Armin Harry

"Der Lauf meines Lebens"

Armin Harry war der schnellste Sprinter, den Deutschland je hatte, und der letzte Europäer, der einen Weltrekord auf 100 m aufgestellt hat.

Trotz 10,0-Weltrekord im Juni 1960, trotz der Goldmedaille im Einzelsprint – der Staffellauf von Rom war der Lauf meines Lebens. Da habe ich alles gegeben und da hat alles gestimmt. Man hat später gemessen, dass ich die fliegenden 100 Meter unter neun Sekunden gelaufen bin. Der Journalist Knut Teske nannte es „einen völlig losgelösten Sturmlauf“, „überirdisch anmutend“, „hinein in eine neue Dimension“. Ich bin kein Freund großer Worte. Ich weiß nur, dass ich mich damals so gefreut habe wie noch nie nach einem sportlichen Erfolg. Die Filme, die es darüber gibt, zeigen es. Dass die Amis übergetreten hatten, konnte ich nicht sehen.

Die Funktionäre, mit denen ich bekannt­lich nicht oft einer Meinung war, hätten es lieber gesehen, wenn ich in Rom noch die 200 Meter Einzelsprint gelaufen wäre. Ich konnte aber schon immer gut in meinen Körper hineinhören und wusste nach den ersten Sprints, dass ich nicht in beiden Disziplinen – den 200 Metern und der 100-Meter-Staffel – vorn landen konnte. Ich entschied mich für die Staffel, weil ich die Kameraden nicht im Stich lassen wollte. Ich habe mich immer gern eingeordnet, konnte mich aber nie unterordnen. Das hat man mir oft übelgenommen. Hätte ich ­immer allen Danke gesagt, wäre meine Position vielleicht eine andere gewesen. Aber mir haben bei meiner sportlichen Karriere wenige geholfen und deshalb musste ich mich auch bei wenigen bedanken. Wir Sportler wurden damals von vielen Funktionären wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Nur ein Beispiel: Die hohen Herren wohnten in Rom im klimatisierten Einzelzimmer, uns sperrten sie oftmals zu viert in einen Schlafsaal ohne Ven­tilator. Und wenn ich zu Empfängen ordentlich im Anzug kam statt in der offiziellen Olympiakluft, wurde ich schief angeschaut.

Ich hatte manchmal das Gefühl, dass alles, was ich tat, falsch verstanden wurde. Was hat man alles hineininterpretiert in meinen Schuhwechsel! Ja, ich lief die 100 Meter in Puma-Schuhen und trug zur Siegerehrung wieder Adidas. Aber nicht, weil ich dafür Geld bekam, sondern weil Puma für mich die besseren Rennschuhe hatte. Heute ­werde ich manchmal gefragt, wie ich es 1960 geschafft habe, für so viele entscheidende Rennen in Topform zu sein. Über die Frage kann ich nur lachen. Ich war von Weihnachten bis Ostern und von Ostern bis Weihnachten fit. Anders kann ich mir auch das Training eines Athleten gar nicht vorstellen – es sei denn, man hilft nach …

Dass wir heute keine Sprinter mehr von internationalem Niveau haben, habe ich schon 1965 prognostiziert. Eine sehr trau­rige Entwicklung: Wir sind eine Nation mit 85 Millionen Menschen – da müssen doch ein paar schnelle dabei sein! Aber die Satten haben die Macht und die Hungrigen vergisst man. Mit meiner AHA-Förderung (aha-f.de) versuche ich, gezielt vier- bis zwölfjährige Kinder aus sozial schwachen Familien beim Sporttreiben zu unterstützen. In diesem Alters­bereich gehen uns die meisten Ta­lente für den Spitzensport ver­loren, sobald die Eltern erst mal merken, wie teuer das Hobby ihrer Kinder ist. Ausrüstung, Transportkosten und so weiter – da kommen schnell ein paar Hundert Euro zusammen.Wir fördern derzeit einige Hundert Kinder, wir könnten aber mit mehr Mitteln 10 000 regionale Talente unterstützen. Deshalb habe ich jetzt den Bildband „Mein Gold für Deutschland“ herausgebracht, des­sen Verkaufserlös in die Förderung fließt und von dem jedes Exemplar ein Unikat ist. Wer es erwirbt, ist selbst in dem Buch vertreten.

Ich selbst bin dem Sport trotz einer Knieverletzung im Jahr 1961 immer treu geblieben – natürlich auf Amateurniveau: Surfen, Segeln, Tennis, Golf bis Handicap acht. Erst im letzten Jahr habe ich meine Lust und Liebe für das Mountainbiken entdeckt. Und seit ich ein Rad mit E-Motor-Unterstützung habe, ist mir auch kein Berg mehr zu steil.

Der Langstreckenlauf war dagegen nie mein Ding. Die längste Strecke, die ich je gelaufen bin – von ein paar Waldläufen in der Jugend abgesehen –, waren die 1.500 Meter für den Zehnkampf. Bei dem Zehnkampf, in dem ich mit Landesrekord saarländischer Meister wurde, bin ich über die 1.500 Meter allerdings gar nicht angetreten. Aber der Rekord gilt immer noch.

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Walter Mahlendorf - Er lief die unbeliebte Kurve gerne


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