Olympia-Vorbereitung

Das große Interview mit Viktor Röthlin

"Im Marathon ist hauptsächlich Kopfarbeit gefragt", stellt Olympia-Mitfavorit Viktor Röthlin fest.

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Viktor Röthlin gewann den Zürich Marathon 2007 in neuer Schweizer Rekordzeit von 2:08:19 Stunden.

Vor genau zehn Jahren haben Sie sich entschieden, von den 10.000 Metern auf die Marathon-Distanz zu wechseln. Was war der Grund dafür?

Viktor Röthlin: Ein Negativerlebnis. Ich wurde bei der EM 1998 in Budapest Letzter über 10.000 Meter. Danach habe ich mich früher als geplant für den Marathon entschieden. Eigentlich wollte ich noch bis Sydney 2000 die 10.000 Meter laufen, aber nach dem Horrorlauf in Ungarn habe ich mich umentschieden.

Der Marathonlauf und vor allem das Marathon-Training verlangen unheimlich viel Selbstdisziplin und Überwindung. Gab es in den letzten Jahren einen Moment, wo Sie am liebsten alles in die Ecke geschmissen hätten?

Röthlin: Nein, denn der Traum nach Bewegung ist einfach tief in mir drin. Schon als kleiner Junge bin ich um unser Haus gerannt und habe sogar mit den Nachbarjungen kleine Wettkämpfe veranstaltet. Selbst jetzt, wenn es draußen nass und kalt ist, ist es immer noch der kleine Junge in mir, der rennt. Klar gibt es auch Momente, wo man nicht topmotiviert ist, aber alles hinzuschmeißen war für mich noch nie ein Thema.

Was ist für einen Marathonläufer wichtiger, der Kopf oder die Beine?

Röthlin: Beides. Beim Marathon braucht man sicher gute Beine, um die lange Distanz zu laufen. Das Faszinierende aber ist, das in dieser Sportart der Kopf hinzukommt. Im Marathon ist hauptsächlich Kopfarbeit gefragt. Das ist im Marathon auch immer eine große Motivation für mich, Medaillen als Nichtafrikaner zu gewinnen.

2006 holten Sie bei der EM in Göteborg Silber und 2007 bei der WM in Osaka Bronze. War das rückblickend der ganz große Durchbruch?

Röthlin: Ja, mit Sicherheit. Der Marathon ist seit zehn Jahren mein Leben und diese beiden Medaillen waren für mich die ganz großen Erfolge. Hinzu zählen möchte ich noch meine Topzeit in Tokio, die ich erst in diesem Jahr gelaufen bin. Wenn man mir 1998 gesagt hätte, dass ich all das einmal erreichen würde, wäre ich sicherlich glücklich gewesen.

Wie bedeutend war es zu wissen, dass Sie mit den Besten der Welt nicht nur mithalten, sondern Sie auch schlagen können?

Röthlin: Das war eine ganz wichtige Erfahrung für mich. Auf meiner Homepage steht "If you can dream it, you can do it". Daran habe ich immer geglaubt und mir meinen Traum erfüllt. Das ist das Schöne daran.

Haile Gebrselassie wird auf Grund der hohen Luftbelastung nicht in Peking starten, außer die Strecke wird noch einmal verlegt. Können Sie diese Entscheidung verstehen?

Röthlin: Nein. Wenn Haile ehrlich wäre, würde er etwas anderes sagen. Ich denke, dass gewisse Interessen von anderen Städte-Marathons eine Rolle spielen. Obwohl er den Marathon wegen der schlechten Luft nicht laufen will, möchte er angeblich über 10.000 Meter antreten. Das ist Quatsch, denn ob er mit Asthma über diese Distanz oder im Marathon antritt, ist gleich. Das letzte Wort ist aber noch nicht gesprochen. Ich schaue einfach am 24. August, ob er am Start steht. Ich kann mir ganz gut vorstellen, dass er doch noch in Peking läuft.

Zu den großen Herausforderungen zählen neben der Luftverschmutzung auch die hohe Luftfeuchtigkeit und die Hitze. Kann man sich als Marathon-Läufer darauf einstellen?

Röthlin: Die hohe Luftfeuchtigkeit und die Hitze habe ich in Osaka sehr gut verkraftet. An beide Aspekte kann man sich scheinbar gewöhnen, wenn man sehr früh anreist. So werde ich drei Wochen vor dem Start nach Peking reisen, damit sich mein Körper einstellen kann.

Nach der Absage von Gebrselassie gehören Sie zum Favoritenkreis auf Gold. Wie sieht Ihre Zielstellung für Olympia aus?

Röthlin: Das ist immer eine verrückte Frage (...lacht). Ich denke, Haile ist ein großer Favorit, aber es gibt noch viele andere. Da fallen mir spontan 15 bis 20 Namen ein, die das Rennen unter sich ausmachen werden. Ich gehöre dazu, das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass die Karten immer wieder neu gemischt werden. Das Spiel fängt immer wieder von neuem an, aber das macht die ganze Geschichte auch spannend.

2003 lief Paul Tergat in Berlin Weltrekord und war der große Favorit für die Olympischen Spiele von Athen. Gewonnen hat Stefano Baldini, der WM-Dritte von 2003. Jetzt sind Sie WM-Dritter, und Haile hat vergangenen Herbst den Weltrekord aufgestellt. Haben Sie darüber schon einmal nachgedacht?

Röthlin: Ganz bestimmt. Darum möchte ich auch, dass Haile läuft und sich die Geschichte wiederholt. Ich habe diese Verbindung schmunzelnd zur Kenntnis genommen, denn es wird im Moment auch nur von Haile und von einem neuen Weltrekord gesprochen. Wenn es nach mir geht, kann sich diese Geschichte durchaus wiederholen (...lacht).

In Tokio haben Sie in diesem Jahr mit 2:07:23 Stunden einen neuen Schweizer Rekord aufgestellt. Welche Zeit muss man in Peking laufen, um ganz vorne dabei zu sein?

Röthlin: So schnell muss man nicht sein. Wenn man unter den schwierigen Bedingungen in Peking mit 2:13, 2:14 Stunden ins Ziel läuft, hat man bereits gute Chancen auf eine Medaille.

Glauben Sie, dass ein Läufer in den nächsten Jahren eine Marathon-Zeit unter zwei Stunden schaffen kann?

Röthlin: Man darf niemals nie sagen, obwohl es für mich nicht wirklich vorstellbar ist. Die Vergangenheit hat aber immer wieder gezeigt, dass neue Ausnahme-Weltrekorde möglich sind. Deshalb denke ich, dass es sicherlich noch einmal schneller geht als die Zeit von Haile.

Wie sieht Ihr Trainingsplan aus, wie viele Kilometer laufen Sie im Jahr?

Röthlin: Man kann sich auf meiner Seite unter www.vicsystem.com einklicken, dort findet man meinen Trainingsplan und auch viele Pläne für Hobby-Läufer. Ich habe ein eigenes System entwickelt und laufe 220 bis 230 Kilometer in der Woche. Nach diesem Grundprinzip kann eigentlich jeder Langstreckenläufer trainieren.

Haben Sie Ihr Trainingspensum im Hinblick auf die Olympischen Spiele eher nach oben oder nach unten geschraubt?

Röthlin: Der Gesamtumfang des Trainings ist stabil geblieben. Mit einer hohen Variabilität, dass ich immer wieder neue Reize setze. Aber die letzten Jahre habe ich einen Umfang von der Belastungsintensität erreicht, wo ich auch an meine Grenzen stoße. Dabei geht es immer auch um die Balance zwischen Belastung und Erholung. Die habe ich sehr gut gefunden, denn für einen weißen Läufer trainiere ich ziemlich weit oben an der Grenze.

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Auch bei den olympischen Spielen zählt Viktor Röthlin zu den Favoriten.

Sie haben lange Zeit mit den Top-Athleten in Kenia trainiert, bis Sie das Land auf Grund der Unruhen verlassen mussten. Haben die Bilder des Bürgerkriegs Spuren bei Ihnen hinterlassen?

Röthlin: Kenia ist eine zweite Heimat für mich geworden und die Eindrücke bei meinem letzten Besuch waren sicherlich nicht schön. Ich bin immer in Kontakt mit meinen Freunden in Kenia, um die ich mir schon Sorgen mache. Der Bürgerkrieg ist eine sehr traurige Geschichte, die aufzeigt, wie unwichtig der Sport sein kann, wenn man betrachtet, dass in Kenia auch unschuldige Kinder umgebracht werden, nur weil sie im falschen Moment am falschen Ort waren.

Sport und Politik lassen sich nur schwer trennen. In Paris wurde der olympische Fackellauf teilweise von gewaltsamen Protesten begleitet. Verurteilen Sie das "Mittel" Gewalt, um eigenen Forderungen Nachdruck zu verleihen?

Röthlin: Absolut. In der aktuellen Tibet-Problematik zeigt gerade der Dalai Lama den richtigen Weg - nämlich ohne Gewalt. Ich glaube nicht, dass die aktuellen Proteste im Sinne des tibetischen Oberhauptes sind. Insgesamt muss man die ganze Angelegenheit noch differenzierter betrachten und anderweitig lösen. Was mit der Fackel geschieht, hat nichts mit der Geschichte zwischen China und Tibet zu tun. Die Extremisten machen mich traurig.

China ist ein starkes und vor allem auch stolzes Land, das sich unheimlich auf die Austragung der Olympischen Spiele 2008 gefreut hat. Können Sie die zum Teil verärgerten Reaktionen der Chinesen verstehen?

Röthlin: Ich sehe immer beide Seiten. Das die Einhaltung der Menschenrechte in China ein Problem ist, das ist jedem klar. Aber man muss die ganze Geschichte Chinas sehen, wie es auch von uns Europäern erobert wurde. Ich bin immer ein bisschen kritisch, wenn gerade der Westen den anderen Ländern zeigen will, was richtig und was falsch ist.

In vielen Interviews haben Sie immer wieder gesagt, dass Sie einfach nur laufen wollen. Welche Rolle spielen die Schuhe bei einem Marathon?

Röthlin: Der Laufschuh ist einer der größten Mosaiksteine und nach dem Formel-1-Auto das am meisten entwickelte Fortbewegungsmittel. Da ist sehr viel Forschung rein gesteckt worden. Für das Rennen in Peking hat Asics für mich einen Schuh mit einer ganz speziellen Sohle entwickelt, die sich komplett der Asphaltbeschaffenheit anpasst. Bei Olympia gibt es also eine ganz spezielle Gummimischung, die mir zu einer Medaille verhelfen soll.

Gebrselassie hat angekündigt, dass er noch bis zu den Olympischen Spielen 2012 in London laufen will. Werden Sie sich seinem Vorbild anschließen?

Röthlin: Mein letztes großes Ziel ist eigentlich die EM 2010 in Barcelona. 2006 war ich Vize-Europameister, da gibt es noch etwas zu tun. In zwei Jahren bin ich aber in einem Alter, wo es immer schwieriger mit der Erholungszeit wird. Der Rotwein-Effekt ist dann wahrscheinlich an seiner Grenze angelangt, deshalb denke ich, dass danach Schluss ist.

Zuletzt haben Sie neben der Strecke geglänzt und gemeinsam mit Dirk Thiele den Paris-Marathon für EUROSPORT kommentiert. Können Sie sich vorstellen, nach Ihrer Karriere als Sportreporter zu arbeiten?

Röthlin: Bei Olympia 2012 bin ich vielleicht als Experte für Eurosport dabei, aber ein Sportreporter werde ich mit Sicherheit nicht. Ich möchte vielmehr die Faszination am Marathon weitergeben und die Leute für das Laufen begeistern. Mir schweben bereits einige Projekte vor, damit die Menschen wieder mehr Sport machen.

Geduld macht sich bezahlt

Viktor Röthlin

Viktor Röthlin ist 2007 der zweitschnellste Europäer über Marathon.... mehr