Leserreporter Bernhard Hettesheimer

Blühende Mandelbäume beim Weinstraßen-Marathon 2014

Weinberge, Winzerhöfe und Mandelbäume erlebt Leserreporter Bernhard Hettesheimer beim Marathon an der Deutschen Weinstraße. Unterwegs gibt es für ihn eine Rieslingdusche.

Marathon Deutsche Weinstraße - Fotos

Klapptische vor den Winzerhöfen

Noch knapp 300 Meter bis ins Ziel. Die Oberschenkel brennen, ich nehme die Zuschauer im Zieleinlauf nur noch am Rande wahr. Die Laufuhr zeigt 3Std. 58 Minuten und 42 Sekunden. Ich habe mein Ziel, einen Marathon unter 4 Stunden zu laufen, denkbar knapp vor Augen …

Knapp 4 Stunden vorher. Dietmar, Ingrid und ich stehen im Startbereich. Es ist Marathon an der Deutschen Weinstraße. Der Start ist in Bockenheim. Frühlingshafte Temperaturen um 22 Grad, die Stimmung ist aufgekratzt. Wie Rennpferde scharren wir in der Box . Wir fühlen uns gut, 500 Trainingskilometer liegen hinter uns. Die sollten eigentlich reichen. Eigentlich! Dieses Wort birgt einen Zweifel. 42,195 km ist eine verdammt lange Strecke und jeden Kilometer darf ich nicht mehr als exakt 5 Minuten und 40 Sekunden brauchen. Eigentlich. Denn nie läufst Du die Ideallinie. So kommen schon mal 300 Meter mehr zusammen. Ist doch eigentlich nicht viel. 300 Schritte mehr! In meine Gedanken hinein fällt der Startschuss.

Wir laufen fast entspannt los. Eine tolle Landschaft liegt vor uns. Die letzten Mandelbäume blühen noch an der Deutschen Weinstraße. Für die Zuschauer ist dieser Tag ein Fest. Klapptische stehen vor den Winzerhöfen, tausende von Zuschauern säumen die ersten Kilometer der Strecke. Es geht hinaus in die Weinberge. Die erste Steigung erwartet uns, denn insgesamt müssen wir auf der Strecke über 650 Höhenmeter bewältigen. Wie ein buntes Band ziehen sich die Läufer durch die noch kahlen Rebstöcke. Rote und blaue Heißluftballons schweben über uns. Was für ein phantastischer Morgen!

Nach 5 Kilometern kommen wir in Grünstadt an und laufen zum ersten Mal durch die kleine Fußgängerzone. Die Straßencafes sind gut besucht, die Menschen feuern uns an. Viele von ihnen können sich wahrscheinlich nicht im Traum vorstellen eine solche Distanz zu laufen. Ich konnte es vor 5 Jahren auch noch nicht!

Dietmar, Ingrid und Bernd beim Weinstraßen-Marathon 2014 voller Euphorie.

Bild: privat

Rieslingdusche in Herxheim am Berg

Kurz nach Grünstadt trennt sich beim Weinstraßen-Marathon das Marathon- vom Halbmarathonfeld. Für uns stehen die ersten richtigen Steigungen an. Bobenheim am Berg und Weisenheim am Berg werden angesteuert. Der Name ist Programm, denn knapp 150 Höhenmeter sind zwischen Kilometer 9 und 16 zu überwinden. Ich bin gut in der Zeit, ich laufe locker, die Uhr zeigt eine durchschnittliche Laufgeschwindigkeit von 5 Minuten und 35 Sekunden. Herrlich, denn jetzt geht es knapp 5 Kilometer nur bergab. Bad Dürkheim liegt im morgendlichen Dunst vor mir. Wir lassen es bergab laufen, ein erster banger Blick zurück und die Frage, ob wir später auf dem Rückweg genau diese 5 Kilometer als Steigung vor uns haben. Ach was!

Positiv heißt die Devise, wir laufen durch den Kurpark von Bad Dürkheim, der Schatten der Salinen und die kühle Luft tut gut. Die Halbmarathondistanz ist erreicht. Die Uhr steht bei 1 Stunde 57 Minute. Eine leichte Euphorie macht sich in unserem Trio breit: Die Hälfte ist um und wir haben 3 Minuten Luft, diesen Marathon unter 4 Stunden zu finishen.

Ein paar Kilometer geht es flach durch die Rheinebene. In der Ferne sehen wir die schnelleren Läufer auf einem weiteren Anstieg. Kilometer 25 ist erreicht. Der Laufstil ist nicht mehr ganz so locker, wir sind schon knapp zweieinhalb Stunden unterwegs. Unsere Gespräche in unserem Trio werden spärlicher, eine kleine Weißweinschorle werden wir erst nach dem Lauf zu uns nehmen, sie werden tatsächlich an jedem Verpflegungspunkt angeboten. Den Anstieg nach Kallstadt und Herxheim am Berg vor Augen konzentrieren wir uns auf uns, auf den nächsten 5 Kilometern liegen knapp über 100 Höhenmeter vor uns. Die ersten Läufer gehen am Berg.

Wir fokussieren unseren Laufrythmus und nehmen den Aufstieg. Vielleicht geht es nach der nächsten Kurve ja flach weiter, dort vorne ist bestimmt die Steigung zu Ende. Ein innerer Dialog beginnt. Wir verlieren wertvolle Minuten an diesen langen Steigungen. Ingrid kann das Tempo nicht mehr halten und lässt abreißen. Leider müssen Dietmar und ich die Rieslingdusche (kein Scherz!) in Herxheim am Berg(!) alleine genießen. Ihm steht mittlerweile die Anstrengung im Gesicht geschrieben. Er klagt über Schmerzen im Hüftbereich. Kilometer 30 ist erreicht. Wir freuen uns, dass es endlich wieder etwas bergab geht. Tempodurchschnitt 5:38 pro Kilometer. Zur Erinnerung: Langsamer als 5:40 sollte es nicht werden. Das scheint eine knappe Sache zu werden.

Dann in Kirchheim, wir passieren gerade das Schild mit der Kilometeranzeige 34, höre ich Dietmar neben mir sagen: „Lauf alleine weiter, die Schmerzen sind zu groß.“ Für ihn sind die vier Stunden nicht das große Ziel. Dreieinhalb Stunden ist er vor zwei Jahren in Frankfurt gelaufen.

Leserreporter Bernhard Hettesheimer beim Weinstraßen-Marathon

Bild: privat

Leserreporter Bernhard Hettesheimer finisht beim Weinstraßen-Marathon knapp unter vier Stunden.

Einsamer Schluss-Abschnitt für Bernhard Hettesheimer

So bin ich jetzt allein! Noch 7 Kilometer. Ein Blick auf die Uhr: 5:39 Minuten pro Kilometer. Jetzt wird es eng. Eine kurze aber heftige Steigung wartet auf mich. Ich führe intensive Diskussionen mit mir. Mein bequemer Teil teilt mir gerade mit, dass eine Zeit über 4 Stunden für einen 56-Jährigen mehr als ehrenhaft sei. Der ehrgeizige Teil in mir, verkündet, es sei ja wohl lachhaft sich 35 km zu quälen, um dann jammernd unterzugehen.

Ich kann nicht mehr und muss an dieser giftigen Steigung eine Gehpause einlegen. Auweia! Die Uhr zeigt immer noch 5:39. Bitte spring nicht auf 5:40! Lauf Bernhard, es ist ein Marathon und kein Wandertag! Lauf! Ich bin müde. Ist das der sagenumwobene Mann mit dem Hammer? Lauf und renn! Kilometer 40, ich bin wieder in Asselheim. Die Anstrengung ist nicht mehr zu übersehen. Eine Polizistin auf der Kreuzung lächelt mich an, ich spüre Mitleid. Noch 2 km. 5:38 auf der Uhr, das müsste reichen. Kilometer 41. Alles geht automatisch, ich schaffe das, weil ich es will!

Noch knapp 300 Meter bis ins Ziel. Die Oberschenkel brennen, ich nehme die Zuschauer im Zieleinlauf nur noch am Rande wahr. Die Laufuhr zeigt 3 Stunden, 58 Minuten und 42 Sekunden. Wenn nichts mehr geht, geht immer noch was! Ein Songtext von Matthias Reim? Egal! Noch 100 Meter. Jemand sagt: Nach links! Warum? Keine Ahnung! Ich sprinte ins Ziel. Woher die Kraft kommt? Alles spielt sich anscheinend im Kopf ab. Die Uhr bleibt bei 3:59:47 stehen. Das war pünktlich! Ein ungeheures Glücksgefühl überkommt mich. Geschafft!

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