Leser-Reporter Matthias Enseleit

"Run Boy Run" ist der Gedanke

Bei der Halbmarathon-Marke schaut Leser-Reporter Matthias Engeleit auf sein Handy und liest anfeuernde Nachrichten von Freunden und Bekannten.

Facebook-Post: Hälfte weg

Inzwischen habe ich Kilometer 21,0975 erreicht, ein Blick auf meine Garmin sagt mir, ich bin seit 1:58:07 h unterwegs, etwas schneller als geplant. Das habe ich erwartet, die ersten 10 km mit einer Pace von 6:00 min/km habe ich schnell über Bord geworfen, es war dann doch eher 5:40 min bis 5:30 min pro Kilometer. Eigentlich wollte ich jetzt das Tempo anziehen, aber die Pace bleibt gleich. Ich erinnere mich an die goldene Regel die in allen Laufbüchern, Foren und Zeitschriften gepredigt wird: „Erste Hälfte langsamer als die Zweite“. Ich denke mir, ich bleibe bei meiner 5:30er Pace, läuft doch, warum was ändern? Wenn ich es durchhalte, bleibe ich unter der 4-Stunden-Marke, also: „Run Boy Run“. Meinen Aufgeben-Plan von Kilometer 3 habe ich natürlich längst verworfen: „Jetzt aufgeben wäre auch blöd.“ Also weiter geht's. Nur noch schnell bei Facebook posten: „Hälfte weg!“ Wie schon gesagt, soll ja jeder wissen, was ich gerade leiste.

Da sehe ich einige WhatsApp-Nachrichten auf meinem Handy, Anfeuerungen von Freunden und Kollegen, diese lassen mich lächeln und geben mir Kraft für das, was noch vor mir liegt. Ich würde ja gern antworten, habe aber gerade was Wichtigeres zu tun, immerhin hat der oben erwähnte, zwei Worte beinhaltende Facebook-Status-Post schon zwei Minuten und fünf Rechtschreibfehler lang gedauert. Das Handy wandert somit wieder in die Tasche und die Konzentration wieder zum Lauf.

Von der zweiten Marathonhälfte sind mir leider nur noch bruchstückhafte Erinnerungen geblieben. Der Fokus liegt allein auf dem Laufen, meine Umwelt nehme ich kaum noch war. Ich fühle mich wie in Trance, in einem Tunnel, der Fokus nach vorn auf die Strecke gerichtet, Schmerzen habe ich zum Glück bisher keine, alles läuft – Runner’s High? Das alles einnehmende Kredo im Kopf sagt nur: "Einen Fuß vor den anderen, immer weiter, immer weiter! Ist doch ganz einfach!". Die Kilometer und Menschen ziehen an mir vorbei. Die Monotonie des Laufens wird nur durch den Verzehr meiner Energiegele und den Verpflegungsstationen unterbrochen. Die Gedanken schweifen ab. Wohin? Ich weiß es nicht mehr.

Irgendwo zwischen Kilometer 25 und 35 begegne ich einem Läufer mit einer ähnlichen Pace, wir laufen stillschweigend nebeneinander her, von Zeit zu Zeit übernehme ich die Führung, dann er, immer wieder im Wechsel, wir pushen uns gegenseitig, sind der Pacemaker für den jeweils anderen, stillschweigend, ohne je ein Wort zu wechseln, ohne sich zu kennen. Solch eine wortlose Übereinkunft habe ich bisher nirgendwo anders erlebt als beim Laufen. Zwei Menschen haben ein Ziel und unterstützen sich gegenseitig, ein faszinierendes Gefühl. Ich freue mich über unsere kleine Gemeinschaft, unsere stillschweigende Freundschaft für einige wenige Kilometer. Irgendwann lasse ich ihn hinter mich. Heute weiß ich nicht mehr, ob ich das Tempo verschärft habe oder ob er das gemeinsame Tempo nicht halten konnte, ich hoffe jedoch, er hat seinen Lauf gut beendet, vielleicht mit persönlicher Bestzeit.

Marathon für den Opa

Verpflegungstand bei Kilometer 35. Ich fühle mich das erste Mal richtig schlapp, ausgepowert, die Oberschenkel schmerzen, ich verfalle in einen leichten Trab, schlürfe ein Energiegel mit Koffein, trinke einen Becher Wasser, einen Becher Iso, einen zweiten und eine Cola, ich erreiche das Ende der Verpflegungsstation. Jetzt heißt es Zähne zusammenbeißen und laufen, sieben Kilometer noch. Ich schaue auf meine Uhr: WAS!?! Eine Pace von 6:00 min/km, ich ziehe das Tempo an, Minimum 5:40 min/km, besser 5:30 min/km denke ich. Später bei der Auswertung meiner GPS-Daten realisiere ich, es waren 5:10-5:20 min/km, womit ich den kurzen Trab an der Verpflegungsstation wieder wett gemacht habe. Irgendwann erkenne ich das Schild mit der Aufschrift: "40 km". Nur noch 2 Kilometer und ein bisschen.

Ich ziehe das Tempo erneut an, die Zuschauermenge wird immer größer und lauter. Ich erreiche den abgesperrten Streckenbereich, es kann nicht mehr weit sein, ich passiere eine Gruppe Cheerleader, keine Zeit zu verweilen, erneut Tempo rauf, meine Lungen schmerzen, die Beine wollen nicht mehr, allein der bloße Wille trägt mich Meter für Meter weiter. Der rote Teppich kommt in Sicht, die Gesichter der Menschen am Streckenrand registriere ich kaum, der Jubel ist jedoch enorm, man könnte meinen, ich laufe nicht als namenloser Finisher Nummer 5898 durch das Ziel, sondern als die Nummer Eins. Tatsächlich erzählt mir meine Mutter später, dass ich während des Zieleinlaufs namentlich vom Kommentator erwähnt wurde, ich habe davon leider nichts mitbekommen. Ich sprinte die letzten Meter, jede Sekunde zählt, ich überquere die weiße Ziellinie, stoppe die Garmin. Ich habe es tatsächlich geschafft.

In diesem Augenblick denke ich an meinen kürzlich verstorbenen Opa. Du hast mir im Training und während des Marathons immer Kraft gegeben. Ich vermisse dich sehr, das war für dich, auch wenn du es leider nicht mehr erleben konntest. In meinem Gedanken und meinem Herzen warst du immer mit dabei.

Nach dem Marathon ist vor dem Marathon

Ich schaue auf meine Uhr, sie zeigt eine Zeit von 3:54:08. Unter 4 Stunden also, ein kleines Lächeln huscht über mein Gesicht. Mit schweren Beinen, wie auf Eiern laufend, bewege ich mich voran, dort gibt es Medaillen, ich nehme eine Medaille und ein herzlichen Glückwunsch in Empfang. Ein freundliches Danke meinerseits und weiter geht's. Dort ein Fotograf, ich lasse ein Foto machen, ich brauche ja auch ein neues Profilbild für meinen Facebook-Account, soll ja jeder wissen was ich geleistet habe. Weiter hinten sehe ich eine hübsche Fotografin mit langen blonden Haaren, ich gehe hin, noch ein Foto, kann ja nicht schaden. Danach geht es schnell an das Verpflegungsbuffet, Energiespeicher wieder auffüllen. Nach unzähligen Äpfeln, Bananen, Melonenscheiben, Brezeln, Isodrinks und Schokohörnchen laufe ich zum Ausgang Mitte. An der ersten Treppe (nach Marathon-Zeitrechnung) denke ich mir: "Welcher Depp baut den bitte Stufen hier hin?" Draußen setze ich mich an den vereinbarten Treffpunkt, warte auf meine Eltern und lasse den Lauf noch einmal Revue passieren.

Um ehrlich zu sein habe ich mir die Zeit nach dem Marathonfinish emotionaler vorgestellt, wie oft habe ich mir ausgemalt diese weiße Linie zu überqueren, vor Freude zu weinen, von einem Glücksgefühl durchströmt zu werden, meine Familie zu umarmen. Wie oft habe ich Berichte von anderen Läufern gelesen. Wo ist die immer wieder beschriebene Freude, das anhaltende Gefühl von Glück über die erbrachte Leistung? Doch meine Gedanken nach dem Marathon sind andere: „Ich habe es geschafft, unter vier Stunden, gut, besser als geplant, aber das geht bestimmt noch schneller! Was könnte ich als nächstes laufen? Was gibt es so im Herbst?“ Ok, eigentlich wusste ich es im Vorfeld schon, der Dresden-Marathon soll es sein: 3:45:00? Ich weiß, dass ich das Training wieder verfluchen werde, mich wieder fragen werde. warum tust du dir das an?Dennoch werde ich erneut laufen, die 42,195 Kilometer absolvieren und die Herausforderung einer neuen persönlichen Bestzeit suchen. Für was? Für das Glücksgefühl beim Laufen, für das Gefühl, ein kleiner Teil von etwas Großem zu sein, für die stillschweigenden "Kilometerfreundschaften", für die unvergesslichen Impressionen, auch wenn nach dem Marathon immer wieder auch vor dem Marathon ist.

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