Das erste Mal Berlin-Marathon

Das Erlebnis

Was einen erwartet, wenn man zum ersten Mal in Berlin am Start ist. Stefan Albus war 2010 dabei.

Stefan Albus beim Berlin-Marathon 2010

Schwer erfolgreich: Stefan Albus zählt in der Marathonszene wie unter den Autoren zu den Schwergewichten. Das Foto wurde beim Berlin-Marathon 2010 aufgenommen.

Bild: privat

Aus einem Laufmuffel wird erst ein Läufer, dann ein ­Marathonläufer, dann ein Marathon-Finisher. Das tut ­alles ganz schön weh. Doch nichts macht glücklicher.

Zur Person:
Stefan Albus, Autor, 44

Stefan Albus ist eigentlich Chemiker. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim an der Ruhr und zwei Jahren Forschung an der Universität Groningen (Niederlande) entschied er sich jedoch, die Reagenzgläser in den Schrank zu stellen und sich dem Schreiben zu widmen. So arbeitet er seit 1996 als freier Wissenschafts- und Fachautor, Redakteur und Redenschreiber. Und nebenher hat er als idealen Ausgleich das Laufen für sich entdeckt. Beim Berlin-Marathon 2010 feierte er seine Premiere auf der klassischen Laufdistanz.



DER HIMMEL ÜBER BERLIN

Das erste Mal über Berlin nachgedacht? Marathonmäßig? Das muss damals gewesen sein, als man sich für die 100 Meter zum Bäcker noch ins Auto geworfen hat. Okay, ganz soo lange dann vielleicht doch nicht: Meine Laufbuddys kamen mit dem Projekt schon 2009 um die Ecke. Aber – ischwör! – es gab Zeiten, in denen zumindest mir der Gedanke, 42 195 Meter zu laufen, etwa so vorkam wie die Idee, Boris Becker zu duzen: Muss nicht sein. Aber trotzdem: August 2010 – ich renne kleine Dreißigerchen. Im Sauerstoffzelt-Tempo auf Rundkur­sen um diverse Seen des Ruhrpotts. Marathon muss nicht sein. Kann aber.

Und? Erster „Langer“: gelitten, gestorben. Beim zweiten: nur gestorben. Beim dritten Mal: gestorben – aber immerhin noch am Parkplatz wieder auferstanden. He! Sollte es …? Dann der Tag, an dem die Säge sägen will: mitten in der Nacht Laufbuddys treffen, Koffer in den Zug wuchten, sechs Stunden Party im ICE. Die Spreestadt erkunden. S-Bahn. Kreuzberg. Adlon. Skater beim Zieleinlauf anfeuern, dabei heimlich das Brandenburger Tor berühren und feuchte Augen kriegen. Feiern in einem vollen Lokal unter der S-Bahn, mit einem Berg Nudeln, wie alle anderen auch, schlafen ohne Schlaf, aufstehen, frühstücken, los. Endlich.

Okay, der Weltrekord war für uns nicht wirklich drin, das haben wir Normalos in unserem Startblock H (wie „hinten“) dann doch irgendwann einsehen müssen. Es regnet Katzen und junge Hunde. Egal – ein Knall! Ballons steigen auf! Trotzdem warten – wir sind noch laaaaange nicht dran. Neben mir legt eine Frau eine alte Jacke auf die Absperrung. Streicht noch einmal zärtlich drüber. Blickt nach vorn. Noch ein Knall. Die Ballons sind lange schon in den ­grauen Wolken verschwunden. Erst beim dritten Bang dann dürfen auch wir endlich: Los! Jetzt! He, regnet das wirklich? Wo denn? Dafür: Leute, Leute, Leute! Das Läuferfeld ist bis zur Halbmarathonmarke so dicht wie in einer 80er-Jahre-Anti-Atom-Demo. Immer wieder Viererketten im einheitlichen T-Shirt, die man aufwendig umzirkeln muss, nur um kurz danach auf Pfützen von Größe und Tiefe des Bodensees zu treffen. Später dann herumtorkelnde Gestalten, die direkt vor meiner Nase den Schulterschluss mit irgendeinem nicht weniger irrlichternden Nebenmann suchen. Egal – Spurt und gut. Ham wa ja geübt, wa?

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