Kenia

Chaotische Wettkampf-Nominierungen

Verbandsfunktionäre nutzen die Wettkampfplanung von kenianischen Topathleten für Machtspielchen.

Etliche Weltklasseläufer mussten unerwartet zurück nach Kenia.

Läufer aus Kenia dominieren gemeinsam mit den Äthiopiern seit Jahren die Langstrecken. Wann allerdings die besten von ihnen in dieser Saison bei den ersten großen Meetings an den Start gehen, ist unklar. Kenias Leichtathletik-Verbandsfunktionäre machten vielen mit ihrer jüngsten Initiative einen Strich durch die Rechnung. Das ist nichts Neues in Ostafrika. Doch bei den Ideen der Funktionäre handelt es sich meist um eine Safari, die in der Sackgasse endet. Das ausgelöste Chaos, die Undurchsichtigkeit und die Verwirrung, all das löst sich dann nach einer Weile wundersam wieder wie in Luft auf - bis zur nächsten Initiative von Athletics Kenya (AK). Leidtragende sind in erster Linie die Athleten.

Im aktuellen Fall, den der Londoner Journalist Pat Butcher auf seiner Internetseite (globerunner.org) aufdeckt, geht es um die Olympia-Nominierungen. Verbandsfunktionäre, die ansonsten oft nur wenig oder gar keinen Einfluss auf die Wettkampfplanung von Topathleten haben, nutzen die Situation für Machtspielchen.

Am Mittwoch, den 14. Mai, schickte AK aus heiterem Himmel eine Nachricht an jene internationalen Manager, die mit kenianischen Athleten zusammenarbeiten. Darin wird mit ganzen sechs Tagen Vorlauf über ein Trainingslager informiert, das am 20. Mai in Eldoret beginnen sollte. Es heißt:

„Alle Athleten Ihres Managements müssen sich ohne Ausnahme am 20. Mai in dem Trainingslager einfinden. Athleten, die nicht dort anwesend sind, werden von den Olympia-Ausscheidungen ausgeschlossen, ihre Manager werden suspendiert. Im Hinblick auf Wettkämpfe im Ausland werden die im Trainingslager anwesenden Trainer gegebenenfalls eine Freigabe erteilen. Wir benötigen für die Athleten Ihres Managements einen Trainings- und Wettkampfplan. Bitte stellen Sie sicher, dass diese Instruktionen ohne Fehlverhalten eingehalten werden. Wir freuen uns auf Ihre Kooperation...“ Unterzeichnet ist diese Mitteilung von Isiah Kiplagat, dem Präsidenten von Athletics Kenya.

Damit wird kurzfristig die komplette Planung für den ersten Saisonabschnitt über den Haufen geworfen. Etliche Athleten, die gerade erst aus Kenia nach Europa oder auch in die USA gereist sind, um sich dort auf die erste Wettkampfphase vorzubereiten, mussten Hals über Kopf wieder nach Kenia zurück – in ein Trainingslager, von dem noch nicht einmal bekannt ist, wie lange es eigentlich dauert.

Die betroffenen Manager sind erzürnt über das Verhalten der kenianischen Funktionäre. Weil sie damit rechnen müssen, dass AK jegliche öffentliche Kritik mit einer Suspendierung bestraft, äußern sie sich nur ohne Namensnennung. Ein Manager, der einen aktuellen Weltmeister betreut, schickte seinen Athleten nach einem Straßenlauf in Europa am Sonntag zurück nach Kenia, obwohl eigentlich ein Höhentrainingslager in der Schweiz geplant war.

„Es ist zwar besser geworden mit den kenianischen Funktionären, die uns früher auch als Blutsauger bezeichnet haben, aber manchmal versteht man nicht, was sie machen. Es ist doch in unserem ureigenen Interesse, dass unsere Athleten bei einer WM oder bei Olympia in Bestform sind“, sagt der Manager.

Vor rund zwei Jahren hatte Athletics Kenya mit einer Schwarzen Liste für Aufsehen gesorgt. Unter fadenscheinigen Gründen wurde renommierten Managern, darunter auch der Holländer Jos Hermens, die weitere Zusammenarbeit mit kenianischen Athleten untersagt. Einige Wochen später bekamen die protestierenden Manager eine E-Mail: „Liebe Freunde“, hieß es da, „wir gratulieren zu Ihrem erfolgreichen Protest und freuen uns auf die zukünftige Zusammenarbeit.“

2005 waren die kenianischen Athleten bei der WM in Helsinki aufgefallen, weil sie unterschiedliche Kleidung trugen. Wie dann bekannt wurde, war in Kenia vor Beginn der Titelkämpfe ein Teil der Mannschaftsausrüstung verkauft worden.