Das krumme Anhängsel verdanken wir den Olympischen Spielen 1908 in London, wo die 40 Kilometer vom Startpunkt am Schloss Windsor nicht ganz bis zur königlichen Loge im Olympiastadion reichten. Betrachten Sie die letzten 2195 Meter also als ein Tribut an die weltliche Obrigkeit, als Mehrwertsteuer gewissermaßen.

Der biblische Marathon dreht sich um die Zahl 40, wie viele Geschichten zeigen. Die 40 scheint von alters her etwas Besonderes zu sein: einerseits groß genug, um eine Herausforderung darzustellen, andererseits klein genug, um gerade noch bewältigbar zu sein. Elia geht auf Weisung des Engels 40 Tage und 40 Nächte zum Berg Gottes. 40 Tage dauert die Sintflut, 40 Jahre irrt das Volk Israel durch die Wüste. 40 Tage verbringt Moses auf dem Berg Sinai, um von Gott die Gesetze zu empfangen. 40 Tage setzt sich Jesus nach seiner Taufe in der Wüste der teuflischen Versuchung aus, 40 Tage liegen zwischen seiner Auferstehung und Himmelfahrt. In allen diesen Beispielen steht die Zahl 40 für den Weg zu Gott und für die Veränderung, die mit dem Gehen dieses Weges verbunden ist.

Damit sind wir bei dem zweiten Aspekt der Elia-Geschichte, die für uns Läuferinnen und Läufer bedeutsam sein kann: Gott kam nicht zu Elia, sondern Elia ging zu Gott. Gott sandte nur einen Boten und eine Stärkung für den Weg, aber die göttliche Begegnung fand erst am Berg Horeb statt. Das hätte Gott seinem Propheten doch auch einfacher machen können, möchte man meinen. Da ist der arme Elia 150 Kilometer gerannt und soll nun nochmal los! Hätte sich Gott nicht gleich in der Negevwüste offenbaren können?

Nein, die Bewegung, die von Elia verlangt wird, entspricht einer Entwicklung, die Gott von ihm erwartet. Der Elia, der in Beersheba unter dem Ginster liegt, ausgezehrt von der Flucht und deprimiert nach einem zweifelhaften Sieg und einem 450-fachen Mord, der ist nicht bereit für eine Begegnung mit Gott. Der Weg, auf den ihn Gott schickt, ist in Wahrheit eine Läuterung.

Wer könnte dies besser verstehen als wir, liebe Läuferinnen und Läufer? Wir kennen das Phänomen nur zu gut, dass die körperliche Bewegung unseren Geisteszustand verändert: Nach einem Lauf sind wir immer in einer anderen Stimmung als vorher; fast immer in einer besseren. Da ist uns beispielsweise eine Aufgabe, die uns vorher so gestresst hat, nach dem Lauf eine willkommene Pflicht, auf die wir uns regelrecht freuen. Oder uns fällt plötzlich die Lösung für ein Problem ein, das uns tagelang belastet hat. Oder wir können auf einmal unserem Kollegen, unserem Partner, unserem Freund einen Fehler vergeben, der uns vorher wahnsinnig aufgeregt hat. Ein Lauf kann uns rausreißen aus unserem täglichen Trott, die Augen öffnen für die Schönheit der Schöpfung, das Herz öffnen für wahre Nächstenliebe und unseren Kopf für frische Hoffnung.

Nutzen Sie doch mal diese mentalen Kräfte, die das Laufen freisetzt, um etwas ganz Abenteuerliches zu wagen: mit Gott in Verbindung zu treten! Warum nicht gleich morgen? Wer sagt denn, dass man nur in der harten Kirchenbank oder im stillen Kämmerlein beten dürfte. In keiner anderen körperlichen Verfassung als beim Laufen sind Sie geistig besser darauf vorbereitet, sich auf etwas zu fokussieren und die ganzen Alltagssorgen hinter sich zu lassen. Martin Luther hat mal geklagt, dass ihm im ganzen Leben nicht ein einziges Gebet ohne störenden Gedanken geglückt sei. Man möchte ihm zurufen: Ja, lieber Martin, wärst Du mal gejoggt, hättest Du das vielleicht anders erlebt – und wärst im Übrigen nicht schon mit 62 Jahren an Angina pectoris gestorben.

Lange bevor die Wissenschaft diese mentalen Läuterungsprozesse durch die körperliche Bewegung erklären konnte, haben es die Autoren der biblischen Schriften geahnt. Das Motiv der körperlichen Bewegung als Veränderung des Menschen zieht sich vom ersten Buch Mose bis zu den Briefen des Paulus. So gesehen ist die Bibel ein einziges großes Laufbuch. Der Urvater Abraham zum Beispiel bewegt sich zu Fuß auf Gottes Geheiß rund 2000 Kilometer durch Kleinasien. Der göttliche Befehl lautet dabei auf Hebräisch „Lech lecha“ (Gen 12,1), was man übersetzen kann mit: „Geh‘ zu Dir selbst!“ Es kommt in dieser Geschichte eben nicht auf den genauen Weg an, sondern auf den Aspekt der Bewegung, der Entwicklung.

Nicht anders bei der großen, 40-jährigen Wüstenwanderung des Volkes Israel aus der ägyptischen Gefangenschaft ins gelobte Land. Natürlich braucht man keine 40 Jahre, um vom Nil zum Jordan zu gehen. Aber auch hier ging es nicht um die geografisch nachprüfbare Route, sondern um die geistige Entwicklung einer ganzen Generation.

Der Held des Neuen Testaments ist ein Wanderprediger. Jesus von Nazaret hat noch nicht einmal eine feste Bleibe, er wohnt provisorisch bei seinem Jünger Petrus im Kapernaum. Einem Schriftgelehrten, der ihm nachfolgen will, sagt er: „Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann“ (Mt 8,20). Wenn Jesus zur Nachfolge aufruft, dann meint er es wörtlich: ihm nach folgen, mit ihm gehen. Da ist keine Zeit zu verlieren, Jesus wartet nicht. Das Lukas-Evangelium (9,59-62) berichtet uns von zwei Männern, die Jesus gerne nachgefolgt wären. Der eine wollte aber erst noch seinen Vater begraben, der andere sich noch von der Familie verabschieden. Jesus sagt ihnen sinngemäß: Wenn Ihr Euch mir nicht sofort anschließt, dann ist die Chance vertan, dann seid Ihr des Reichs Gottes nicht würdig. – Ein hartes Urteil, das viele Bibelleser erschreckt. Als Läufer können wir diese Reaktion nachvollziehen: Auch wir lassen uns während eines Laufs nur ungern aufhalten.

Die Zielstrebigkeit des Läufers hat auch Paulus beeindruckt, der mit seinen geschätzten 30.000 Reisekilometern, davon rund ein Drittel zu Fuß, distanzmäßig alle anderen biblischen Gestalten in den Schatten stellt. Im Jahr 51 besucht er die Isthmischen Spiele in Korinth, die damals zweitgrößte Sportveranstaltung der Welt nach den Olympischen Spielen. Kurz darauf schreibt er seinen ersten Brief an die korinthische Gemeinde, in dem er die Läufer als Vorbild anpreist:

»Wisst ihr nicht, dass in der Kampfbahn alle laufen, aber nur einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt. Jeder, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen« (1Kor 9,24f.).

Sie sehen, in der Bibel wird sich viel bewegt. Die Bewegung bringt uns weiter, bringt uns im besten Fall zu Gott. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, sagt Jesus von sich (Joh 14,6). Der Hebräerbrief hat daraus dann das Motiv des „wandernden Gottesvolks“ entwickelt: Christsein heißt in Bewegung sein. Als Christ ist man nie ganz zufrieden mit sich – man möchte sich immer weiter entwickeln. Der christliche Glaube ist ein Trainingsprogramm für das ganze Leben.

Kehren wir noch einmal zurück zu Elia, dem Propheten aus unserem Eingangstext. Der Engel des Herrn gibt ihm nicht nur den Auftrag, sich erneut zu bewegen – nein, er stellt ihm auch eine göttliche Speise bereit, die ihn mit der dafür nötigen Energie versorgt. Das ist der dritte Aspekt der Elia-Geschichte, der sich auf Ihren Lauf morgen – und auf das christliche Leben – übertragen lässt.

Dabei geht es nicht nur um die Kohlenhydrate, die Sie hoffentlich bereits gebunkert haben. Es geht um die Gewissheit, die Zuversicht, mit der Sie morgen am Start stehen. Das ist die Speise, von der Sie wirklich zehren werden. Wenn Sie sich gut vorbereitet haben und wenn Sie nicht über Ihre Verhältnisse laufen, dann gibt es gar keinen Grund, an Ihrem Erfolg morgen zu zweifeln! Glauben Sie an sich, glauben Sie an Ihren Körper!

Als Christen ist uns dieses Motiv vertraut: Unser Glaube birgt eine Hoffnung. Und der Grund unseres Glaubens ist eine „göttliche Speise“, die bei jedem von uns anders zubereitet wurde. Bei dem einen ist es die Prägung eines christlichen Elternhauses gewesen, bei dem anderen ein besonderes Erlebnis – eine Liebe, eine Geburt, ein Abschied –, beim dritten vielleicht eine nachhaltig wirkende Lektüre. Die „göttliche Speise“ ist die Energie, die unseren Glauben nährt und aufrecht hält, auch wenn wir nicht wissen, was Gott genau mit uns vorhat, wohin er uns führt und was wir auf dem Weg dorthin erleben.

Vielleicht fragen sich einige unter Ihnen ängstlich: Werde ich morgen dem Hammermann begegnen? Werden mir bei Kilometer 35 die Kräfte schwinden, die Beine schwer, die Muskeln protestieren? Ja, das ist sogar sehr wahrscheinlich! Aber sehen Sie es mal anders, erleben Sie diesen Moment der Schwachheit als Christ – und Sie werden sich auf dieses Erlebnis freuen!

Der amerikanische Franziskanerpater Richard Rohr hat gesagt, dass man das Ostermysterium, die Auferstehung Christi, nur dann richtig verstehen kann, wenn man selbst Ähnliches erlebt hat: einmal ganz den Boden unter den Füßen verlieren und dann die Erfahrung machen, dass Gott uns auffängt, so dass wir am Ende lebendiger sind als vorher.

Wenn Sie in dem Moment absoluter Schwachheit nur in sich nach neuen Kräften suchen, werden Sie wahrscheinlich nichts finden. Sie brauchen dann die Hilfe von außen – sie schauen in die Gesichter der anfeuernden Zuschauer, Sie nehmen den Rhythmus der Musikkapelle auf, oder, wenn Sie es können, was ich Ihnen wünsche, Sie bauen auf Gottes Hilfe.

Fürchten Sie sich also nicht vor der Begegnung mit dem Hammermann. Sehen Sie es im Gegenteil als Chance, sich wie Elia in der biblischen Geschichte vom Engel des Herrn berühren zu lassen. Dann könnte Ihr Marathon morgen, zu dem Sie zur besten Gottesdienstzeit starten, ein ganz besonderes Gotteserlebnis werden. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen allen, dass Sie morgen nicht nur eine Medaille, sondern auch neue Erfahrungen gewinnen.

Ich möchte schließen mit dem Segen des Apostel Paulus für seine sportbegeisterte Gemeinde in Korinth (2Kor 13,13)
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!
Amen.