Leser-Reporter Philipp Pedersen

Berlin-Marathon 2013: Vom Leuchtturm zum Brandenburger Tor

Der Student Philipp Pedersen lief 2013 zum zweiten Mal in Folge den Berlin-Marathon. Mit einem kreativen Gedankenspiel konnte er den Hammermann überlisten.

Leserreporter Philipp Pedersen

Leserreporter Philipp Pedersen freut sich auf die Realisierung seines gut durchdachten Plans beim Berlin-Marathon.

Bild: privat

Mit über 41.000 Läuferinnen und Läufern aus 119 Nationen stehe ich zum zweiten Mal am Start des 40. BMW Berlin Marathons 2013, wo später der Weltrekord mit 2:03:23 Stunden purzeln wird. Ich habe den Lauf bis ins kleinste Detail durchgeplant. Die geplanten Zwischenzeiten, Verpflegungspunkte, Energie-Gel-Einnahme stehen auf dem linken Arm. Auf dem rechten Arm stehen Kilometerdurchgangszeiten mit prognostizierter Zielzeit. Von Frühstück, Auftragen von Vaseline an den entsprechenden Stellen, Gelverträglichkeit, Trinken aus dem Becher während des Laufens, bis hin zu Kleidung wurde alles im Training getestet. Nur hinter den 42,195 km steht ein großes Fragezeichen.

Es ist 8.45 Uhr: Blauer Himmel, 8 °C, perfekt. Hubschrauber kreisen über den Köpfen, hunderte Luftballons steigen in die Luft, es fällt der Startschuss. Im letzten Jahr habe ich mich hier anfangs von den Zuschauern zu stark treiben lassen. Ab Kilometer 28 war das mit verkrampfter Rumpfmuskulatur und Adduktoren der reinste Kampf zwischen Kopf und Körper. Aber ich hatte mich ins Ziel geschleppt. 364 Tage hatte das Rennen an mir genagt. Heute soll die offene Rechnung beglichen werden.

Leserreporter Philipp Pedersen konnte mit einer geschickten Strategie den Mann mit dem Hammer austricksen.

Bild: privat

Dank Gedankenspiel dem Hammermann entgangen

Um nicht noch mal von den Zuschauern so angepeitscht zu werden, schotte ich mich im Kopf vollkommen ab und stelle mir vor, dass das hier alles nur ein lockerer Trainingslauf in Warnemünde sei. Mit dem Bild vor den Augen alleine auf der Mole zum grünen Leuchtturm zu laufen, halte ich mich frei von sämtlichen Emotionen und meinen Puls beachtlich niedrig. Das Tempo stimmt. Alles läuft nach Plan. Nur selten schaffen es die lautstarken Bands mich wieder auf die Straßen Berlins zu holen. Aber zack, bin ich wieder in Warnemünde. Sicherlich ist es schade, diese einmalige Stimmung an der Strecke auszublenden, aber der Marathon beginnt nun mal erst ab Kilometer 30. Am Alexanderplatz wartet Janine auf mich. Wir haben vorher mehrere Treffpunkte ausgemacht. So laufe ich von Treffpunkt zu Treffpunkt und teile mir so die 42,195 km in kleine Abschnitte ein, die dann doch nicht mehr so lang sind. Die ersten 15 km sind geschafft. Nur kann ich aber meinem Kopf nicht mehr vorgaukeln, dass ich 15 km auf der Mole laufe.

Ich entscheide mich für ein neues Gedankenspiel: Die Null-Bock-Stimmung. Hat sie mir bei wichtigen Vorträgen schon oft die Nervosität genommen, soll sie heute auch den Puls unten halten und alles ausblenden. Bei der grandiosen Atmosphäre an der Strecke ist das nicht einfach. Aber Tatsache – es funktioniert. Ich passiere unseren nächsten Treffpunkt: Hermannplatz. Immer wieder rede ich mir ein, wie langweilig das hier doch alles ist: "Soll das schon alles sein? Laaaaangweilig!" Es ist ein langweiliger Tunnel, in dem ich laufe. Als ich mal laut ausatme und gelangweilt zu einer Läuferin neben mir schaue, ernte ich nur einen verständnislosen, fragenden Blick: "Warum läuft der hier, wenn er keinen Bock hat?"

Jeder Kilometer wird gestoppt. Die Zwischenzeiten passen. Vielleicht etwas zu langsam, um die 4-Stundenmarke zu knacken. Aber daran ist sowieso erst mal nicht zu denken. Mein rechter Arm prognostiziert mir eine Zielzeit von 4:06 Stunden. Der Körper fühlt sich locker an. Die Halbmarathondistanz ist geschafft. Langsam beginnt der Streckenabschnitt, den ich nur schmerzhaft in Erinnerung habe. Am Treffpunkt Breitenbachplatz habe ich den leichten Anstieg nach Zehlendorf fast überwunden.

Am Platz des Wilden Ebers bei Kilometer 28 kann es nun endlich losgehen. Der Marathon beginnt. Hier bin ich letztes Jahr am Rand auf Pflastersteinen mit gesenktem Kopf gegangen. Heute: Straßenasphalt, Körperspannung, Fußabdruck. Der Mann hat seinen Hammer anscheinend noch nicht gefunden. Auf geht's zum 15 km-"Endspurt". 6 Minuten bin ich hinter der 4-Stundenmarke. Endlich kann ich die Handbremse lösen. Es rollt. Der Puls geht auch langsam hoch, aber alles noch im grünen Bereich. Zum ersten Mal nehme ich die Zuschauermassen richtig wahr. Es gibt wirklich keine Stellen, wo niemand steht und es ruhig ist. Auch wenn dich niemand kennt, wirst du von der Masse angefeuert. Blanke Euphorie. Am Treffpunkt Fehrbelliner Platz fliege ich vorbei. Ich bin nur noch am Überholen. "Wahnsinn! Das sind Roboterbeine." Nun sind es nur noch 4 Minuten Rückstand. Der Plan scheint aufzugehen.

Ku'damm, KaDeWe, Potsdamer Platz, Kilometer 39 ist geschafft. Die Beine tun jetzt richtig weh. Aber das müssen sie auch. Es läuft eigentlich nur noch der Kopf. Eine Verspannung im Zwerchfell kann ich durch eine erprobte Atemtechnik wieder lockern. Ich laufe meinen schnellsten Kilometer mit 4:57 min. Die 4-Stundenmarke ist zum Greifen nahe, aber es wird knapp. Der Puls ist bei 180. Autsch. Das hält der Körper die nächsten 2,5 km nicht aus. Ich muss das Tempo etwas herausnehmen. Mit 174 Schlägen pro Minute geht es am Gendarmenmarkt vorbei auf die Zielgerade: Unter den Linden.

Leserreporter Philipp Pedersen

Bild: privat

Leserreporter Philipp Pedersen glücklich mit Medaille nach Zieleinlauf

Unvergesslicher Moment: Zieleinlauf durch das Brandenburger Tor in Berlin

Es ist der Moment, für den man hunderte Kilometer im Training bei Wind, Hitze, Regen morgens trainiert hat: Das Durchlaufen des Brandenburger Tores. Sicherlich muss man sich keine 42 km schinden, um durch das Brandenburger Tor zu laufen. Nur wird man nie dabei so von Adrenalin durchflutet, mit den Tränen kämpfen, es erlösend finden, wenn hunderte Zuschauer, Musik, Cheerleader, Moderatoren, einen auf den letzten Metern ins Ziel tragen. So etwas kann man kaum beschreiben. Kurz nach dem Brandenburger Tor springt meine Uhr auf die Stundenanzeige "4". Es sind noch 195 m, für die ich 53 Sekunden brauche. Puh, das war knapp.

Mit 4:00:53 Stunden, habe ich eine Zeit geschafft, mit der ich vor dem Start überhaupt nicht mehr gerechnet habe. Aber durch die gute Renneinteilung und den Gedankenspielen habe ich die offene Rechnung vom letzten Jahr beglichen und bin überglücklich. Ich habe mir jetzt fest vorgenommen erst mal keinen Marathon mehr zu laufen. Zu zeitintensiv ist doch die Vorbereitung. Aber irgendwie stören da doch die 54 Sekunden ;-)

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