Das große Exclusiv-Interview

Haile: "Ab jetzt bereite ich mich auf China vor!"

RUNNER'S WORLD-Redakteur Urs Weber sprach in Berlin mit dem neuen Weltrekordler Haile Gebrselassie.

Haile Gebrselassie mit Urs Weber

Haile Gebrselassie mit Runner's World Redakteur Urs Weber.

Bild: adidas

Wie fühlt man sich einen Tag nach einem Marathon, den man in 2:04:26
Stunden beendet hat?


Haile Gebrselassie: Glücklich, aber müde. Vor allem die Beine sind müde. Seit langer Zeit habe ich heute meinen Morgenlauf ausfallen lassen. Heute Nachmittag werde ich ein bisschen traben, und wenn ich morgen wieder zu Hause bin, beginne ich wieder mit dem Laufen.

Wenn man schon über 20 Mal einen Weltrekord gebrochen hat – macht da der 24. Weltrekord einen Unterschied? – Auch, da es das erste Mal über die Marathondistanz ist?

Haile Gebrselassie: Auf alle Fälle. Das ist etwas ganz besonders: Der Weltrekord über die Marathondistanz ist der, den ich mir am meisten gewünscht habe. Und ich betrachte ihn als den wertvollsten Weltrekord, den ich jemals aufgestellt habe. Und eines darf man übrigens auch nicht vergessen: Mein Sponsor ist Adidas. Und ich habe mich immer gewundert, warum Adidas so lange nichts zu melden hatte auf der Marathonstrecke. Andere haben Dämpfungskissen und so etwas – ich habe schon gedacht, es läge daran. Aber jetzt hat sich gezeigt: Daran liegt es zum Glück nicht. – Nein, aber im Ernst, der Marathonweltrekord ist etwas ganz besonderes. Schauen Sie sich nur mal an, was da im Ziel los war: Haben Sie den Medienrummel gestern gesehen? - Das habe ich bislang bei keinem Wettkampf erlebt!

Sie wollten letztes Jahr in Berlin schon den Weltrekord von Paul Tergat
brechen, was dann ja nicht gelang, Sie waren 90 Sekunden zu langsam. Was hat Ihnen in diesem Jahr die Zuversicht verliehen, den Weltrekord brechen zu können?


Haile Gebrselassie: Ganz einfach: Mein Training! Das Training lief perfekt. – Ich hatte Vertrauen in meine Leistungsfähigkeit. Allerdings ist mir das Vertrauen am Freitag und Samstag vor dem Rennen genommen worden, das Wetter spielte verrückt. Da habe ich in meinem Hotelzimmer gesessen und mich gefragt: „Was mache ich eigentlich hier“? – Zum Glück waren die Bedingungen dann am Sonntag Morgen super, einfach perfekt!

Sie hatten bereits einmal angekündigt, den Marathon in 2:03 Stunden zu
laufen. – Sind Sie jetzt etwa enttäuscht, dass es noch nicht 2:03 Stunden
waren?


Haile Gebrselassie: Nein, enttäuscht bin ich natürlich nicht. Aber mein Programm ist ja auch noch nicht beendet. Ich verspreche Ihnen: Ich laufe noch 2:03 Stunden! Ja, ich werde noch 2:03 laufen. Aber glauben Sie mir, es ist natürlich leicht zu sagen: Ich laufe 2:03 Stunden. Aber die Umsetzung ist verdammt hart. Deshalb ist der Weltrekord von Sonntag auch eine tolle Sache für mich!

Wo liegt der Unterschied: Sie waren in diesem Jahr 90 Sekunden schneller als im vergangenen Jahr, auf haargenau der gleichen Strecke! – War es das Wetter? Die Zuschauer? Die Pacemaker?

Haile Gebrselassie: Alles das zusammen. Das war alles entscheidend. Wenn davon ein Teil fehlte, fehlen gleich die entscheidenden Sekunden. In diesem Jahr stimmte alles. Meine Vorbereitung war perfekt. Das Wetter war perfekt für den Marathon, vielleicht bis auf den letzen Teil, wo es ein bisschen windig war. Und die Tempomacher waren phantastisch. Und die Zuschauer: Sie waren einfach verrückt, überall, wo ich vorbeilief, wurde ich angefeuert.

Eine Frage noch zu Ihren Tempomachern: Die erste Hälfte passierten Sie in 62:29 Minuten – also exakt in dem angekündigten Tempo, das unter 63 Minuten liegen sollten. Doch bereits bei Kilometer 30 gingen Eshetu Wondimu (Äthiopien) und Rodgers Rop (Kenia), der ja den Hamburg Marathon in 2:07:32 Stunden gewonnen hatte, aus dem Rennen. Wäre es nicht besser gewesen, länger die Tempomacher an der Seite zu haben?

Haile Gebrselassie: Natürlich wäre es nicht schlecht, wenn sie bis Kilometer 35 mitlaufen könnten. Aber das Tempo war perfekt, sie haben einen tollen Job gemacht. Ich glaube, von Eshetu Wondimu können wir in Zukunft noch viel hören.

Haile Gebrselassie bei seinem Weltrekord-Lauf in Berlin.

Bild: Claus Dahms

Sie sind in diesem Jahr bereits in London beim Marathon am Start gewesen (aber ausgestiegen) – warum sind Sie ausgerechnet in Berlin so viel schneller? Sie sind am Sonntag sehr konstant gelaufen, jeder Kilometer war unter drei Minuten: Was macht Berlin so besonders für Sie?

Haile Gebrselassie: Da kommen verschiedene Dinge zusammen. Teilweise habe ich es ja schon erwähnt, was entscheidend ist: Der Kurs, die Strecke – sie ist superflach. Das spricht für sich, wenn Sie sich die Ergebnisse der letzten Jahre hier anschauen, mit all den Rekorden. – Dann: Die Jahreszeit ist perfekt –nach dem Sommer und vor dem Winter. Die Temperaturen und die Luft sind einfach ideal. Und noch ein entscheidender Faktor kommt in Berlin hinzu: Wenn man Weltrekord laufen will ist es besser, nur gegen die Zeit zu laufen. – Nicht gegen einen Gegner, gegen einen anderen Läufer. Dadurch kann ich mich nur auf mich selbst konzentrieren. Ich brauche nicht auf andere Läufer acht zu geben. Es gibt kein Taktieren, keine Attacken. Bei einem Lauf mit vielen Top-Läufern ist das Tempo oft langsamer, als es für den Weltrekord sein dürfte. Deshalb wird es auch in Zukunft noch viele Rekordläufe in Berlin geben, wenn die Rennpolitik hier beibehalten wird. Außerdem habe ich persönlich ein ganz spezielles Verhältnis zu Berlin. Berlin ist meine Glücksstadt. Hier habe ich noch nie verloren. Deshalb habe ich hier auch viel Selbstvertrauen.

Im letzten Jahr sind Sie auf den letzten fünf Kilometern langsamer geworden, haben deshalb den Weltrekord von Paul Tergat verpasst. Was haben Sie in diesem Jahr im Training anders gemacht?

Haile Gebrselassie: Im letzten Jahr hatte ich in der Vorbereitung viele schnelle Läufe absolviert. In diesem Jahr habe ich den Schwerpunkt verlagert und vor allem auf eins geachtet: Ich habe die Umfänge erhöht. Wenn ich im letzten Jahr in einer Woche 210 oder 220 Kilometer gelaufen bin, dann bin ich in diesem Jahr in der vergleichbaren Woche 250 Kilometer gelaufen.

Sie kommen ja vom Bahnlauf: Was ist der Unterschied zum Marathonlauf auf der Straße?

Haile Gebrselassie: Der Unterschied beim Laufen auf der Bahn und beim Marathon ist der: Auf der Bahn sind die Gegner die anderen Läufer und die Uhr. Beim Marathon ist der Marathon selbst der Gegner. Die Strecke ist so lang, da weißt Du nie, wo du Probleme bekommen wirst! Es war – bis heute – die einzige Distanz, wo es mir nie gelang, einen Weltrekord zu brechen.

Wollen Sie noch einmal auf die Bahn zurückkehren, zurück zum 10000
Meter-Lauf?


Haile Gebrselassie: Wer weiß? Man sollte niemals nie sagen! Mal sehen, was in Hengelo in diesem Jahr passiert!

Wie groß war die Umstellung von 10000 Meter-Lauf auf der Bahn zum Marathon?

Haile Gebrselassie: Das war läuferisch sicherlich für mich die größte Herausforderung, die ich mir gestellt habe.

Was ist der große Unterschied?

Haile Gebrselassie: Es ist vor allem der Laufschritt, der Stil, wie man läuft. Auf der Bahn war ich immer Vorfußläufer. Beim Marathon hat man mehr so einen schleichenden Schritt, der Kniehub ist nicht so hoch. Und jetzt laufe auch ich mehr auf dem Mittelfuß. Und, glauben Sie mir, die langen Läufe zu absolvieren, von drei oder dreieinhalb Stunden Länge, das ist richtig anstrengend. Die Vorbereitung, das Training von Marathonläufern ist ganz anders als das von Bahnläufern.

Welche Ziele haben Sie fürs nächste Jahr: Einen Olympiasieg in Peking oder einen neuen Weltrekord im Marathon?

Haile Gebrselassie: Ab jetzt bereite ich mich auf China vor! Seit gestern denke ich nur an die Olympischen Spiele im nächsten Jahr!

Also werden Sie im nächsten Jahr nicht beim Berlin-Marathon am Start sein?

Haile Gebrselassie: Nein, aber ich werde 2009 wieder nach Berlin kommen. Und wenn es dann nicht klappen sollte, bin ich spätestens zur Leichtathletik-Weltmeisterschaft wieder in Berlin. Und wenn ich dabei nur die Äthiopische Landesflagge trage!

Haile Gebrselassie
Haile Gebrselassie beim Stretching.

Jetzt haben Sie gerade den Marathon-Weltrekord gebrochen und sprechen schon von den Plänen für die Zukunft: Wie motivieren Sie sich jeden Tag?

Haile Gebrselassie: Oh, das ist sehr einfach. Das Wichtigste ist: Man muss sich ein Ziel setzen. Wenn Sie ein Ziel haben, wissen Sie, was Sie tun müssen. Denn dann hat man auch einen Plan. Wenn Sie mich fragen, was mein nächster Plan ist, dann sage ich Ihnen: Ich will nicht darauf warten, dass jemand anderes meinen Weltrekord bricht. Ich will mich selbst noch ein bisschen verbessern. Und so überlege ich mir: Was ist das beste Training, um diesen Plan zu verwirklichen. Was ist der beste Plan, um 2:03 Stunden beim Marathon zu laufen. Das ist die Motivation. Wenn Sie einen Plan haben, kommt die Motivation von selbst. Das ist übrigens das gleiche für einen Jogger, der dreimal in der Woche läuft. Das einzige, was man braucht, ist ein Plan, eine Zielsetzung. Es ist wichtig, sich immer wieder Ziele zu setzen. Und wenn man sein Ziel nicht erreicht, muss man es nochmal probieren, und nochmal, und nochmal. Es kann immer passieren, das man sein Ziel verfehlt. Erst wenn man mehrmals an seinem Ziel scheitert, sollte man sich ein neues Ziel setzen.

Wie bringen Sie Abwechslung in Ihr Training? Trainieren Sie auch mit
alternativen Methoden?


Haile Gebrselassie: Ich trainiere auf vielfältige Art und Weise. Ich gehe nicht nur laufen. Ich mache auch Training im Fitnessstudio. Und dann variiere ich die Laufeinheiten ständig. Ich mache Hügeltraining, wir trainieren auf Asphalt, im Wald und überall sonst. Mein Tipp: Das Training muss ständig variieren. Sonst wird es langweilig. Wenn Sie heute im Wald gelaufen sind, gehen Sie morgen ins Fitnessstudio. Und wenn Sie laufen gehen: Laufen Sie nicht die gleiche Strecke wie am Tag zuvor. Man muss auch abwechseln zwischen Lauf- und Krafttraining. Der Körper braucht das.

Können Sie sich eigentlich an Ihre Laufanfänge erinnern? Wie war der erste Wettkampf?

Haile Gebrselassie: Ich habe die Olympischen Siele 1980 in Moskau gesehen, da war ich acht Jahre alt. Und von da an war ich infiziert. Laufen wurde ein Teil meiner selbst. Anfangs bin ich mit meinem Bruder gelaufen, der schon Marathon lief, das war 1978. Ich bat ihm, mit ihm laufen gehen zu dürfen. Und er sagte: Komm mit! In dem Jahr war ein Schulwettkampf. Ich wollte gerne für unsere Schule starten, aber mein Lehrer sagte: „Du bist noch zu jung!“ Ich habe ihn dann immer wieder gefragt, bin ihm gefolgt und habe gebettelt und gebeten – bis er mich schließlich laufen ließ. Dann beim Wettkampf war das ganze Stadion voll mit Schülern. Ich startete über 1500 Meter. Der Startschuß fiel – und ich lief gleich vorneweg und setzt mich an die Spitze. Schnell hatte ich einen Vorsprung von 10, 20 Metern, schließlich sogar 50 Meter. Die anderen ließen mich laufen, sie nahmen mich nicht ernst. Als sie versuchten mich einzuholen, war ich schon hinter der Ziellinie!

In Ihrer Heimat in Äthiopien sind Sie längst ein Volksheld. Was passiert
morgen bei Ihrer Rückkehr?


Haile Gebrselassie: Der Marathon wurde in diesem Jahr ja schon direkt übertragen – die haben schon gefeiert! – Allerdings feiern die Leute vor allem, dass der Marathon-Weltrekord jetzt nach Äthiopien zurückgekehrt ist, nachdem wir ihn 1989 verloren haben. Sie müssen wissen: Marathon hat einen sehr hohen Stellenwert in meiner Heimat. Dass ich jetzt den Weltrekord gelaufen bin, ist eigentlich egal, Hauptsache er ist jetzt wieder in äthiopischer Hand. Ich habe ja am Sonntag Abend auch schon gefeiert. Zu Hause werden wir nur in kleiner Runde sein, und am nächsten Tag werde mich gleich um meine Geschäfte kümmern. Ich trage Verantwortung für 400 Mitarbeiter – da bleibt nicht viel Zeit zum Feiern! Und wenn ich morgen eine Party mache – was wird dann aus den 2:03 Stunden? Wer ständig Partys feiern will, der soll spazieren gehen!

Sie haben im Ziel direkt noch einen Anruf erhalten – am anderen Ende der Leitung war Paul Tergat, dem Sie den Weltrekord abgejagt haben. Was hat er gesagt?

Haile Gebrselassie: Er hat mir gratuliert! Ich habe zum ihm gesagt: I’m sorry, Paul! – Aber Paul und ich sind gute Freunde. Wir sind seit Sydney gut befreundet, ich habe ihn in Nairobi besucht, und er hat mich in Addis Abeba besucht. Paul weiß: Es ist nur ein Rekord. Irgendjemand wird ihn brechen. Auch meinen Rekord wird irgendjemand brechen.

In Ihrem Heimatland gibt es zahlreichen Läufer-Nachwuchs. Wie steht es mit ihren eigenen vier Kindern – haben die Interesse am Laufen?

Haile Gebrselassie: Oh ja, in Äthiopien gibt es tausende guter Nachwuchsläufer. Und ich bin froh, wenn ich ihnen helfen kann. Ich will mich nicht als Vorbild hinstellen – aber ich will ihnen zeigen, wie man dies oder das macht. So wie bei Kenenisa Bekele zum Beispiel. – Meine eigenen Kinder: Ich weiß nicht. Das müssen sie selbst entscheiden. Meine Tochter hat sicherlich eine hervorragende Veranlagung. Aber ob sie das wollen? Man wird sehen. Die Motivation muss von innen heraus kommen. In Äthiopien haben wir zum Glück noch viele junge Menschen, die hungrig sind nach Erfolg.

Weitere Beiträge rund um den Berlin Marathon 2007:
Den ausführlichen Bericht über den Rennverlauf des Berlin Marathons finden Sie hier.
Ein Interview mit Irina Mikitenko, die bei ihrer Premiere die drittschnellste Zeit einer deutschen Marathonläuferin überhaupt hinlegte, finden Sie hier.
Die große Fotogalerie mit den schönsten Impressionen vom Laufgeschehen des Berlin Marathon finden Sie hier.
Die Bilder vom großen Frühstückslauf mit vielen tausend Teilnehmern am Samstag vor dem Rennen finden Sie hier.