Jan Fitschen läuft die Zeit weg - und die Konkurrenz

Neun Monate nach dem Lauf seines Lebens läuft nicht viel für Jan Fitschen. Zeit und Konkurrenz laufen ihm davon.

Neun Monate nach dem Lauf seines Lebens läuft nicht viel für Jan Fitschen. Sensationell war der Athlet des TV Wattenscheid im August 2006 bei den europäischen Meisterschaften von Göteborg zur Goldmedaille im 10.000-m-Finale gestürmt und hatte damit für eine der größten Überraschungen dieser Titelkämpfe gesorgt. Doch nun dürfte der Europameister bei den nächsten großen Meisterschaften, der WM in Osaka Ende August, nicht zum deutschen Team gehören.

Im Rennen um die Qualifikationszeiten läuft dem 30-Jährigen zum einen die Zeit weg – und zum anderen auch die nationalen Konkurrenz. Rund fünf Wochen vor der Nominierung hat Jan Fitschen weder die B-Norm noch führt er die deutsche Jahresbestenliste an, auch nicht über die Alternativstrecke 5.000 m.

„Die 10.000 Meter sind kein Thema mehr für die WM“, sagt Jan Fitschen und fügt hinzu: „Wenn man nichts drauf hat, dann geht eben nichts.“ Er sieht die Lage realistisch, nachdem er in Kassel auch die wohl beste Qualifikationschance über die 5.000 m nicht nutzen konnte. Bei dem Meeting herrschten letzte Woche beste Bedingungen, das Rennen war genau auf den Europameister zugeschnitten. So leistete Fitschens Trainingspartner Alexander Lubina als Tempomacher akkurate Arbeit. Doch als er nach 2.000 Metern aus dem Rennen ging, wurde deutlich, dass Jan Fitschen nicht in Form ist. Er fiel immer weiter zurück, die WM-Qualifikationszeit von 13:21,50 Minuten geriet außer Reichweite. Während der Kenianer Moses Mosop als Sieger diese Zeit mit 13:21,13 erreichte, lief Jan Fitschen als Elfter in 13:54,29 ins Ziel – geschlagen unter anderem auch von seinem nationalen Konkurrenten Arne Gabius (LAV Asics Tübingen), der als Fünfter in 13:27,48 überzeugte.

Ein Grund für die schwache Form des Jan Fitschen ist eine entzündete Plantarsehne. Diese Verletzung hatte er sich im Mai im Höhentrainingslager in St. Moritz zugezogen. „Ich bin übermotiviert ins Training gegangen und habe mich dadurch verletzt. Jetzt muss ich Schmerzmittel nehmen, um starten zu können. Ich kann zwar laufen, aber das hat mit Hochleistungssport nichts zu tun“, sagt Jan Fitschen, der vor diesem Trainingslager noch Deutscher Meister über 10.000 m geworden war. Bei windigen Wetterbedingungen war dabei jedoch an das Erreichen der B-Norm von 28:06 Minuten nicht zu denken.

„Jetzt habe ich wieder das Problem, das ich in den letzten zehn Jahren schon so oft hatte: Ich habe die Qualifikationszeit am Anfang der Saison nicht erreicht. Die Rennen, die jetzt noch kommen, passen nicht richtig, denn sie sind entweder zu schnell oder zu langsam. Und ohne Norm kann ich auch weitere Trainingslager gar nicht vernünftig planen“, sagt Jan Fitschen. Hinzu kommt der Druck starker nationaler Konkurrenz. Über 10.000 m wird mit großer Sicherheit André Pollmächer (LAC Chemnitz) den deutschen WM-Startplatz besetzen. Der 24-Jährige hatte im April zunächst sensationell den Europa-Cup über diese Strecke gewonnen und sich dann am vergangenen Wochenende bei einem Rennen in Belgien auf 27:55,66 Minuten gesteigert.

Für den ersten deutschen 10.000-m-Europameister seit Manfred Kuschmann 1974 gäbe es somit nur noch eine theoretische Chance für die WM-Teilnahme über diese Distanz: Jan Fitschen muss schneller laufen als André Pollmächer und damit seine Bestzeit von 28:10,94 Minuten deutlich verbessern. Denn zwei oder drei deutsche Athleten könnten erst an den Start gehen, wenn sie alle die A-Norm von 27:49,00 unterbieten. Doch das ist alles utopisch in den verbleibenden Wochen. „Für solche 10.000-Meter-Zeiten fehlt mir die Grundlage in diesem Jahr“, sagt Jan Fitschen, der sich schon seit längerer Zeit die 5.000 Meter als Alternative für Osaka überlegt hatte. Dies kam auch daher, weil er sich im Winter stärker auf das Physikstudium konzentrierte und daher weniger Zeit für umfangreiches Training hatte. „Das Studium möchte ich Ende des Jahres abschließen, um dann für Olympia 2008 den Kopf frei zu haben.“ Das Ergebnis von Kassel deutet aber darauf hin, dass es auch über 5.000 Meter nichts werden wird mit der WM-Qualifikation.

Vor dem hessischen Meeting hatten die Veranstalter ihre Stars, darunter auch Jan Fitschen, in Cabrios um die Laufbahn fahren lassen. Einen vergaß der Ansager dabei vorzustellen: den 10.000-m-Europameister. Nicht einmal Nebensächlichkeiten laufen für Jan Fitschen in dieser Saison.