Im 4/4-Takt

Da steckt Musik drin

Laufen im Schatten von Industriedenkmälern? Warum nicht – Ab Juli kann man den Ruhrpott im Laufschritt rocken.

RUN n ROCK-Splitmarathon 2009 in Gelsenkirchen

Beim RUN 'n' ROCK-Splitmarathon 2009 in Gelsenkirchen wurde trotz Regen gerockt.

Bild: gid-right Ltd. & Co. KG

Ker, wann habe ich beim Laufen zuletzt so geschuftet – pardon: malocht? Zusammen mit ein paar hundert Leidensgenossen quäle ich mich die Schurenbach-Halde in Gelsenkirchen hoch – etliche Dutzend Meter Abraum, den die Kumpel der Zeche Nordstern bis 1986 am Rhein-Herne-Kanal aufgetürmt haben. Es ist heiß, der Staub ist fies, jeder Höhenmillimeter tut weh, einige Kollegen gehen schon – wann werden die ersten kriechen? OK, die Kohle hat uns damals hochgeholt, aber warum haben sie dieses ganze andere Zeug nicht unten gelassen?

Dann, endlich: Oben! Wuah: Bin ich auf dem Mond? Kaum: auf dem Erdtrabanten ist es wenigstens kühl. Dafür erinnert die 67 Tonnen schwere „Bramme für das Ruhrgebiet“ des Großkünstlers Richard Serra, an der ich nun inmitten einer Wüste aus grauer Asche vorbeikeuche, an einen der Quader aus Odyssee im Weltraum. Und die Aussicht … na ja, sagen wir‘s mal mit Pott-Poet Frank Goosen: Schön ist das nicht. Aber meins! Jawoll: Hier im Pott machen wir unsere Berge eben selbst!

Nicht schön, aber ehrlich

Aber muss man deshalb da raufrennen? Ja. Ganz ehrlich: Sollte zwischen Dortmund und Duisburg jeder Läufer mal gemacht haben. Denn dieses Martyrium ist Teil des sogenannten Run ‘n‘ Rock Splitmarathons. Gut: Das Motto der Veranstaltungs-Website „So frisch wirst Du einen Marathon sonst nirgends überstehen“ ist angesichts der couragierten Streckenführung ein klein wenig untertrieben – auch die Runde um die „Industriekathedrale“ Jahrhunderthalle in Bochum ist eine Berg- und Talbahn für Mitglieder der „Quäl Dich“-Fraktion unter uns und Läufer, die von ihren Trainern gehasst werden.

Aber die Richtung stimmt: 42,195 km mal nicht am Stück, sondern in vier handliche Portionen aufgeteilt und in bemerkenswerter Kulisse absolviert: Das hat wirklich was. 2010 erst recht: Das Ruhrgebiet als „Kulturhauptstadt 2010“ – hier gibt es das live und in Farbe unter die Füße. Schwitzen vor einer gigantischen ehemaligen Gebläsemaschinenhalle in Bochum, in der sonst schwarzbefrackte Symphoniker über ihre Geigen streichen, rennen durch die spektakuläre Kulisse eines alten Hochofens in Duisburg, sich das Herz aus dem Leib wulacken rund um den Förderturm der alten Zeche Zollverein, Gelsenkirchen hatten wir ja schon: Kann man so machen!

So, geschafft: An die Bramme gepackt, hechelnd am Verpflegungsstand vorbei – OK, leider alles alle. Egal – dafür hat‘s überall woanders vorbildlich geklappt. Jetzt noch ein bisschen am Rhein-Herne-Kanal lang, dann noch ein bisschen km-Kleinvieh. Ein paar der Typen, die sich den Aufstieg im Walker-Tempo gegönnt haben, rennen an mir vorbei. Macht nichts: In zwei Wochen sehen wir uns wieder, und zwar …

Startschuss unter Industrieruinen

… in Duisburg. Boah, sagte ich eben „Hochofen“? Alien-Filmkulisse würde es eher treffen. Beim Arschleder Adolf Tegtmeiers (Bühnenfigur des 1994 verstorbenen Ruhrpott-Kabarettisten Jürgen von Manger; das sogenannte Arschleder schonte früher den Hosenboden der Bergleute – die Red.): In diesen Rohren würde nicht mal Reiner Calmund steckenbleiben. Ist das eine Anlage! Und wir laufen mitten durch! Dann Linkskurve, eine lange Gerade, dann kommen links die Öfen der ehemaligen Kokerei. Aber aaaargh – es riecht nach Chemie! Prima – nach dem Lauf kann ich meine Lunge der BASF verkaufen. Zumindest das, was noch davon übrig ist … ob ich das Rennen zu schnell angegangen bin? Egal: In einer Art Montagehalle ohne Wände komme ich an einem Typen vorbei, der Gitarre spielt wie James Hetfield. Dieses Jahr sollen bei der Run ‘n‘ Rock-Serie drei Nachwuchs-Bands gegeneinander anspielen – das dürfte eine Menge Extra-Drive geben!

Nach 4,5 Kilometern überall jubelnde Menschen! Nanu? Die Kollegen, die 5,25 Kilometer gebucht haben – schließlich ist auch ein Split-Halbmarathon im Angebot –, fallen sich glücklich in die Arme, als hätten sie in drei Monaten die Sahara durchquert. Ich bin neidisch. Ich muss noch eine Runde. Merke: Man braucht keine Halde, um sich leer zu fühlen wie eine restlos ausgedrückte Gel-Tube. Egal – die Kulisse entschädigt: Alien II war schließlich auch nicht übel. Weiter.

Ein guter Ort zum schwitzen

Etwa fünf Kilometer später liege ich mit einem Bier in der Hand und einer ganzen Affenfelsen-Ration an Äpfeln, Bananen und Melonenstückchen im Magen in der Sonne und lausche der Band, die die Organisatoren für den zweiten Teil ihres Veranstaltungsmottos angeheuert haben. Rock und ja: auch Baker-Street-Pop, aber beides nicht übel. Nur tanzen tut irgendwie keiner … Dafür stehen lauter glückliche Menschen am Bierstand. Und die BASF muss wohl doch noch eine Weile auf meine Lunge warten – so schlimm war‘s dann auch wieder nicht.

In zwei Wochen winkt der Förderturm der Zeche Zollverein. Noch so ein umgenutztes Industriedenkmal mit Designzentrum und Edelrestaurant da, wo noch vor wenigen Jahren müde Leute mit kohleschwarzen Gesichtern aus dem Förderkorb geklettert sind. Wird Zeit dass da mal wieder kräftig geschwitzt wird. Kein übler Ort, einen Marathon zu finishen – auch wenn‘s nur ein Splitmarathon ist.

Run and Rock Duisburg 2009

Bild: Karin Pyc

Beim Run 'n' Rock in Duisburg 2009 wurden fleißig Spenden gesammelt.

Informationen:
Orte
Der Run ‘n‘ Rock Splitmarathon (und Halbmarathon) findet an vier Tagen in den Monaten Juli und August statt. Vorgruppe: Bochum (Jahrhunderthalle), 4. Juli. Main-Act: Gelsenkirchen (ehem. Zeche Nordstern), 1. August. 1. Zugabe: Duisburg (ehem. Thyssen-Hochofenwerk), 15. August. 2. Zugabe: Essen (UNESCO Weltkulturerbe Zeche Zollverein), 22. August.

Startzeiten
Auftakt ist jeweils um 14 Uhr; Startnummern können ab 11 Uhr abgeholt werden, Nachmeldungen sind bis 13 Uhr möglich.

Startgeld
Die Eintrittspreise sind gestaffelt. 1 x 10,54 km rocken kostet 15 Euro, wer an allen vier Terminen die volle Marathondistanz unter die Schuhe nehmen möchte, zahlt 45 Euro. Einmal rocken auf der Kurzstrecke (5,3 km) ist für 12 Euro zu haben, der Split-Halbmarathon kann für 36 Euro gefinished werden. Nachmeldegebühr: 3 Euro extra.

Infos und Anmeldung
www.run-n-rock.de

Vier Läufe zum Marathon

Run ‘n‘ Rock Spendenläufe 2009 im Ruhrgebiet

180809_run_and_rock_2009
In vier Ruhrgebiets-Städten erliefen sich die Teilnehmer ihren... mehr

America's Most Beautiful Run

San Francisco laufend erkunden

Bernd Stephan beim Bridge to Bridge Run in San Francisco
Der Bridge to Bridge Run führt vorbei an San Franciscos schönsten... mehr