Nach dem Zugspitz Extremberglauf

Der Mensch hat immer das Risiko gemocht

Ein Gespräch mit dem Dipl.-Psychologen Prof. Alexander Weber zum Tod zweier Läufer beim Zugspitz-Extremberglauf.

Der Zugspitz Extremberglauf stellt selbst bei gutem Wetter - wie hier auf dem Foto von 2005 - eine besonders harte Anforderung an die Teilnehmer. Die beiden Todesfälle beim Rennen 2008 waren der Anlass für unser ausführliches Interview mit Prof. Dr. Alexander Weber.

Bild: Tomas Ortiz-Fernandez

RUNNER'S WORLD: Mit Ihrem Konzept der Lauf-Therapie wollen Sie Menschen zu psychischer und physischer Gesundheit verhelfen. Was sagen Sie zu solchen Vorfällen wie beim Zugspitzlauf, wo es Schwerverletzte und Tote gab und Teilnehmer entgegen aller Vernunft bis zur Spitze laufen wollen? Ist das nicht das Gegenteil von dem, was eigentlich durch Laufen erreicht werden sollte?

ALEXANDER WEBER: Laufen hat bekanntlich viele Facetten. Laufen ist ein Begriff, in den man vieles hineinpacken kann: er steht für eine Form der Bewegung, die sehr langsam und sehr schnell sein und auch ganz unterschiedliche Ziele haben kann - das erklärt sich aus der Vielfalt menschlicher Motivation. Das hat seine Berechtigung, und die meisten Läufer können das auch gut begründen. Wenn ich mich jetzt entschließe, einen solchen Berglauf mitzumachen, von dem ich weiß, dass er 16 km lang ist und 2000 Höhenmeter hat, dann frage ich mich doch vorher: Was erwartet mich? Wie muss ich mich vorbereiten? Und darauf stelle ich mich als intelligenter, vorausdenkender Mensch ein. Das ist eine Form der Anpassung, die ich im Voraus schon leiste. Es kann sein, dass ich gutes Wetter habe, es kann sein, dass ich schlechtes Wetter vorfinde. Und jetzt liegt es in meiner Vorstellungskraft, mich auf die unterschiedlichen Bedingungen entsprechend einzustellen.

Der Mensch hat stets riskant gelebt, das Risiko gesucht und auch gefordert. Es ist evolutionär bedingt, dass wir uns ständig neuen Aufgaben stellen, um etwa unsere Neugier zu stillen. Und dann passieren eben auch solche Vorfälle. Da gibt es viele Vergleichsmöglichkeiten: Ob wir jetzt am Steuer eines Rennwagens sitzen oder eine Antarktis-Expedition machen, da kann auch Schreckliches passieren. Das Risiko, das man dabei eingeht, ist nie völlig kalkulierbar. Ich will nicht sagen, dass ich diesen gut trainierten Läufern die Schuld an ihrem Unglück gebe, es waren einfach die vielen, misslichen Umstände, die zusammen kamen. Das kann auch in anderen vergleichbaren Situationen passieren.

Und um auf Ihre Frage zurückzukommen, ob so etwas mit meiner Vorstellung von Laufen vereinbar sei? Ich sage: ja, denn Laufen hat viele Facetten.

Sie sprachen gerade vom Risiko und vom Reiz des Neuen als Motive für Extremsportler. Welche weiteren Motive gibt es für Sportler, an Extremwettbewerben teilzunehmen?

Da gibt es eine ganze Reihe. Wir haben schon Ende der 1970 Jahre die Frage untersucht: Warum laufen Läufer?, was ist der Sinn dahinter? Die meisten Menschen meinen, dass sie das zunächst einmal aus gesundheitlichen Erwägungen tun. Jeder regelmäßige Läufer weiß, dass dieses Motiv jedoch nur ein Ausgangsmotiv ist, dann überlagert wird. Ein ganz starkes Motiv ist zum Beispiel was heute mit "Work-Life-Balance" umschrieben wird, also die Balance zwischen beruflichen Anforderungen, Privatleben und persönlichen Bedürfnissen. Läufer stellen diese Balance durch Laufen her. Sie empfinden ihr Hobby als eine wunderbare Stressbremse. Durch Laufen erreichen sie auch Selbstkontrolle. Das ist nach meiner Meinung für die meisten das Hauptmotiv überhaupt fürs Laufen. Und dann kommen nachgeordnet die anderen: die mentale Herausforderung, der körperliche Ausgleich, das Bedürfnis nach Geselligkeit, Gleichgesinnte treffen, Wettbewerbe, die aus dem Alltag herausragen. Aber auch ein solches Motiv wie „für sich sein“. Wir leben in einer Welt, in der ständig eine Flut von Informationen auf uns einströmt, die wir gar nicht verarbeiten können. Also laufe ich allein, schotte mich ab. So kann ich meinen Körper bewusster wahrnehmen, die Natur stärker erleben. Das ist faszinierend und erholsam, auch für Leute, die noch nicht so lange laufen. Ich mache immer wieder die gleiche monotone Bewegung, einen Fuß vor den anderen. Das versetzt mich dann letztendlich in einen anderen Bewusstseinszustand, der befreiend wirkt.

Das ist das Angenehme, das Schöne beim Laufen, es befreit von Lasten des Alltags. Viele andere Motive wären zu nennen. An die erste Stelle würde ich aber auch heute noch den Ausgleich zum Alltag und die Stresskontrolle setzen.

Aber warum reicht einigen Läufern dazu nicht eine langsame 10-km-Runde? Was treibt sie dazu, diese extremen Wettbewerbe anzugehen?

Zunächst einmal ist da zweifelsohne die persönliche Herausforderung, nämlich etwas zu machen, was andere so nicht können. Wer kann denn schon 16 km mit 2000-m-Höhenunterschied unter den gegebenen Rahmenbedingungen bewältigen? Da gibt es natürlich Leute, die aufgrund ihrer körperlichen Voraussetzungen so eine Strecke in 6 Stunden oder an einem Tag, aber auf keinen Fall in drei Stunden laufen. Dieser Berglauf ist also eine ganz besondere Form der Herausforderung. Wenn man Glück hat, steht man dann auch in Zeitungen und kann dadurch seine Person stärken: "Ich bin einer der wenigen Auserwählten in unserer Gesellschaft, die das schaffen!" So etwas kann man erzählen und bekommt dafür Wertschätzung und Bewunderung und alles, was damit verbunden ist. Das ist ein ganz starkes Motiv.
Und natürlich auch die Selbsterfahrung. Als Fünfzigjähriger galt man früher als alt, heutzutage sieht man, dass nicht wenige in diesem Alter auch noch eine 10-km-Zeit von, sagen wir, 35:00 min laufen können. Dann können sie auch einen solchen Berglauf machen, warum nicht?

Ist es vielleicht auch eine Gefahr, dass Laufen verharmlost wird? Wenn ich z.B. Drachenfliegen gehe, weiß ich, dass ich einen extrem riskanten Sport mache. Beim Laufen denkt man, dass nichts passieren kann, dass man jederzeit aufhören kann, wenn es zuviel wird.

Richtig. Sie kommen bei bestimmten Bedingungen möglicherweise in einen Risikobereich, in dem Sie nicht mehr so klar denken können, wie Sie es noch unten am Start konnten. Man weiß, dass man in Extremsituationen -und das müssen nicht nur physikalische Extremsituationen sein, das können auch psychische sein - nicht mehr scharf rational entscheiden kann. Man ist in seinen Entscheidungsmöglichkeiten so limitiert, dass man dann häufig auf Hilfe angewiesen ist. Und so stelle ich es mir bei einer ganzen Reihe von Zugspitzläufern auch vor. Sie hatten nicht mehr die Möglichkeit zu entscheiden: Laufe ich weiter oder gehe ich zurück zur nächsten Hütte. Letzteres hätten sie in ihrer Bewusstseinsschmälerung vielleicht als Blamage oder harte Niederlage empfunden. Das wollten sie sich nicht zufügen, also haben sie weitergemacht. Und dann ist passiert, was passiert ist.
Ähnliches geschieht unglaublich oft in vergleichbar anderen Lebenssituationen. Wir leben heute zwar in einer risikoärmeren Welt als früher, in der das Leben viel riskanter war. Was heutzutage bereits als eine Sensation gilt, gehörte in früheren Zeiten zum Lebensalltag.

Könnte man nicht sogar behaupten, dass Laufen selbstzerstörerische Eigenschaften fördert, indem man z. B. lernt, bei hartem Training Schmerz zu ignorieren, obwohl er ein wichtiges Warnzeichen des Körpers ist?

Im Gegenteil: die Menschen haben sich, bedingt durch die moderne Zivilisation, von ihrem Körper, und damit von sich selbst, entfremdet. Sie haben kein Gespür mehr dafür, wann sie beispielsweise aufhören müssen zu essen, ansonsten hätten wir nicht diese Übergewichtsproblematik. Das hängt mit der mangelnden Selbstwahrnehmung zusammen.

Als Läufer entdecken wir z. B., wie unser Herz bei Anstrengung schneller schlägt oder wie sich unsere Muskeln anfühlen - etwas, was uns vorher gar nicht bewusst war. Dass Läufer diese gesunde Selbstwahrnehmung bei solchen Bergläufen verlieren, hängt mit der Risikosituation insgesamt zusammen. Durch die veränderten Bedingungen können sie Körpersignale nicht mehr so klar wahrnehmen, das schränkt die Handlungsspielräume u. U. auf tragische Weise stark ein.

Aber viele Läufer ignorieren Verletzungen, obwohl sie akut Schmerzen spüren.

Das ist ein Gemeinplatz! Nicht wenige Orthopäden beklagen, dass zu viele Läufer in ihre Praxen kämen. Und sie leiten daraus ab, dass Laufen nicht gut sein könne. Aber was heißt denn "viele"? An welcher Statistik wird das gemessen? Es gibt tausende von anderen, die das Gefühl dafür entwickelt haben, wann sie sich eine Auszeit nehmen müssen und nicht laufen dürfen.
Aber klar, dann gibt es auch diese Läufer, die abhängig sind und nach zwei Tagen ohne Laufen krank oder nervös werden. Das sind Ausnahmen.

Beide Verunglückte waren gut trainiert, einer davon war Marathonläufer mit einer Bestzeit von 2:48 Stunden, also eigentlich einer, der genug Körpergefühl haben müsste, um zu merken, dass er erschöpft ist und friert. Was mag psychologisch und physiologisch in diesen Läufern vorgegangen sein?

Wir können nur spekulieren. Ich vermute schon, dass sie einen Tunnelblick entwickelt haben. Das geht einem ja auch schon beim Marathonlaufen so. Irgendwann denkt man nur noch vorwärts. Und das kann ich mir bei den Zugspitzläufern auch vorstellen. Die hatten nur noch eines: das Ziel um jeden Preis erreichen!

Das war auch nur noch 200 Höhenmeter bzw. 1 km Wegstrecke vom Ziel entfernt.

Ja, das Ziel vor Augen, das man erreichen muss. Man hat es so weit geschafft, da fehlt nur noch ein kleines bisschen! Dann ist auch die Körpersensibilität eine andere. Der Körper wird nicht mehr so empfunden wie unten am Start. Solch erfahrene Läufer haben oft auch eine Art "Kopfkino": wenn sie die Strecke schon zwei- oder dreimal gelaufen sind und eigene Strecken - Erfahrungen haben, legen sie sich einen gewissen Plan zurecht und spulen die Strecke quasi viele Male automatisch ab. Wenn dann so etwas wie das schlechte Wetter dazwischen kommt, passt ihnen das überhaupt nicht. Aber der Film, der Plan, ist im Kopf, muss erfüllt werden. Ohne Abweichungen. Man ist gefesselt in seiner eigenen Vorstellung, die man sich zurechtgelegt hat und die ja auf berechenbaren Grundlagen beruht. So ist man total fixiert und kann nicht mehr abweichen.

Professor Dr. Alexander

Bild: Nantke Garrelts

Professor Dr. Alexander Weber

Es gibt widersprüchliche Informationen darüber, was vom Veranstalter unten am Berg über das Wetter gesagt wurde; allerdings hatte der Wetterdienst die später auch eingetretenen Witterungsbedingungen schon Tage vorher genau prognostiziert.

Nehmen wir mal an, es wurde darauf hingewiesen, dass oben am Gipfel Minusgrade herrschen und der Regen in Schnee übergeht. Dann ist es meine Entscheidung als Läufer, was ich anziehe, dann erwarte ich nicht, dass mir irgend jemand Vorgaben macht. Das ist ganz allein meine individuelle Verantwortung. Die muss jeder tragen, darin ist das Risiko eingebettet.

Es gibt eine Debatte über die Verantwortlichkeit der Veranstalter in Bezug auf Sicherheitsvorkehrungen, wie z. B. dicht positionierte Streckenposten, Kontrolle der Läufer durch Ärzte etc.

Aber letztlich geht es immer wieder um die Frage: Bis zu welchem Grad lässt sich Risiko kalkulieren? Wie viele unerfahrene Bergwanderer verunglücken jedes Jahr allein in den Alpen? Selbst im Watt an der Nordseeküste kommen jährlich ein paar Leute um.
Die meisten Menschen sterben im Bett. Das ist normal. Das einige auch andernorts sterben, nimmt man zur Kenntnis. Und gelegentlich sterben auch Menschen beim Laufen, möglicherweise aufgrund einer tragischen Fehleinschätzung von Situationen mit hohem Risikocharakter. Das kann man beklagen, ganz abschaffen lassen sich Fehleinschätzungen wahrscheinlich nicht.


Prof. Dr. Alexander Weber ist Vorstandsvorsitzender des Deutschen Lauftherapiezentrum e.V. (DLZ) und dort auch Leiter der Aus- und Weiterbildung von Lauftherapeuten und -pädagogen. Der emeritierte Universitätsprofessor hat als Dipl.-Psychologe und Pädagoge in der Gesundheitsförderung und -erziehung geforscht. Weber ist selber seit Jahrzehnten ein ambitionierter Läufer und Multisportler.

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