Leser-Reporter

Aufkommende Monotonie und treue Wegbegleiter

Nachdem zwischen Hauptbahnhof und Bundeskanzleramt Monotonie aufkam, folgte ein Schock am Alex: Günter Schödl stürzte. Zwei Holländer halfen ihm wieder auf die Beine.

Berlin-Marathon 2012

Die Architektur entlang der Strecke, zwischen Hauptbahnhof und Bundeskanzleramt, eine plötzlich aufkommende Monotonie macht es dem Läufer schwer.

Bild: Norbert Wilhelmi

Dann, wahrscheinlich lag es an der Architektur entlang der Strecke, zwischen Hauptbahnhof und Bundeskanzleramt, eine plötzlich aufkommende Monotonie. Sie wurde bereits nach dem Alex per Schock verdrängt: Kurzer Rempler, Abrutschen am Rinnstein, ich der Länge nach auf dem Boden. Alles schon zu Ende? Zwei Holländer halfen mir auf die Beine und eine Japanerin steckte mir die heruntergerissene Startnummer charmant lächelnd wieder an, als ich die Nadeln vor Aufregung nicht richtig halten konnte. Das war Multikulti at it´s best. Die unbekannten Helfer hatten es eilig: Dankeschön an dieser Stelle! Zuerst humpeln, dann gehen und schließlich laufen! Das war bereits von Mitte in Richtung Kreuzberg. Ich suchte Ablenkung, brauchte Themen, wichtig und vor allem weit weg vom Laufen.

An der Ecke Michaelkirchstraße, wo meine Tochter bis vor kurzem gewohnt hatte, zauberte fiktives Skypen Julia auf meinen inneren Monitor. Und schon lief es wieder wie von selber. Dann hinüber nach Kreuzberg, wo ich bei Kilometer 16 zwischen 11 und 11:30 Uhr meine Frau treffen wollte. Ich merkte zunächst nicht, dass Brigitte auf dem Gehsteig mit mir um die Wette laufen musste, da ich sie übersehen hatte. Und dann das. Sie hatte mich überholt, eine ´Zivilistin´ mit Mantel, Straßenschuhen und meiner Kompaktzwischenverpflegung. Hinter ihr keuchten noch drei wackere Läufer her, die das verlorene Handy beziehungsweise dessen Bestandteile bei ihr abliefern wollten. Die ganze Aufregung war umsonst, denn meine morgendliche Rührei-Langzeit-Sättigung hielt immer noch an. Deswegen musste ich in der artistisch dargebotenen Zwischenmahlzeit natürlich ein überflüssiges Verzögerungsrisiko sehen und sie konsequenterweise vermeiden. Undankbar suchte ich das Weite, wenig galant zwar, dafür aber ergebnisorientiert, vielleicht auch nur als Ergebnis abnehmender Gehirnaktivität.

Als es dann in Schöneberg über die Halbmarathongrenze hinausging, habe ich das zunächst gar nicht mitbekommen. Vor der Marke 21 Kilometer, in den sommerlichen Trainingswochen durchschnittlich zweimal geschafft, hatte ich den Respekt verloren. Ich hatte mich auf meine Allzeitrekordmarke eingestellt. Das waren die 26 Kilometer des heimatlichen Fränkischen Schweiz-Laufs. Tja, der Mensch wächst eben mit seinen Aufgaben. Da kam in Buschkowskölln eine überraschende Motivationsdusche gerade recht. Ein ´fresh and friendly Company´ junger Leute machte durch infernalisches, ansteckend lebensfrohes Gebrüll auf sich aufmerksam. Verblüfft, eigentlich ein bisschen gerührt, nahm ich mittendrin unseren Sohn Adrian wahr, den ich vorher in Moabit vermutet hatte. Allerdings ahnte ich nicht, dass sich dieses Begrüssungskommittee vorrangig wegen einer bestimmten jungen Dame eingefunden hatte, die soeben anmutig vorbeigehüpft war. Ich war nicht mehr wählerisch. Ich konnte jede Menge Aufmunterung brauchen, egal wie, von wem und warum. Insofern erfreulich auch die volksfestartige Kulisse mit all der Begeisterung. Was für ein Kontrast zu meiner SurviveJog-Perspektive! Ganze Familien feuerten, von spontanem Mitgefühl ergriffen, den wildfremden Günter an. Kinder streckten ihre Hände zum Abklatschen entgegen.

Im Vorbeilaufen nahm der eigene Blick wie ein Zufallsgenerator Details aus der Menschenmenge hinter der Absperrung wahr. Eine Frau, die ihren wohlgenährten Gatten reichlich kritisch musterte, während er mich giftig wie eine Art Preisverderber musterte, dazwischen Junge, die sich gar nicht mehr kriegten wegen so ´nem „krass Alten“ als Jogger; dann einer im Rollstuhl, engagiert und laut mit Tröte und am Fenster eines Altenheimes jemand, halb hinter dem Vorhang, hob zögerlich den Arm und winkte doch nicht. Viele Gesichter, in denen man unwillkürlich, ohne Grund, aber nicht ohne Interesse zu lesen begann. Der Blick des Läufers malt Bilder, flüchtig und wirklich zugleich Bilder eines Films, der zum Begleiter wird.

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"Einmal durch's Brandenburger Tor!"