Himalayan 100 Mile Stage Race

Das Himalaya-Abenteuer endet mit einem Dschungel-Rennen

Die letzte Seite unseres Tagebuchs vom 100-Meilen-Rennen durch den Himalaya ist aufgeschlagen – die Schlussetappe.

Himalayan 100 Mile Stage Race

Auf dem Asphaltband durch den Dschungel.

5. Etappe:
Palmajua (2150 m) nach Maneybhanyjang ( 2134 m), 27 Kilometer


Endlich rückt das Ziel in greifbare Nähe, aber damit zugleich – leider – auch das Ende des Abenteuer-Rennens quer durch den Himalaya. Doch davor stehen noch einmal 27 harte Laufkilometer an. Der Kurs ist einfach zu beschreiben: Einmal auf einen Bergrücken und auf der anderen Seite wieder herunter. Es geht aber auch genauer: Zunächst knapp 700 Höhenmeter auf einer asphaltierten Straße bergan und dann gut 700 Höhenmeter hinab.

Der Start liegt exakt dort, wo gestern beim Halbmarathon das Ziel war. Wir werden in drei Bussen von Rimbik exakt auf der Wettkampfstrecke von gestern zum Start gefahren. Das gibt mir die Gelegenheit, die eigene Laufzeit mit der Fahrzeit des Busses zu vergleichen. 2:24 Stunden habe ich gestern für die 21 Kilometer benötigt, 1:33 der Sieger. Der Bus fährt kämpft sich exakt 1:15 Stunden lang durch die Serpentinen – im Vergleich Motorpower gegen Muskelkraft schneiden wir Läufer wirklich nicht schlecht ab.

Auf der regelmäßig ansteigenden Straße durch den Dschungel zieht sich das Feld schnell auseinander. Ich versuche jetzt, am letzten Tag, noch einmal zuzulegen und bei den Läufern mitzuhalten, die mir sonst stets weggelaufen sind. Das gelingt leidlich, ich halte Kontakt. Dschungelähnliche Vegetation und große Pinienwälder bilden die Kulisse.

Auf den letzten Metern bergauf wurden die Läufer noch einmal angefeuert.

Kurz vor dem Erreichen des Bergkamms wird der Dschungel lichter und erlaubt eine gigantische Aussicht. Unter uns der riesige Dschungel mit all den verschiedenen Grün- und Gelbfärbungen und auf der anderen Seite des Tals tauchen schneebedeckte Bergriesen aus den Wolken auf. Bei einer so überwältigenden Kulisse muss ich die vor mir Rennenden einfach davonziehen lassen. Ich bleibe stehen, genieße den Blick und fotografiere.

Denn geht es weiter auf den Bergrücken, auf dem ein kleines Dorf klebt. Nahezu alle Einwohner scheinen sich versammelt zu haben. Sie feuern uns Läufer begeistert an. Ich denke daran, wie hart das Leben hier oben auf dem zugigen Bergrücken sein muss, den Naturgewalten weitgehend schutzlos ausgeliefert.

Von jetzt ab bis ins Ziel, bis zum Ende der 100-Meilen-Tortur, geht es nur noch bergab. Nach den Bergab-Erfahrungen vom Marathon löst dies leicht ängstliche Gefühle in mir aus, doch die sind komplett unbegründet. Denn genauso stetig, wie es bergauf ging, führen die Serpentinen der Straße auch hinab.

Irgendwann erreiche ich die Startnummer 123, einen Läufer aus Japan. Auf jeder Etappe habe ich ihn mehrmals passiert - und er mich. Am Ende hatte er stets die Nase vorne. Ich frage mich, ob der Mann überhaupt irgendetwas von er famosen Gegend, durch die wir gelaufen sind, bemerkt hat? Den Kopf nach unten gesenkt, die Augen stur auf die Straße gerichtet, schlürft er über den Asphalt. Kein Blick nach rechts oder links, kein Gruß an die Mitläufer.

Himalayan 100 Mile Stage Race
Geschafft! Auch David Thomas Crombie finisht in diesem Moment das 100-Meilen-Rennen durch den Himalaya.

„Dir zeige ich’s heute“, flammt mein Ehrgeiz zehn Kilometer vor dem Ziel noch einmal heftig auf. Der Japaner hält tapfer dagegen. Doch je flacher es wird, umso stärker bin ich und lege an Tempo noch einmal zu. Im Ziel dieses Tages habe ich ihn mit zwei Minuten Vorsprung buchstäblich „deklassiert“. Er trägt es mit Fassung, bleibt in der Gesamtwertung deutlich vor mir – und sagt nichts.

Die letzten Kilometer ziehen sich noch einmal gewaltig in die Länge, doch dann ist es geschafft: Die Mitläufer, die bereits gefinisht haben, feuern mich kräftig an. Kinder in Schuluniform schwenken ihre Fähnchen und klatschen Applaus und nach dem Durchreißen des Zielbandes folgt für jeden Läufer die obligatorische Umarmung von Renndirektor Pandey.

100 Meilen, 160 Kilometer, in fünf Tagen liegen hinter mir –alles eingebettet in eine absolut zuverlässige und eingespielte Organisation. Noch vor sechs Tagen hatte ich riesige Zweifel, ob ich eine solche Herausforderung bewältigen kann. Die sind schon bald gewichen, denn meine Einstellung hat sich schnell geändert. Ich habe „patience“, die Geduld, für mich entdeckt. Eine neue, eine großartige Entdeckung. Und mit der nötigen Geduld setzte das Genießen einer einmaligen Laufstrecke in einer unvergleichlichen Umgebung ein.

Die Fotos von der fünften Tagesetappe finden Sie hier.

Den Bericht von der vierten Tagesetappe finden Sie hier.
Die Fotos von der vierten Tagesetappe finden Sie hier.

Den Bericht von der dritten Tagesetappe finden Sie hier.
Die Fotos von der dritten Tagesetappe finden Sie hier.

Den Bericht von der zweiten Tagesetappe finden Sie hier.
Die Fotos von der zweiten Tagesetappe finden Sie hier.

Den Bericht von der ersten Tagesetappe finden Sie hier.
Die Fotos von der ersten Tagesetappe finden Sie hier.