Enrico Gäbe

"Es ist ein fantastisches Gefühl, einen Turm zu bezwingen"

Enrico Gäbe, einer der weltbesten Treppenläufer, erzählt im Interview wie er mit brennenden Beinen im Treppenhaus umgeht und erklärt sein Training.

Enrico Gäbe

Enrico Gäbe

Bild: Sebastian Wurster

Deutschlands Treppenläufer gehören seit Jahren zu den besten der Welt. In den letzten fünf Jahren wurde der Towerrunning-Sport von keinem Athleten so geprägt wie von Thomas Dold aus Steinach. Daher verwundert es nicht, dass im Fokus von Kameras und Presse in punkto Towerrunning vor allem die zahlreichen Erfolge des Ausnahmeathleten stehen. Im Schatten des Weltcup-Siegers der vergangenen Jahre erringen allerdings auch andere deutsche Treppen-Athleten wie Matthias Jahn, Kerstin Sewczyk oder Nachwuchstalent Marie-Fee Breyer mit großartigen Leistungen an nahezu jedem Treppenlauf-Wochenende Punkte, Medaillen und Siege. Seit zwei Jahren findet sich an der Spitze der Zeitenlisten und den Top 15 des World Cup-Rankings immer öfter auch der Name Enrico Gäbe. Der Physiotherapeut aus Bayern, der – wenn er nicht auf den Treppen unterwegs ist – im Sport- und Wellnesshotel Angerhof in St. Englmar arbeitet, steigerte sich vom 14. Weltcuprang 2009 auf Rang 12 im vergangnen Jahr. Aktuell rangiert er nach seinem 5. Rang beim Extreme Climb im Wiener Millennium Tower auf dem 6. Platz der Weltrangliste und möchte sich endlich seinen Traum von einem Top 10-Rang in der Abschlusstabelle erfüllen.

In dieser Saison gab es bereits 5 Podiumsplatzierungen für ihn zu verzeichnen, siegreich war er zuletzt im Wiener IZD-Tower und beim Modepark Röther Hochhauslauf in Augsburg. Bei keinem seiner diesjährigen Starts landete der 28-jährige Treppenstürmer außerhalb der Top 6. Nach seinen drei Turmbesteigungen im Millennium Tower hatten wir die Gelegenheit zu einem Interview mit Enrico Gäbe, in dem er schon einmal ein Fazit für 2011 zog und uns mitteilte, wie er mit brennenden Beinen im Treppenhaus umgeht und wen er in Zukunft an der Weltspitze sieht.

Runner's World: Herzlichen Glückwunsch zum 5. Rang beim Millennium Tower Run Up. Sind Sie zufrieden mit Ihrem Ergebnis?
Enrico Gäbe: Mit meinem Abschneiden bin ich sehr zufrieden. Ich bin mit der Zielsetzung Rang 5 ins Rennen gegangen und genau das habe ich erreicht.

Wie war ihr Gefühl auf der Treppe beim Rennen?
Ich habe mich insgesamt besser gefühlt als im letzten Jahr. Das liegt sicher auch daran, dass das Rennen ziemlich am Ende der Saison lag. Letztes Jahr war es im Juni und dieses Jahr hatte ich zur Vorbereitung zahlreiche andere Rennen im September. Natürlich haben die vielen Stufen, die ich von den anderen Rennen in den Beinen habe, auch geschlaucht, letztes Wochenende in Augsburg, davor schon im IZD-Tower. Aber besser als zu wenig Training.

Sie haben jetzt wieder gut gepunktet im Hinblick auf das World Cup-Ranking. Was ist Ihre Zielsetzung für die Restsaison?
Gut, viel punkten kann ich jetzt nicht mehr. Aufgrund der Streichwertungen müsste ich beim Business Tower Run mindestens den zweiten Platz belegen um noch ein paar Punkte rauszuholen und ich denke, die Konkurrenz wird auch weiterhin stark bleiben. Aktuell liege ich zwar in den Top 10, aber ich glaube noch nicht daran, dass es am Ende reicht. In den vergangenen Jahren bin ich ja leider am Ende doch noch aus den Top 10 herausgefallen. Die Chancen sind dieses Mal aber sicher da. Auf jeden Fall bin ich mit meinem Saisonverlauf sehr zufrieden.

Wie sehen Ihre Ziele für die kommende Saison aus?
Für 2012 möchte ich mich langfristig auf die großen europäischen Masters Rennen vorbereiten, vor allem auf Berlin und Frankfurt, damit ich dort platzierungstechnisch noch erfolgreicher abschneiden kann als in diesem Jahr. Daher nehme ich mir vor, so frühzeitig wie möglich mit dem Training anzufangen. Zum Beispiel in München, da hab ich jetzt im Central Tower angefragt, da werde ich wahrscheinlich demnächst einmal in der Woche trainieren dürfen.

Damit wären wir auch schon bei der nächsten Frage: Wie gestaltet sich Ihr Training bzw. die Abstimmung von Training, Beruf und Wettkämpfen?
Momentan bin ich richtig am Limit, da ich seit Juli Freiberufler bin, freiberuflicher Physiotherapeut. Das bedeutet, dass ich bei zwei Arbeitgebern beschäftigt bin. Da ist es manchmal so, dass ich in einer Woche fast gar nichts zu tun habe und manchmal sieben Tage am Stück und dann dazwischen noch Training und Wettkämpfe, da bin ich ziemlich am Limit, besonders im September, aber es kommen auch wieder ruhigere Zeiten.

Und wo trainieren Sie?
Zumeist in Regensburg an der Walhalla. Das ist eine Treppe mit etwa 250 sehr steilen Stufen. Es sind vier Treppenabsätze mit jeweils sechzig Stufen und wenn man die mehrmals am Stück läuft, dann schlaucht das richtig. Am meinem besten Trainingstag bin ich gleich zehn Mal die Walhalla hoch gelaufen. Das waren dann so circa 2500 Stufen.

Bild: Sebastian Wurster

Auf welche Reaktionen auf diesen noch immer außergewöhnlichen Sport stoßen Sie in Ihrem Umfeld, wenn sie zum Training oder zu Treppenlaufwettkämpfen fahren?
Ich muss sagen, ich erfahre zu mindestens 50-60% negative Reaktionen. Die meisten fragen sich warum man so etwas macht, warum man sich so etwas antut? Oder was mir das geben würde? Viele können das nicht nachempfinden.

Und was gibt Ihnen das Treppenlaufen?
Auf jeden Fall ein Hochgefühl. So wie ich jetzt hier stehe und erleben durfte, den Turm bezwungen zu haben. Genau dieses Gefühl ist absolut fantastisch. Das kann einem das normale Laufen auf der Flachstrecke nicht geben.

Laufen Sie Treppen lieber alleine gegen die Uhr oder im Massenstart?
Ich laufe viel lieber gegen mich selbst - nicht einmal unbedingt gegen die Uhr. Für mich zählt, sich von der ersten bis zur letzten Stufe durchzukämpfen und auch noch auf den letzten Metern stand halten zu können, unabhängig davon wie die Zeit ist - nur durchbeißen ist gefragt. Und ich denke, dass ich mich auch sehr gut im Training quälen und selber motivieren kann, wogegen Andere erst motiviert werden müssen.

Wie motivieren Sie sich denn auf der Treppe, wenn die Beine zu brennen beginnen?
Das Brennen in den Beinen ist natürlich ganz mies - besonders wenn man noch zwei Drittel der Distanz vor sich hat. Ich versuche von der Distanz wegzudenken, nicht ans Ziel zu denken, da es einen noch mehr demotivieren würde. Ich versuche dann einfach nur irgendwie zu laufen, auf die Zähne zu beißen. Da ist dann auch der Wettkampfgedanke Nebensache. Und erst, wenn es dann nur noch etwa 10 Etagen bis zum Ziel sind, versuche ich unter starken Schmerzen noch mal richtig zu beißen und zähle rückwärts - ich gehe dann meistens über mein absolutes Limit und bin im Ziel mehr als nur geschafft. In Hall hat es mich sogar auf der Zielgeraden umgehauen - das heißt ich konnte überhaupt nicht mehr stehen. Das Gute ist eben, dass 30 Minuten später wieder alles vergessen ist und man immer wieder bereit ist sich zu auf Neue zu quälen......

Was wäre Ihre Vision für den Towerrunning-Sport, damit die Disziplin attraktiver wird, auch für die breite Masse?
Treppenlaufen ist leider noch eine Nischensportart. Es wäre schön, wenn der Sport olympisch würde. Dann wird natürlich auch die Konkurrenz dementsprechend stärker, aber die ganze Sportart auch interessanter. Auch ein Weltmeisterschaftslauf bei einem Einzelrennen würde ich begrüßen, das könnte man zum Beispiel im Messeturm Frankfurt realisieren.

Würden Sie sich in dem Zusammenhang mehr Medienpräsenz wünschen?
Genau das ist es. Viele Treppenläufer habe das Problem, dass sie, wenn sie sich an die Presse wenden, nicht ernst genommen werden. Treppenlauf ist für die meisten Medien leider noch nicht interessant, eben eine Randsportart. Fußball oder auch Marathonlauf sind immer noch angesehener, obwohl man sich beim Treppenlaufen am meisten quält. Das enttäuscht einen manchmal schon ein wenig. Vor allem würde ich mir wünschen, dass auch über die kleinen lokalen Rennen mehr berichtet wird.

Gibt es einen bestimmten Turm oder Wolkenkratzer, den Sie gerne einmal besteigen würden?
Mich würde der Taipei 101 Run Up reizen, aber auch der Berliner Fernsehturm, in dem es ja leider keinen Treppenlauf mehr gibt. Der Eiffelturm wäre auch sehr interessant.

Wie sieht es mit dem Empire State Building Run Up und dem Torre Colpatria in Bogota aus?
Den Lauf im Empire State Building würde ich schon gerne einmal ausprobieren, da es ja der Prestige-Treppenlauf ist. Andererseits liegt mir der dort angewandte Massenstart weniger. In Bogota wäre ich auch sehr gerne dabei. Chancen hätte ich ohne adäquates Höhentraining aktuell aber kaum. Mit sehr hartem und längerfristigem Training wäre meine Leistung allerdings bestimmt nicht schlecht.

Gegen welchen Treppenläufer, gegen den Sie bisher noch nicht gelaufen sind, würden Sie gerne unbedingt einmal im Treppenduell antreten?
Die Läufer, gegen die ich bisher am wenigsten angetreten bin, sind eindeutig die US-Amerikaner. Das sind vor allem Tim van Orden und natürlich Jesse Berg. Mich würde es mal interessieren, wie da der Abstand wäre, auch zu den anderen Amerikanern. Ich bin bis jetzt nur gegen Tim van Orden gelaufen.

Können Sie zum Schluss noch eine Einschätzung abgeben, welche Athleten Ihrer Meinung nach in den kommenden Jahren eine große Rolle spielen im Treppenlaufsport spielen werden?
Ich denke, wenn Jan Wilker richtig ernsthaft trainieren würde, hätte er in Zukunft aus deutscher Sicht vielleicht die größten Chancen. Und international betrachtet ganz klar Piotr Lobodzinski. Er ist ein sehr sympathischer Sportler und der Top-Newcomer der Saison. Es sieht sehr gut aus bei ihm und ich würde ihm den Erfolg auf jeden Fall auch gönnen.

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg für die Restsaison und das kommende Jahr.

Das Interview führte Sebastian Wurster.

Towerrunning:

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