Olympischer Fackellauf

300 Meter Feuer und Flamme

Die Teilnahme am Olympischen Fackellauf war für Kerstin Sigle und den Begleiter Matthias Schell ein unglaublich tolles Erlebnis, an das sie noch sehr oft zurückdenken werden. Einen Eindruck von ihrer Reise liefert Ihnen der Bericht von Matthias Schell.

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Kerstin Sigle übernimmt das olympische Feuer und ist für ihren großen Auftritt bereit.

Bild: Yui Mok/LOCOG/Press Association Images

Für jeden Sportler ist die Teilnahme an den Olympischen Spielen das Größte überhaupt. Da wir uns bei den Laufreisen des TSV Neustadt in Winterthur und Hamburg für den olympischen Marathon disqualifiziert hatten, fiel uns eine Ausschreibung in der RUNNER’S WORLD in Zusammenarbeit mit dem Sponsor Samsung für den olympischen Fackellauf durch England auf. Wir fackelten nicht lange und bewarben uns. Die Auswahl von Kerstin als Fackelträgerin wurde in RUNNER’S WORLD so beschrieben:

"Die Pressereferentin Kerstin Sigle, 42, trainiert seit Jahren Kinder im Handball. Unter dem Motto „Kinder stark machen“ kämpft sie gegen Drogenmissbrauch. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Persönlichkeitsentwicklung von Kindern durch Sport. Seit 2006 läuft Kerstin regelmäßig im Lauftreff und bei Wettkämpfen, im Mai schaffte sie ihren ersten Halbmarathon."

Nachdem die Teilnahme am Fackellauf feststand, wechselten sich in den Wochen danach ungläubiges Staunen mit unbändiger Freude auf das Ereignis ab. Am Sonntagmorgen des 15.7.2012 ging das Abenteuer los. Nach der üblichen Verspätung der deutschen Bahn auf der Fahrt nach Frankfurt haben wir den Flieger nach London-Heathrow noch gerade eben so erwischt. Der Flugkapitän begrüßte die Delegation der 35 deutschen Fackelläufer. In Heathrow angekommen gabs die Ausweise für die Fackelträger (torchbearer) und die Begleiter (companions, intern auch Spielerfrauen genannt). Die gesamte Reise war perfekt organisiert. Schon vom Flughafen an wurden wir von dem bestens präparierten vielköpfigen Orgateam des Sponsors und vom Fotografen Robin und dem Kameramann Marc begleitet.

Beim Mittagessen im Little Dudley House in Dorking lernten wir die anderen RUNNER’S-WORLD-Teilnehmer kennen: die unbeschreibliche marathonlaufende Ordensschwester Claudia, die ihren Schulkindern das Laufen beibringt und schon mal für Dieter Baumann Socken strickt, Gerlinde, die Ausländern beim Deutschlernen hilft sowie Matthias, der ehrenamtlich behinderte Radfahrer trainiert. Einer seiner Schützlinge hat es dabei schon zur Goldmedaille bei den Paralympics gebracht.

Beim sogenannten Fackelkuss gibt Kerstin Sigle das Feuer an den nächsten Läufer weiter.

Bild: Yui Mok/LOCOG/Press Association Images

Nach den ersten Erfahrungen mit Linksverkehr auf der Fahrt zum Restaurant waren wir uns beim Essen durchaus unsicher, ob das Messer auf der Insel nicht doch mit der linken Hand zu führen sei. Gestärkt fuhren wir mit dem Bus durch die schmalen Sträßchen von East Sussex, auf denen wir in den folgenden drei Tagen zur Genüge durchgerüttelt wurden. Mit dem großen Bus erschloss sich uns sofort, warum das Land sich ENGland nennt.

Die vornehme Unterkunft im Hotel Ashdownpark diente im 19. Jahrhundert als Kloster. Nach dem Beziehen der Zimmer und der ersten Erkundung des Hotelparks gab es am Abend das Briefing für den Fackellauf. Kerstin war die erste Läuferin der gesamten Gruppe und bekam den sogenannten Slot Nr. 19 in Petersfield von 8.55 Uhr bis 8.58 Uhr zugewiesen. Hier wurde uns vor Augen geführt, welch unglaubliche logistische Leistung zur Durchführung des Fackellaufs notwendig ist. Immerhin müssen über 70 Tage und 8.000 Meilen alle 8.000 Läufer an exakt der richtigen Stellen stehen. Als Hauptaufgaben wurden den Läufern smile :-) und big smile :-))) mitgegeben.

Vorgeführt wurde auch die Übergabe der Flamme von einem Läufer zum anderen (KISS/Kuss genannt). Das erste Highlight war die Übergabe und die Anprobe der weißen Uniformen. Die Größe passte. Musste sie auch, denn ein Umtausch war ausgeschlossen. Danach gab’s ein Abendbuffet in der imposanten Kulisse der ehemaligen Klosterkirche, bevor wir dann frühzeitig zu Bett gingen.

Pünktlich um 5.15 Uhr am Montagmorgen stand der Zubringerbus des Sponsors zur Abfahrt bereit. Das Aufstehen in aller Herrgottsfrühe machte uns überhaupt nichts aus, da ab 3 Uhr morgens vor lauter Aufregung eh nicht mehr an Schlaf zu denken war. Die ortsansässigen Rehe verfolgten interessiert unseren Aufbruch. Die ersten vier Läufer der Samsung-Gruppe und ihre weiblichen und männlichen Spielerfrauen wurden in einer 90-minütigen Fahrt über Land zum Sammelpunkt des olympischen Organisationskommittees (LOCOG) gebracht. Dort gab es das Zusammentreffen mit den anderen Fackelträgern dieses Streckenabschnitts. Gegen 8 Uhr durften die Läufer dann des LOCOG-Bus besteigen, wo die Fackeln sauber aufgereiht standen. Die Spielerfrauen wurden im Bus des Sponsors zu den jeweiligen Slots gebracht, wo die zahlreich herbeiströmenden Zuschauer beobachtet werden konnten.

Trotz der ganz passablen Vorhersagen entschied sich das Wetter dann doch noch für den original British Style. Unterdessen stieg im LOCOG-Bus sowohl das Lampenfieber als auch die Stimmung. Die Vorbeifahrt an den jubelnden Menschenmassen genügte schon als Herzfrequenzbeschleuniger. Teilweise bildeten die Menschen eine Gasse wie bei einer Bergankunft der Tour de France. Jeder Läufer wurde an seinem Slot von den verbleibenden Kollegen gebührend verabschiedet. So langsam näherte man sich Kerstins Slot Nr. 19.

Mit dem Aussteigen aus dem LOCOG-Bus taucht man schlagartig in eine andere Welt ein. Es blieb am Straßenrand Zeit, die eigene "Spielerfrau" und die eigens nach England angereisten Kinder zu begrüßen. Das gab etwas Sicherheit zurück. Die Polizistin auf dem Fahrrad gab Kerstin letzte Anweisungen. Mit dem ersten Fotowunsch eines Kindes war auch der Kontakt mit dem Publikum endgültig hergestellt. Danach konnte man sich vor weiteren Wünschen kaum mehr retten. Obwohl die englische Queen 60 Jahre Erfahrung im Winken hat, konnte Kerstin das auf Anhieb besser. Plötzlich tauchten auch die Haus- und Hoffotografen Robin und Marc vor uns auf. Aus den Augenwinkeln war schon die Läuferin Nr. 18 (Catherine Trabilco aus Edinburgh) zu sehen. Der Mediawagen für die Übertragung ins TV und Internet fuhr vorbei. Der Kiss der beiden Fackeln und ihrer Trägerinnen klappte reibungslos.

Kerstin Sigle

Bild: Samsung

Kerstin Sigle wird diesen Moment nie vergessen.

Noch ein gemeinsames Bild der beiden Fackelläuferinnen und schon gings los. Tausende Fotoapparate klickten ringsum. Die Zuschauer jubelten und schrieen vor Begeisterung. Von vornehmer britischer Zurückhaltung war nichts zu spüren. Britische Fahnen und bunte Plastikfackeln wurden geschwenkt. Der leichte Regen tat der Stimmung überhaupt keinen Abbruch. Für vier Minuten durfte man sich wie ein Popstar fühlen. In Momenten wie diesen wünscht man sich nicht einmal mehr Unendlichkeit. Das ist nämlich das genaue Gegenteil von "tote Hose", Gänsehautfeeling und Adrenalin pur. Ewig hält das unsereiner nicht aus. Ein enthusiastisches Spektakel, das mit Worten kaum zu beschreiben ist und das wohl niemand, der nicht dabei gewesen ist, in der empfundenden Intensität nachempfinden kann.

Und schon kam Thilo, auch ein Läufer unserer Gruppe, für den Slot Nr. 20 in Sicht. Der Übergabe-Kiss, das Löschen der Flamme an Kerstins Fackel durch einen mitlaufenden Polizisten, eine kurze Umarmung und schon trug Thilo die Flamme weiter. Es blieb noch ein wenig Zeit für einen kurzen Plausch mit der stolzen Fackelläuferin und dann wurde sie von einem zweiten LOCOG-Bus wieder eingesammelt. Der "Moment to shine" - so das offizielle Motto des Fackellaufs - war schon wieder vorbei. Dieser langsamste und kürzeste Lauf eines Neustädter Athleten war mit Sicherheit auch der emotionalste.

Zurück am Sammelpunkt wurden die letzten Fotos mit allen Läufern dieses Streckenabschnitts geschossen. Danach gings zurück ins Hotel. Leider wurde das Wetter noch etwas britischer, denn für die Läufer am Mittag goß es wie aus Kübeln und es wurde deutlich kälter. Dementsprechend kurz fiel auch der Besuch der Abendfeier im Cricket Stadion von Brighton aus, wo die letzte Etappe des 59. Fackellauftages endete. Der Tag klang dann mit einem Essen im Restaurant The Old Mill aus.

Am Dienstag zeigte das Wetter an Englands Küste dann ein völlig anderes Gesicht. Beim Sightseeing und Shopping durch Brighton strahlte der Himmel mit den Fackelträgern vom Vortag um die Wette. Besichtigt wurde der Brighton Pier und der im exotisch-orientalischen Stil erbaute Royal Pavillion des Königs George IV. Das dichtgedrängte Programm dieser drei Tage endete mit einem exquisiten Galadinner des Sponsors in den Mauern von Penshurst Place aus dem 14. Jahrhundert. Als besonderes Geschenk von Samsung durfte die jeweils getragene Fackel mit nach Hause genommen werden.

Am nächsten Morgen gings mit dem Bus zurück zum Flughafen Heathrow. Samsung hatte uns als Sponsor wirklich deren Motto für die Londoner Spiele 2012 näher gebracht: Everyone`s Olympic Games - die olympischen Spiele für alle.

(Matthias Schell)

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Olympische Spiele 2012 in London: