Leserreporter Günter Schmidt

Bornaer Marathon - ein etwas anderer Lauf

Unser Leserreporter Günter Schmidt lief den 11. Bornaer Marathon 2016. Das Besondere: der Lauf ist ein geführter Marathon.

Bornaer Marathon 2016 - Fotos
Leserreporter Günter Schmidt Bornaer Marathon 2016

Die übersichtliche Startaufstellung der 5:30-h-Gruppe des Bornaer Marathons 2016.

Bild: Günter Schmidt

Borna ist eine Stadt in der Nähe von Leipzig und dort gibt es einen Marathon. Das wisst ihr nicht? Schämt euch! Aber zu eurer Ehrenrettung sei gesagt, es gibt Leute die meinen, dass das gar kein richtiger Marathon sei. Denn es ist ein geführter Marathon. Da startet man in Zeitgruppen, jede halbe Stunde eine, mit Zielzeiten zwischen 3:30 und 5:30 Stunden. Ich nehme mal an, das ist nichts für euch. Weil ihr richtige Marathonläufer seid! Aber ihr müsst dort auch nicht laufen. Es gibt ohnehin nur 60 Startplätze.

Ich breche gemeinsam mit meiner Tochter Yvette nach Borna auf. Die wollte dort auch nicht laufen. Genau - weil es ein geführter Marathon ist. So sagt sie es natürlich nicht, meint, sie habe Probleme mit Fuß und Knie. Alles Ausreden. Ich laufe doch auch, obwohl ich drei Wochen nicht trainiert habe. Weil ich erkältet war. Oder wie nennt man das, wenn man keine Lust zum Laufen hat?

“Die Läufer der 3:30-Stunden-Gruppe liegen noch im Bett"

Der Start erfolgt im Rudolf-Harbig-Stadion. Als wir ankommen sind nur wenige Läufer da. Logisch, durch die unterschiedlichen Startzeiten. Ich nehme mal an, die Läufer der 3:30-Stunden-Gruppe liegen noch im Bett. Dafür sind die Helfer schon voll mit der Vorbereitung beschäftigt. Wir bekommen unsere Startnummer, den Chip und sogar ein T-Shirt. Ich getraue mir gar nicht zu schreiben, was wir vorher an Startgebühr bezahlen mussten – gerade mal 25 Euro!

Unsere Gruppe startet um 9:30 Uhr. Wir sind die 5:30-Stunden-Gruppe. Also die Loser-Gruppe. In der laufe ich aber nur wegen Yvette und ihren Wehwehchen. Ich bin viel schneller, würde normalerweise in der 5-Stunden-Gruppe starten. Die Frauenquote in der Gruppe stellt mich zufrieden. 75 Prozent Frauen! Mehr geht nicht – da wir nur vier sind. Ich fühle mich wie der Hahn im Korb. Leider zu früh, denn kurz vor dem Start kreuzt ein weiterer Hahn auf. Die Frauenquote sinkt damit auf 60 Prozent, was für einen Marathon immer noch überdurchschnittlich ist.

“Die Anzahl der jubelnden Zuschauer übertrifft die der Läufer um ein Vielfaches“

Pünktlich setzt sich das Läuferfeld in Bewegung. Gut, ich streite mich nicht mit euch, ob man bei fünf Läufern von einem Läuferfeld sprechen darf. Aber glaubt mir, so einen Start wie in Borna habt ihr noch nicht erlebt. Die Anzahl der jubelnden und klatschenden Zuschauer übersteigt die Anzahl der Läufer um ein Vielfaches. Wenn wir ehrlich sind: So etwas gibt es nicht mal beim Berlin-Marathon!

Wer Borna nicht kennt und mitlaufen will, um die Stadt kennenzulernen, der sollte lieber zu Hause bleiben. Das Stadion liegt am Stadtrand, das bedeutendste Gebäude, welches wir passieren, ist das Krankenhaus bei Kilometer eins. Danach überqueren wir schnell noch die B93. Na gut, ganz so schnell geht es nicht, weil die Fußgängerampel rot zeigt.

Übrigens: Sollte jemand mit seiner gelaufenen Zeit nicht zufrieden sein, an den Ampeln kann es nicht gelegen haben. Es gibt nur wenige und da sollen sogar Läufer mangels störender Kraftfahrzeuge bei Rot über die Straße gelaufen sein. Woanders wird man dafür disqualifiziert. An Straßenquerungen ohne Ampel regeln Mitglieder der „Kartoffelkäferbande“ den Verkehr. Das ist ein Motorradclub. Also so etwas wie die „Hells Angels“, nur viel netter. Aber genau so mächtig. Wenn die den Arm hochhalten, bleibt jedes Auto stehen. Freie Fahrt für uns!

Die Strecke führt oft am Wasser entlang.

Bild: Günter Schmidt

Ich würde den Bornaer Marathon als Landschaftslauf bezeichnen. Wälder, Felder und Seen. Unvorstellbar, aber vor wenigen Jahren war das noch Bergbaugebiet. Man kann auch sagen: Eine geschundene Landschaft. Aber es ist nun mal so, wo einst Kohle für Kraftwerke und Stubenöfen gefördert wurde, sind inzwischen wunderschöne Seen, umgeben von Wäldern entstanden. Ich weiß gar nicht, warum so viele Leute gegen Braunkohlekraftwerke sind.

Pacemaker auf zwei Rädern sorgen für das richtige Tempo

Was ich euch noch gar nicht erzählt habe, jede Gruppe hat zwei Betreuer. Die begleiten uns fast die gesamte Strecke auf Fahrrädern. Und nun denkt bitte nicht, die braucht man bei einem geführten Marathon, weil da nur Läufer mit Orientierungsproblemen unterwegs sind, die sich bei jedem normalen Marathon hoffnungslos verlaufen würden. Sicher, die Radler führen uns, aber sie sollen auch für das richtige Tempo sorgen. Und wem es zu warm wird, dem nehmen sie die Jacke ab. Unterhalten müssen sie uns auch. Oder wir sie? Egal. Unterhaltung wird in unserer Gruppe sehr groß geschrieben. Zu groß, wie sich noch zeigen wird.

Natürlich reichen zwei Begleiter nicht für so ein großes Läuferfeld, wie es unsere Gruppe ist. Da sind noch zwei, die mit dem Auto unterwegs sind und alle fünf Kilometer ihr „Tischlein deck dich“ auspacken. Gut, so wie im gleichnamigen Märchen ist es nicht gedeckt, Gänsebraten und Schweinehaxen fehlen. Aber dafür ist alles vorhanden, was Läufer so begehren.

Ich muss zugeben, mit den Namen der Seen, die auf unserem Weg liegen, habe ich so meine Probleme. Aber da ihr die ohnehin nicht kennt, sind die wohl auch nicht so wichtig. An einem See erzählt uns einer unsere Begleiter, dass er als Kind in der DDR hier geangelt hat. Riesige Karpfen, die er aber nie gegessen hat. Weil die selbst nach vier Wochen im kristallklaren Wasser der Badewanne noch nach Benzin geschmeckt haben. Na ja, irgendwohin musste man ja die Abfallstoffe der Chemischen Industrie pumpen.

Der See ist heute noch gefährlich. Oder besser gesagt seine Umgebung. Müssen die denn ausgerechnet am Marathon-Wochenende dort eine Treibjagd veranstalten? Hätte ich das gewusst, wäre ich im gelben Shirt des 100 Marathon-Club gelaufen. In meinen schwarzen Laufsachen unterscheide ich mich vom Wildschwein eigentlich nur in der Laufgeschwindigkeit. Und natürlich auch darin, dass keiner auf mich geschossen hat. Wir haben alle überlebt!

“Hier steht die Schnapsflasche auf dem Tisch, daneben der Bierkasten“

Es überrascht nun sicher keinen, wenn ich mitteile, dass sich die Anzahl der Zuschauer an der Strecke in Grenzen hält. Mit einer Ausnahme, in Neukirchen. Wer das erste Mal dort vorbeikommt, könnte denken, da haben Campingfreunde ihre Wäsche gewaschen. Elf T-Shirts in allen möglichen Farben baumeln an einer Hecke. Doch falsch gedacht: Hier hängt die gesamte farbenfreudige Shirt-Kollektion der bisherigen elf Borna-Marathons! Aber nicht nur das. Hier steht die Schnapsflasche auf dem Tisch, daneben der Bierkasten, es riecht nach gegrillter Bratwurst. Eine Verpflegungsstelle der anderen Art!

Die Helfer an der Strecke sind nicht zu beneiden. Und damit bin ich beim Wetter. Es ist kalt, teilweise windig, trüb. Da macht es mit Sicherheit keinen Spaß, an einem Verpflegungsstand oder an einer Straße zu stehen. Für uns Läufer dagegen ist es gar nicht so schlecht. Einziges Manko: mit etwas Sonne wäre die Landschaft viel schöner.

An der Halbmarathonmarke kommt das böse Erwachen. Ich schaue auf die Uhr – genau drei Stunden sind wir unterwegs. Wir hätten vielleicht nicht so viel quatschen, keine gefühlten fünf Minuten an jeder Verpflegungsstelle herumhängen sollen. Was natürlich nicht an uns lag, sondern an der Verpflegung und an den netten Betreuern. Da brauchen wir uns auch nicht zu wundern, dass uns bei Kilometer 25 die 5-Stunden-Gruppe überholt. Das dürfte eigentlich erst im Zielbereich passieren.

Leserreporter Günter Schmidt Bornaer Marathon 2016

Bild: Günter Schmidt

Am Ende konnte sich Günters Tochter über ihre verdiente Medaille und Urkunde freuen.

Yvette beschließt, ab sofort geben wir Gas. Und wenn die so etwas sagt, zieht die das durch. Heute zumindest bis Kilometer 30. Da meldet sich ihr Fuß. An der Strecke kann es nicht gelegen haben, die läuft sich gut im Wechsel zwischen befestigten Wegen und Asphalt.

Kilometer 30, da sind wir am Hainer See. Den muss man kennen, das ist mit Sicherheit der Schönste auf unserer Runde. Das haben wohl auch schon andere festgestellt und sich dort den Traum vom Haus am See verwirklicht. Unglaublich, hier gibt es Strände wie an der Ostsee, selbst das Dünengras fehlt nicht. Und das Wasser leuchtet in einer Farbe, die man nur aus der Karibik kennt. Wenn ich jung wäre, würde ich sparen – und könnte mir im hohen Alter hier ein Haus bauen.

Mit Knieproblemen bei Kilometer 32 scheint das Ziel verdammt weit weg

Die nächsten acht Kilometer laufen wir in Ufernähe. Ich finde das schön. Yvette nicht, die findet gar nichts mehr schön. Denn ab Kilometer 32 will auch ihr Knie nicht mehr. Und ausgerechnet da überholen uns die ersten Läufer der 4:30-Stunden-Gruppe! Zudem zeigt unser Fahrradbegleiter auf einen hohen Fabrikschornstein. „Dort ist das Ziel!“ sagt er. Der will uns motivieren, das ist gut gemeint. Aber für Yvette steht der Schornstein am Horizont. Und wenn man einen Teil der Strecke nur noch gehend zurücklegen kann, ist so ein Horizont verdammt weit weg!

Irgendwann erreichen wir das Ziel, allein, unsere Gruppe ist schon lange zerfallen. Wie alle Gruppen. Es sind viele Läufer dabei, die die Strecke kennen und ab Kilometer 25 erklärt sie sich teilweise von selbst bzw. ist markiert. Jeder kann sein Tempo laufen. Den Idealzustand für die Veranstalter, dass alle Läufer um 15 Uhr den Zielstrich überqueren, gab es noch nie. Unsere Zeit erwähne ich lieber nicht. Nur für die, die rechnen können: Wir hatten eine Verspätung von 38 Minuten. Und haben trotzdem noch unsere Medaille bekommen, die Veranstalter der Laufgruppe des Volks-Sport-Verein 77 Borna sind spitze!

“Ein richtig familiärer Abschluss nach einem richtig familiären Lauf“

Umkleidemöglichkeiten und Duschen sind im Stadion ausreichend vorhanden. Selbst für Trödler wie uns ist noch warmes Wasser im Angebot. Und dann sitzen alle beisammen. Man kennt sich, die meisten Läufer sind Wiederholungstäter. Auf den Tischen stehen Kaffee und Kuchen, Bratwurst und Bier gibt es auch - all inclusive! Ein richtig familiärer Abschluss nach einem richtig familiären Lauf.

Na, wäre so ein geführter Marathon nicht doch etwas für euch? Hoffentlich nicht, denn wie schon erwähnt gibt es nur 60 Startplätze. Und nicht nur Yvette und ich wollen nächstes Jahr wieder dabei sein.

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