Leser-Reporter Matthias Enseleit

Der Lauf zurück ins Leben

Die Vorgeschichte zum ersten Marathon von Leser-Reporter Matthias Engeleit ist eine bewegende. Dank des Laufens fand er Ausweg aus schweren Depressionen.

Ging es mir schlecht, ging ich laufen

Das war mein erster Marathon. Viel interessanter ist aber der Weg, wie ich dorthin gekommen bin. In der Schule war ich immer Mittelmaß im Sport, wog um die 80 bis 90 kg, konnte keine 15 Minuten am Stück rennen. Mit ca. 14 oder 15 Jahren, nach einer 10-km-Radtour in die Nachbarstadt musste ich mich sogar übergeben und hatte Kreislaufprobleme. Das alles hat sich in den letzten Jahren geändert. Wie kam es dazu? Das erste Mal kam ich 2009 mit dem Laufen in Berührung, bei einem 3-monatigen stationären Aufenthalt in einer psychiatrischen Einrichtung. Ich war schwer depressiv, habe mich selbst verletzt, hatte einen Selbstmordversuch hinter mir, habe über ein Dreivierteljahr drei- bis fünfmal die Woche bis zur Besinnungslosigkeit getrunken. Das Ende war der besagt stationäre Aufenthalt, dort gab es zweimal die Woche eine Laufgruppe. Ich hielt die 40 Minuten immer gut durch, merkte, dass mir das Laufen half über depressive Phasen und schlechte Laune hinwegzukommen, es hat mir Spaß gemacht, ging es mir schlecht, ging ich laufen.

Göttingen. Währende des Aufenthaltes im Krankenhaus, habe ich eine junge Frau kennengelernt, die später meine feste Freundin wurde. Ich wurde im Februar 2010 entlassen, habe weiter an meiner Diplomarbeit in Biologie gearbeitet, diese im September 2010 mit 1,3 abgeschlossen. Während der Zeit, bin mit der besagten jungen Frau zusammengekommen. Ich habe nur noch ab und zu getrunken, mich nur noch sehr selten selbst verletzt. Im Großen und Ganzen ging es mir recht gut, das Laufen geriet wieder ins Hintertreffen. Mit Beginn des Jahres 2011 habe ich meine Doktorarbeit begonnen, im Februar 2011 bin ich mit meiner Freundin zusammengezogen.

Trennung, Alkohol, Ritzen

Die Beziehung ging von da an bergab, die Nähe war mir einfach zu viel. Unsere Beziehung ließ sich bis November 2011 irgendwie halten, dann kam es zum Bruch, Trennung. Wir lebten dennoch weiter in der gemeinsamen Wohnung, keiner hatte Geld um auszuziehen. Ich begann wieder zu trinken, fast jeden Tag, die Wochenenden verbrachte ich betrunken vor dem Rechner, wenn es mir sehr schlecht ging, kam das Ritzen dazu. Im April 2012 hat meine Exfreundin einen neuen Freund zu sich eingeladen, das habe ich nicht ausgehalten. Eine Wodkaflasche in einer halben Stunde hat mir den Rest gegeben. Ich soll geschrien haben, mich umzubringen, nicht mehr leben zu wollen. Meine Exfreundin hat den Notarzt gerufen. Davon weiß ich nichts mehr. Ich kann mich nur daran erinnern, im Krankenhaus aufgewacht zu sein und mich mit einem Pfleger unterhalten zu haben, ich wollte gehen, hab gesagt, ich springe aus dem Fenster, wenn sie mich nicht gehen lassen, Ende vom Lied. Einweisung in die geschlossene Psychiatrie.

Innerhalb von 2 Wochen ging es mir wieder besser; ich wurde entlassen und habe geschworen nie wieder zu trinken. Nach zwei oder drei Wochen war der Schrank wieder voll mit Alkoholflaschen. Ich habe aber wieder begonnen zu laufen, erst eine halbe Stunde, dann eine Dreiviertelstunde, irgendwann eine Stunde. Nach dem Training gab es Alkohol und den Rechner. Juli 2012 lösen meine Exfreundin und ich unsere gemeinsame Wohnung auf und ziehen auseinander, ich in eine Einraumwohnung, sie nach Hause zu ihren Eltern, ich laufe weiter, trinke weiter; wenn es mir schlecht geht, ritze ich mich immer mehr. Meine Exfreundin und ich hatten nur noch sporadisch Kontakt, über WhatsApp.

Eines Tages Mitte Oktober, ein Wochenende im Alkoholdelirium, nerve ich meine Ex über WhatApp, mein Arm ist mit 50 Schnitten aufgeschlitzt. Sie sagt ich solle sie in Ruhe lassen, am nächsten Tag beginnt ihr Studium, sie will ein neues Leben anfangen. Es macht Klick, ich rufe meinen alten Therapeuten an, ich brauche Hilfe. Ab diesem Zeitpunkt höre ich endgültig mit dem Alkohol auf, ich laufe, wenn es mir schlecht geht. Im Dezember 2012 / Januar 2013 steht ein Umzug von Göttingen nach Freiburg an. Ich habe Angst vor dem Alleinsein, vor einem Rückfall zum Alkohol. Ich laufe wenn es mir schlecht geht, suche mir eine Therapeutin in Freiburg. Ich laufe weiter, normalerweise um die 10 km in einer Stunde, jeden zweiten Tag. Ich beginne mich gesund zu ernähren, Salat, Vollkornprodukte; kein Fastfood mehr, radikale Ernährungsumstellung.

Irgendwann erhöhe ich das Pensum, laufe meine ersten 21 Kilometer, für mich alleine, an einem Tag Mitte April 2013. Meine Therapie beginnt im Juni. Wir zerlegen mein ganzes Leben, ich habe Dysthymie, chronische Depressionen, ich werde mit ihnen leben müssen, sie sind ein Teil von mir. Ich betreibe immer mehr Sport, von Juli an auch Krafttraining. Ich bekomme jede Woche eine Aufgabe von meiner Therapeutin gestellt, an einem schönen Wochenende soll ich ins Schwimmbad gehen. Ich habe Komplexe wegen meines Aussehens, finde mich hässlich, unansehnlich, ich gehe dennoch, und es ist halb so schlimm. Da beobachte ich vom Beckenrand einen Schwimmer, Kraulstil, und bin fasziniert von dessen Bewegungen. Ich gehe jetzt jedes Wochenende baden, schaue mir die Schwimmer an.

Ich laufe weiter

Ich laufe natürlich weiter. Mittlerweile in einer Laufgruppe (Freiburger Morgenlauftreff, ich soll Menschen kennenlernen, sagt meine Therapeutin). Man sollte sagen, dass ich kein Auto habe und seit meinem Studiumbeginn überallhin Fahrrad fahre, Fahrradfahren macht mir Spaß, ich hätte gern ein Rennrad, schon lange, ist aber zu teuer. In einer Sitzung sagt meine Therapeutin, Sie laufen gern, fahren gern Fahrrad, gehen jetzt schwimmen – machen Sie Triathlon! Ich schaue sie ungläubig an und verneine diese Idee. An dem kommenden Wochenende (und das war wirklich ein Riesen-Zufall) ist der Freiburg-Triathlon, ich gehe hin, schaue mir das Spektakel an, danach schreibe ich mehrere Schwimmvereine an, ob es denn Kraulkurse gibt. Er beginnt im September 2013, der Gedanke an einen Triathlon wächst.

Ich laufe weiter, in der Laufgruppe, dort erzählen sie mir, sie seien schon mal Marathon gelaufen, einige sind älter als ich, viele langsamer, viele machen weniger Sport als ich, ich kann auch einen Marathon laufen, die Idee wächst in mir, aber auch die Triathlon-Idee wächst weiter in mir heran. Ich spare, jeden Monat 200 Euro, für ein Rennrad. Laufen ist jedoch meine Paradedisziplin. Ich beginne Zeitschriften zu lesen (RUNNER’S WORLD, Running), lese Laufbücher, Herbert Steffney, Hubert Beck, Bücher über Ernährung, ich esse immer gesünder, nehme immer mehr ab, mein Körper verändert sich. Ich gehe schwimmen, empfinde keine Scham mehr für meinen Körper, ich gehe laufen, ich kaufe mir Laufbekleidung, Socken, Long Sleeves, Tights, eine Kopflampe, laufe morgens oder spät abends, gehe zu meinem Schwimmkurs. Ich habe aufgehört zu zocken, mache Sport, es macht mir Spaß.

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