Olympia spezial

Der olympische Frauen-Marathon

Wird es zum ersten Mal in der olympischen Marathon-Geschichte eine Goldmedaille für China geben?

Chunxiu Zhou und vielleicht auch Xiaolin Zhu haben in Peking sicherlich Chancen, diesen chinesischen Traum zu erfüllen. Sie gehören zu einer großen Gruppe von Favoritinnen, zu denen unter anderen die britische Weltrekordlerin Paula Radcliffe, die kenianische Weltmeisterin Catherine Ndereba oder die Äthiopierinnen Gete Wami und Berhane Adere zählen. Doch im Gegensatz zu den Chinesinnen hatten eine Reihe ihrer schärfsten Konkurrentinnen in der letzten Zeit Probleme. Das könnte für Zhou und Zhu sprechen.

Die Titelverteidigerin Mizuki Noguchi (Japan) musste aufgrund einer Verletzung am linken Oberschenkel ihren Start bei Olympia absagen. Die 30-Jährige wurde am Dienstag von der japanischen Olympia-Delegation zurückgezogen.

Chunxiu Zhou gehört zu den großen Favoritinnen.

Bild: photorun.net

Eine große Favoritin gibt es am Sonntag in Peking nicht – das war bei den vergangenen Auflagen der olympischen Frauen-Marathonläufe anders. Doch zugleich hat bei den letzten vier Olympischen Spielen keine jener Läuferinnen gewonnen, die in den Jahren zuvor ihre Distanz geprägt hatten. Die Polin Wanda Panfil war 1992 in Barcelona in der Favoritenposition. Doch sie kam nicht unter die ersten zehn. Die Olympiasiegerin hieß Valentina Yegorova (Russland). Uta Pippig ging 1996 als Nummer eins in Atlanta ins Rennen, nachdem sie zuvor fünf bedeutende Marathonrennen in Folge gewonnen hatte. Die Berlinerin gab schließlich mit einem Ermüdungsbruch auf, Gold gewann die Äthiopierin Fatuma Roba. Die nächste große olympische Favoritin hieß Tegla Loroupe, die 1998 den 13 Jahre alten Weltrekord von Ingrid Kristiansen (Norwegen) gebrochen hatte. Doch in Sydney 2000 stoppten Magenprobleme die Kenianerin, die auf Rang 13 ins Ziel kam. Gold gewann die Japanerin Naoko Takahashi, die ein Jahr später in Berlin als erste unter 2:20 Stunden lief.

Das Marathon-Drama um Paula Radcliffe ist noch in relativ frischer Erinnerung. Die Weltrekordlerin lief im Marathon zuvor in einer Klasse für sich, doch auf der schweren, hügeligen Strecke von Marathon nach Athen war sie 2004 am Ende. Acht Kilometer vor dem Ziel war Paula Radcliffes Traum vom Olympiasieg geplatzt, weinend saß sie auf dem Rinnstein am Straßenrand. Japans Mizuki Noguchi triumphierte an historischer Stätte.


Nachfolgend nennen wir sieben Favoritinnen, die am Sonntag mit Gold-Chancen ins Rennen gehen:


Catherine Ndereba (Kenia)

Bestzeit: 2:18:47

Die Kenianerin gehört seit vielen Jahren zu den besten Marathonläuferinnen der Welt. 2001 lief sie als zweite Frau unter 2:20 Stunden und hielt mit 2:18:47 zeitweise den Weltrekord. Bei den Olympischen Spielen vor vier Jahren gewann sie hinter Mizuki Noguchi Silber. 2003 und 2007 gewann Catherine Ndereba die Marathon-WM-Goldmedaille. In Japan gewann sie dabei im vergangenen Jahr in extremer Hitze. Die 36-Jährige zeigte im Frühjahr allerdings wenig überzeugende Leistungen. Zuletzt meldete sie sich aber mit einem Sieg beim New York-Halbmarathon zurück – ist sie rechtzeitig für Peking in Topform?

Paula Radcliffe

Bild: photorun.net

Die Marathon-Weltrekordlerin Paula Radcliffe.

Paula Radcliffe (Großbritannien)

Bestzeit: 2:15:25

Die Marathon-Weltrekordlerin war über Jahre hinweg die dominierende Figur über die 42,195 km. Doch bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen gab sie in extremer Hitze entkräftet auf und verfehlte damit das große Ziel der olympischen Goldmedaille. Auch über 10.000 m hatte sie vier Jahre zuvor eine Olympiamedaille als Vierte verpasst. Paula Radcliffe meldete sich nach einer Babypause im vergangenen November mit einem Sieg beim New York-Marathon zurück. Doch in der Olympiavorbereitung hatte die 34-Jährige immer wieder Pech. Eine Zehenverletzung stoppte sie im Frühjahr, im Mai wurde ein Ermüdungsbruch im Oberschenkel diagnostiziert – trotzdem gab Paula Radcliffe nicht auf. Wie gut sie in Form ist, muss man abwarten, zumal sie vor kurzem auch noch ein Spinnenbiss mit folgendem Fieber mehrere Tage lang vom Training abgehalten hat.

Gete Wami (Äthiopien)

Bestzeit: 2:21:34

Gete Wami gelang im vergangenen Herbst eine außerordentliche Leistung: Nach einem souveränen Sieg beim Berlin-Marathon ging sie gut einen Monat später auch noch in New York an den Start und wurde Zweite – knapp geschlagen nur von Paula Radcliffe. Die 33-Jährige wurde damit zur ersten Siegerin einer World Marathon Majors-Serie. Doch dieser Doppelstart hat viel Kraft gekostet. Im Frühjahr beim London-Marathon war Gete Wami längst nicht in Topform und stürzte obendrein. Sie wurde dann Dritte. Der olympische Marathon wird bereits ihr viertes Rennen über diese Distanz binnen zwölf Monaten. Das könnte ein Manko sein.


Berhane Adere (Äthiopien)

Bestzeit: 2:20:42

Berhane Adere ist die zweite äthiopische Marathonläuferin, die in den vergangenen Jahren große Erfolge feierte. Die 35-Jährige ist auch die aktuelle Landesrekordlerin über diese Strecke. Die frühere 10.000-m-Weltmeisterin (2003) geht erstmals bei einer großen interkontinentalen Meisterschaft im Marathon an den Start. Doch auch für sie wird es nach Siegen in Chicago 2007 und Dubai 2008 sowie einem siebenten Rang in London im April bereits der vierte Marathon binnen zwölf Monaten – ein gewagtes Programm.


Deena Kastor (USA)

Bestzeit: 2:19:36

Deena Kastor rannte nach einem beeindruckenden taktischen Rennen vor vier Jahren bei Olympia in Athen zur Bronzemedaille. Die US-Amerikanerin lief dann auch als erste Frau ihres Landes unter 2:20 Stunden: 2006 gewann sie den London-Marathon in 2:19:36. Doch in der Folge hatte sie gesundheitliche und verletzungsbedingte Probleme und konnte ihre Ziele nicht mehr ganz erreichen. Souverän gewann die 35-Jährige im April allerdings die US-Olympia-Trials in Boston. Der Olympiasieg ist ihr ganz großes Ziel. Reicht es für Deena Kastor?


Chunxiu Zhou (China)

Bestzeit: 2:19:51

Chunxiu Zhou ist die voraussichtlich stärkste der drei chinesischen Marathonläuferinnen. Bereits vor zwei Jahren lief die 29-Jährige unter 2:20 Stunden und hält damit den nationalen Rekord. 2007 gewann Chunxiu Zhou den London-Marathon und schaffte damit ein Novum für China. Denn noch nie hatte ein Chinese eines der großen Marathonrennen der World Marathon Majors gewonnen. Um sich einzig auf den olympischen Marathon zu konzentrieren, ist Chunxiu Zhou in diesem Jahr kein Rennen über die 42,195 km gelaufen. Vor heimischem Publikum ist die Vize-Weltmeisterin von Osaka 2007 sicherlich eine ganz heiße Favoritin.


Xiaolin Zhu (China)

Bestzeit: 2:23:57

Xiaolin Zhu hatte im vergangenen Jahr überzeugt und sich damit als Chinas Nummer zwei für den olympischen Marathon qualifiziert. Zunächst gewann sie das Rennen in Xiamen, dann lief sie überraschend bei den Weltmeisterschaften im heiß-schwülen Osaka auf Rang vier. Obwohl ihre Bestzeit nicht ganz so stark ist wie die ihrer schärfsten Konkurrentinnen hat sie bei der WM als Meisterschaftsläuferin überzeugt und dürfte auch beim Heimspiel eine Rolle spielen.

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