Himalayan 100 Mile Stage Race

Die Bergab-Tortur auf der dritten Etappe

Auf acht Kilometern stürzt der Kurs des Mount-Everest-Marathon um 1300 Höhenmeter bergab. Claus Dahms berichtet.

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Der Mount Everest-Marathon wird vor einer beeindruckenden Bergkulisse gestartet.

Es ist wieder ein Supertag mit einem Bilderbuch-Sonnenaufgang im Himalaya! Als Mount-Everest-Marathon wird diese längste Etappe von Sandakphu (3636 m) nach Rimbik (2089 m) auch als separate Konkurrenz gewertet. Ich fühle mich gut, nichts schmerzt, nichts kneift und die Einstellung stimmt: 42,195 km, nur zehn mehr als gestern – so what?

Wir traben zunächst auf der gleichen Laufgenuss-Piste wie am Vortag – wunderbar – aber es ziehen deutlich mehr Wolken als gestern auf. Wenn die Wolken den Blick freigeben, sind die Panoramablicke einfach grandios. Den Wendepunkt von gestern erreiche ich deutlich früher, denn heute gehe ich deutlich schneller an, will andere Läufer für die Fotogalerie aufnehmen. Am gestrigen Wendepunkt laufen wir geradeaus weiter auf einem Kammweg mitten durch diese einmalige Landschaft des Himalaya. Rechts und links geht es mächtig bergab, im Hintergrund bilden die schneebedeckten Bergriesen eine prächtige Kulisse.

Auch heute ist wieder eine Wendepunkt-Passage eingebaut. Inzwischen kennt in der überschaubaren Gruppe von 70 Läufern und Walkern jeder jeden und so feuert auch jeder jeden an. Nur als Duncan aus Philadelphia mir als Erster entgegenfliegt, bin ich so überrascht, dass ich ihn nicht einmal anfeuern kann. Die beiden ersten Etappen hat der Amerikaner, der Deutsch studiert und für ein halbes Jahr in der Schweiz gelebt hat, überlegen gewonnen. Doch Duncan ist ein Straßenläufer mit einer Marathonbestzeit von 2:32 Stunden und so muss er heute auf dem Bergabteil den Spanier Miguel Angel Merino Gomez vorbeiziehen lassen. „Ich dürfte immer noch 5 Minuten Vorsprung in der Gesamtwertung haben“, schätzt er am Abend.

Auf diesem Kammweg führt der Marathon durch das Gebirge.

Nach 28 Kilometern beginnt die besondere Herausforderung dieses Tages, der Bergabteil. Auf den nächsten rund 8 km stürzt der Kurs um mehr als 1300 Höhenmeter bergab. Das Racebook beschreibt die folgenden Kilometer so: „The trail gets steeper... Runners pick their own line and speed for the next few miles“.

Meine Wirklichkeit sieht ganz anders aus: Zunächst ist der Kurs noch laufbar. Lediglich die Holzstufen nerven, die alle zwei Meter buchstäblich im Weg liegen. Sie sollen die Erosion verhindern. Für uns Läufer bedeutet das jedes Mal 10 cm hoch zu springen, um 20 cm tiefer zu landen. Eine nervige Geschichte.

Doch es soll noch schlimmer kommen: Auf völlig ausgeschwemmten Pfaden geht es steil bergab. An Laufen ist für mich nicht mehr zu denken. Vor der Bergab-Passage hatte ich noch triumphierend meine voraussichtliche Zielzeit auft unter sechs Stunden eingeschätzt. Schließlich lagen zu diesem Zeitpunkt alle kräftezehrenden Bergauf-Passagen in Höhen über 3000 m hinter mir. Was sollte da noch passieren?

Doch schnell ändere ich meine persönliche Zielvorgabe: Heil und gesund im Ziel anzukommen muss das einzige Ziel an diesem Tag sein. Und als die Uhr 6:00 Stunden anzeigt, bin ich immer noch mit dem „Heruntersteigen“ beschäftigt. Meine Angst beim langsamen Bergabgehen auszukühlen, erweist sich allerdings als völlig unbegründet. Denn schon bald erreichen wir die Dschungelregion und es ist feucht-warm.

Himalayan 100 Mile Stage Race
Die Holzstufen nerven, aber noch ist der Bergabkurs laufbar.

Irgendwann erreiche ich dann doch noch die wackelige Brücke über den reißenden Strom, von der wir alle annehmen, dass ganz in der Nähe das Ziel liegt. An diesem markanten Punkt lassen sich viele Wettkämpfer Zeit, fotografieren sich gegenseitig. Dann geht es weiter. Verwirrung. Nicht die erwarteten ein, zwei Restkilometer liegen noch vor uns. Km 36 soll hier sein. Happig! Wenigstens erweisen sich die verbleibenden sechs Kilometer als laufbar.

„Diese 42 Kilometer sind ein Witz“, ruft mir der Brite Peter Watson im Vorbeilaufen zu, „es sind mindestens 52.“ Ich gebe ihm zumindest grundsätzlich Recht und erreiche nach 7:24 Stunden das offizielle Marathonziel. Auch der Stuttgarter Thomas Klötzel versteht die Läuferwelt nicht mehr: „Ich habe den Zermatt-Marathon in 5:34 gelaufen und da liegt das Ziel 1500 m höher als der Start und jetzt soll ich für diesen Bergab-Marathon 11:17 Stunden brauchen?“

Das Laufen ist so schön und so entspannt, das kann endlos so weitergehen – das waren meine Gedanken nach 27 Kilometern. Da ging ich noch davon aus, dass ich nach sechs Stunden das Ziel erreiche. Nach tatsächlichen sechs Laufstunden ändert sich die Ausgangslage. Und nach sieben Stunden wird die Sache für mich langsam trostlos. Trostlos ist aber nicht die Strecke an sich, denn jetzt durchlaufen wir die bewohnten Ausläufer von Rimbik und werden abwechselnd angefeuert oder fassungslos angestarrt.

Trotz des frühen Starts um 6.30 Uhr erreichen einige Läufer im hinteren Feld das Ziel erst in völliger Dunkelheit. Der Doktor, für die medizinische Versorgung verantwortlich, beschreibt die Streckenvermessung so: Hier wurde die direkte Linie von oben nach unten gemessen. Der Weg, wenn man ihn überhaupt so nennen kann, führt aber in Serpentinen bergab! Die Läufer mit GPS-Systemen können auch nicht weiterhelfen, denn im dichten Dschungel verlieren diese die Orientierung.

Inzwischen hat sich das Leben der 70 Abenteuer-Läufer eingespielt: Der Tag besteht aus laufen, laufen und laufen. Daneben sind essen und schlafen angesagt, sonst nichts. Und das ist tatsächlich eine gute Erfahrung, es sind gute, erfüllte Läufertage im Himalaya.

Für morgen ist mit der Halbmarathondistanz eine Kurzstrecke angesagt. Nur 21 km – da wird Zeit fürs Bummeln durch den Ort und das Genießen der sonnigen Wärme hier bleiben. Hoffentlich.

Die Fotos von der dritten Tagesetappe finden Sie hier.

Den Bericht von der vierten Tagesetappe finden Sie hier.
Die Fotos von der vierten Tagesetappe finden Sie hier.

Den Bericht von der fünften Tagesetappe finden Sie hier.
Die Fotos von der fünften Tagesetappe finden Sie hier.

Den Bericht von der zweiten Tagesetappe finden Sie hier.
Die Fotos von der zweiten Tagesetappe finden Sie hier.

Den Bericht von der ersten Tagesetappe finden Sie hier.
Die Fotos von der ersten Tagesetappe finden Sie hier.