Auf der Strecke von 1970

"Ich hatte es geschafft!"

Läufer bevölkern Central Park nach Marathonabsage

Ganze Reisegruppen veranstalteten ihren eigenen Marathon und rannten scharenweise durch den Central Park.

Bild: Norbert Wilhelmi

Ich versuchte mich Kilometer für Kilometer voran zu quälen mit dem Gedanken, noch einen Kilometer für Mama, einen für Papa, einen für Brigitte, einen für Angelo, einen für Prof. Berger, einen für Claudia, einen für Andreas, einen für Bernhard und den Heinrich Sauer Preis. Irgendwann kam eine ganz steile Passage bergab, am Fuße des Hügels standen Dutzende von Amerikanern, die ein tosendes Jubelszenario veranstalteten, also: Gut aussehen! Nochmal alles geben, ich erhöhte mein Tempo und plötzlich schoss ein irrer Krampf durch mein linkes Bein. So was hatte ich bis dato erst bei anderen Läufern gegen Ende einer Marathonstrecke gesehen, wenn diese sich dann schmerzverzerrt versuchten, irgendwo verzweifelt zu dehnen.

Ich hatte das auch im Buch von Hajo Schuhmacher: „Bewegt Euch“ auf dem Hinflug gelesen, er beschrieb, wie ihn ein solcher Krampf gegen Ende des Berlin Marathons ereilte und er für die letzten zwei bis drei Kilometer hüpfend und schleichend über dreißig Minuten gebraucht hatte. „Weichei“, hatte ich im Flugzeug noch überheblich gedacht! Nun ereilte mich selber dieses Desaster. Ich wusste gar nicht mehr, wie ich auftreten, geschweige denn, noch weitere Kilometer bis ins Ziel laufen sollte. Ganz laaaaaaaaaaaaaaaaaangsam ging ich einige Schritte und hatte Glück, der Krampf löste sich und ich konnte weiter gehen.

Was war los? War ich etwa zu schlecht trainiert, rächte es sich, dass ich am Vortag über 25 Kilometer durch New York gegangen war? Da wusste ich ja noch nicht, dass der alternative Marathon am nächsten Tag doch stattfinden würde, ich hatte am Abend vor meinem Marathon also schon richtig schwere Beine. War ich bei der für einen Marathon doch deutlich zu geringen Wasserzufuhr jetzt doch dehydriert? Rächte sich der über Stunden deutlich zu hohe Blutzuckerwert jetzt gegen Ende des Marathons? Oder lag es daran, dass ich als Verpflegung nur auf diese „immens wohlschmeckenden“ Gels zurückgreifen konnte, etwas, was ich bei meinen früheren Marathonläufen oder im Training nie in einem solchen Maß konsumiere? Folgerichtig habe ich diese dann auch gegen Ende des Laufes wieder den Büschen im Central Park zurückgegeben. Mein Magen hat mir unmissverständlich signalisiert, dass er diese klebrige Masse in einem solchen Umfang keinesfalls toleriert.

Nach sieben Kilometern bis zum Central Park und dreieinhalb Runden war es geschafft.

Bild: Ulrike Thurm

In dem Moment lief eine deutsche Läuferin an mir vorbei, ich humpelte hinter ihr her und fragte sie, ob sie eigentlich eine Ahnung hätte, wie lang eine dieser Runden denn wirklich sei? Klar, sagte sie, eine Mitläuferin hätte die Strecke mit einem Fahrradtacho ausgemessen, es wären knappe 10 Kilometer pro Strecke. Was? 10 Kilometer, ich hatte gedacht, 7. "Ja, sieben Kilometer war die historische Strecke durch den Park, aber seit 1970 war der Central Park nochmal umgebaut und renoviert worden und die neue Strecke hat eine Länge von zehn Kilometern", entgegnete sie mir sehr hilfsbereit. Das änderte alles! Ich dankte ihr und ließ sie mit dieser für mich sensationellen Information weiter laufen. Damit hatte ich also den Marathon längst geschafft, ich war ja rund sieben Kilometer vom Hotel in den Central Park gelaufen und hatte schon 3,5 Runden von jeweils 10 Kilometern Länge absolviert.

Also, Glückwunsch, ich war hier und jetzt erfolgreiche Finisherin des eigentlich abgesagten und doch stattgefundenen New-York-City-Marathons! Ich war überglücklich, wahnsinnig stolz, unfassbar erleichtert und ging ganz entspannt die letzten Kilometer bis ins Ziel, genoss einfach die Stimmung, machte Fotos. Ich hatte es geschafft!


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"Ich habe den New-York-Marathon 2012 gefinisht!"