Leser-Reporter

"Einmal durch's Brandenburger Tor!"

Auch als viele Mitstarter sich in Geher verwandelten, blieb Günter Schödl Läufer. Die Linden am Adlon-Eck, das Brandenburger Tor, das Ziel – das wollte er laufend erreichen.

Berlin-Marathon 2012 Brandenburger-Tor

Laufend durch das Brandenburger Tor. Das war das Ziel von Günter Schödl.

Bild: Norbert Wilhelmi

Weiter nach Steglitz und Südwest, ich sehnte den „Wilden Eber“ herbei, ich dachte intensiv an den „Hungerast“ und die Rouladen, die mir meine Frau für heute Abend versprochen hatte. Und immer mehr orientierte ich mich an Zahlen, an den Kilometerangaben auf euphorisierend leuchtenden HighTech-Tafeln. Aber dann durchkreuzte der Gedanke an meine Frau und Tochter Leonie, mit denen ich am Fehrbelliner Platz bei Kilometer 32 verabredet war, derlei Kilometerzahlenspiele und Reststreckentraumata. Der familiäre Rückhalt brachte mich wieder auf Trab. Bald danach war ich, keuchend, schwitzend, schon wieder mit den immer gleichen Fragen konfrontiert: Wo bin ich? Wie viele bin ich (Gruß an David Precht)? und wenn ja, laufen wir immer noch? Immer noch auf dem Hohenzollerndamm? Wie lang ist dieser Habsburger-, Hohenzollern- oder Sowieso-damm überhaupt? Eigentlich ist er ja ein bisschen wie der Kudamm, ist er es? Ist das nicht doch endlich der Sch...s Kudamm? Er war es natürlich nicht. Mein Oberkörper mitsamt der fünfstelligen Startnummer neigte sich unseligerweise immer mehr nach vorne, mein Blick immer mehr nach unten. Eigentlich sah ich nur noch schwarz, das heißt Asphalt. Irgendwann war er es dann. Unverkennbar Kudamm-Asphalt! Den kannte ich noch von den Furchen, durch die ich als einer der Unverdrossenen schon beim denkwürdigen Wolkenbruch-Citynacht-Lauf 2010 gepatscht war.

Auf dem Tauentzien konnte ich mir es nicht mehr verkneifen. Ich zählte und zählte. Nicht nur Kilometer, allmählich auch Zwischengrößen. Meine Umwelt interessierte mich immer weniger. Sogar Musik nahm ich nur noch als undefinierbares, funktional überflüssiges Geräusch wahr. Immerhin bemerkte ich, gerade weil ich auf die Erhaltung meiner Läuferidentität großen Wert legte, eine irritierende Veränderung meines sportlichen Umfeldes. Als Läufer wurde ich immer einsamer. Um mich herum war zu beobachten, wie sich immer mehr Artgenossen schon seit dem Hohenzollerndamm in sogenannte Geher (zurück)verwandelten. Ich blieb Läufer. Zugegebenermaßen versuchte ich es mit mir, beziehungsweise mit meinem Körper, auch immer wieder im Guten. Und meine kurzen Gehphasen, die allmählich etwas weniger kurz wurden, dienten natürlich einzig und allein der Wiederaufnahme des unverkennbaren Läufer- oder Marathoni-Modus. Stand-by-Modus gab es nur, wenn ich von der Potsdamer Straße an gelegentlich meine Beinmuskeln massieren oder meine Schultern lockern musste.

Leider erbrachte selbst meine erprobte Methode ´Bewegung durch Kultur´ nur noch inakzeptable Ergebnisse. So verschwendete ich, typisch Historiker, wertvolle mentale Energie an das Nachdenken über die Dauerkrise der Habsburgermonarchie. Enttäuschend auch der Ablenkungs- und Durchhalteeffekt Hölderlin´scher Gedichte, vergeblich suchte ich nach den nicht vorhandenen Reimen Hölderlin´scher Lyrik, zu der halt auch mir keine einfielen. Nicht genug, zerbrach ich mir dann den Kopf, über dem ich inzwischen an den Versorgungsstationen zwanghaft Wasserbecher ausleerte. Weshalb brachten kulturelle Praktiken dieser Art keinerlei Mobilisierungseffekt mehr hervor? Aber dass ich in der Mohrenstraße an unserem Institutsgebäude die Fenster meines ehemaligen Büros noch abzählen konnte, sorgte für Auftrieb. Ich beherrschte also doch noch elementare Kulturtechniken. Mein Potential konnte noch nicht restlos ausgeschöpft sein. Ab Kilometer 38 machte ich mir auch darüber keinen Kopf mehr. Ich war von einem denkenden, wollenden inzwischen auf ein bloß laufendes, allenfalls noch (Laufmeter) zählendes Wesen reduziert.

Nicht weiter verwunderlich, dass sogar meine sprachliche Mitteilungsbereitschaft doch sehr abnahm. Diesen Eindruck gewannen am Gendarmenmarkt auch drei altbekannte Falkenseeer „Lauftreffi´s“, als ihre verblüfften Mienen mir die Frage „Was machst denn Du beim Marathon?“ signalisierten. Ich verzichtete auf eine Erörterung dieser tatsächlich naheliegenden Frage, die ich mir während der letzten knapp fünf Stunden auch selber schon gestellt hatte. Aber meine letzten Reserven waren provoziert. Jetzt erst recht! Blicke, vor allem Blicke, die von Ratlosigkeit künden, können helfen, wenn nichts mehr hilft. Kalkül meines unwiderruflich letzten Potentials. Die Oberschenkel schmerzten schon seit dem Nollendorfplatz und seit dem Potsdamer Platz befanden sich meine ausgepowerten Historikerwaden im gefährlichen Vor-Krampf-Stadium. Trotzdem riss ich mich in der Glinkastraße noch mal zusammen. Neuer Zeitlupenschwung wuchs mir zu.

Meine sportliche Performance interessierte mich nicht mehr. Nicht einmal die Kameras. Nur, am Adlon-Eck die Linden, die wollte ich laufend, nicht gehend oder sonst wie erreichen. Und dann, das gibt’s nur einmal, durchs Brandenburger Tor. Kurz dahinter durchs Ziel! Einige Minuten noch stand ich seitwärts, wieder mal in Gedanken. Froh, richtig dankbar für diese Erfahrung. Und, war’s das? Wird es ein nächstes Mal geben? Läufer am Ziel, Anstrengung und Freude, das Brandenburger Tor. Das Alles hätte ich am liebsten auswendig gelernt. Am allerschönsten: Meine Familie, mit der ich mich um eine Stunde zu spät am Ziel verabredet hatte, ließ sich später alles, meinen ganzen Marathon-Film, (nach)erzählen und mich ließ sie alles (nach)erleben.



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Mein erstes Mal: Berlin-Marathon von Günter Schödl