Olympia-Extra

Armin Hary und die Goldstaffel von 1960

Bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom dominierte Deutschland die Sprintdistanz. Wir haben die vier Sprinter der 4x100-m-Staffel von damals nach ihren Erinnerungen und ihrem Leben danach befragt.

Es war einmal ein Land, das hatte viele gute Sprinter, darunter den schnellsten der Welt. Bei den Olympischen Spielen dominierte dieses Land die 100-Meter-Distanz: Gold im Einzelsprint, Gold für die 4 x 100-Meter-Staffel, um deren Besetzung ­wegen der vielen exzellenten Kandidaten lange gerungen wurde. Dieses Land war Deutschland. Ein Märchen? Nein – so war es tatsächlich 1960 bei den Olympischen Spielen in Rom. Wir haben die vier Sprinter der Goldstaffel besucht und nach ihren Erinnerungen und ihr Leben danach befragt.

Armin Hary heute.

Bild: Frank Hofmann

Donnerstag, 8. September 1960, 18:10 Uhr, Olympiastadion Rom
Showdown der beiden sprintstärksten Länder. Die USA starten auf der Innenbahn, Deutschland auf Bahn 5. Für beide ein Handicap: Die Amis müssen die engsten Kurven laufen, die Deutschen haben ihre schärfsten Konkurrenten nicht im Blick. Die US-Boys gelten als Favoriten, haben in der Summe die schnellsten Zeiten. Aber sie verstehen sich weniger auf den Wechsel – und sie haben keinen Armin Hary. Der schnellste Mann der Welt hatte elf Wochen zuvor den 100-Meter-Weltrekord auf 10,0 Sekunden gedrückt und in Rom bereits im Einzelsprint die olympische Gold­medaille geholt. Schon beim Vorlauf am Dienstag hatten die Deutschen beeindruckt: 39,5 Sekunden – Weltrekord eingestellt. Im Vorlauf! Das war eine Kampfansage. Startschuss. Bernd Cullmann, mit 20 Jahren der Benjamin im Quartett, schenkt dem Startläufer der Amis, Francis Budd, keinen Meter. Perfekter Stabwechsel zu Armin Hary, der mit fliegendem Start weniger als neun Sekunden für die 100 braucht und seinen Konkurrenten Ray Norton einfach stehen lässt. Walter Mahlendorf hält sich wacker, muss aber einen Teil des Vorsprungs an Stone Johnson, den 200-Meter-Weltrekordler, abgeben. Martin Lauer übernimmt sicher den Stab, kämpft sich über die Gerade – und kann doch nicht verhindern, dass der 100-Meter-Zweite von Rom, Dave Sime, eine Handbreit vor ihm die Brust ins Ziel wirft.

Das Ende des Goldtraums! Wirklich? Das Ergebnis lässt auf sich warten, das Stadion tobt. Haben die Amis die 39,4 geschafft, einen neuen Weltrekord? Nach endlosen 15 Minuten die Entscheidung: Die USA werden disqualifiziert. Norton hatte in seinem vergeblichen Kampf gegen Hary die (damals nur 20 Meter lange) Wechselzone übertreten. Deutschland holt mit 39,5 Sekunden die Goldmedaille und beendet die großartige Serie der USA, die seit 1912 in den drei Sprintwettbewerben (100, 200, 4 x 100) immer mindestens eine Goldmedaille geholt hatten. Gegen 20 Uhr erklingt im römischen Olympiastadion die „Ode an die ­Freude“ – der Hymnenkompromiss des letzten deutsch-deutschen Gemeinschaftsteams bei Olympischen Spielen. So kann man es in den Geschichtsbüchern nachlesen. Aber wie erinnern sich die Hauptakteure an jenen historischen Moment und wie hat er ihr Leben bestimmt?

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