Burnout

Zu viel des Guten

Wenn Sie es mit dem Laufen übertreiben, kann das zum gefährlichen Burnout führen. So verhindern Sie den Trainingskollaps.

Wer fühlt sich nicht ab und zu mal erschöpft? Ausgebrannt. Keine Lust auf eine Trainingseinheit. Das Laufen macht einfach keinen Spaß mehr … Es ist ganz normal, wenn der Körper ab und zu Nein sagt und der innere Schweinehund ungewöhnlich stark bleibt. Aber ist es noch normal, wenn man sich ständig ausgebrannt fühlt und Freude schon gar nicht mehr aufkommen will?

Erhöhter Puls, Schlafstörungen, Depressivität - nehmen Sie Warnsignale ernst.

Bild: Jesse Lefkowitz

Bei Thomas war das so. Angefangen hatte es mit leichtem Joggen. Er wollte von seinen 95 Kilogramm herunterkommen. Dann steigerte er sein Trainingspensum immer weiter. Als er sich fit genug fühlte, schloss er sich einer Laufgruppe an. „Die waren alle 3 bis 4 Minuten schneller auf 10 Kilometer als ich“, berichtet der 37-jährige. „Jedes Training war wie ein Wettkampf für mich, ich bin immer bis ans Limit gegangen.“ Schließlich hat er viermal pro Woche trainiert, insgesamt 60 Kilometer. Dazu ein Rennradtraining von 300 Kilometern und ein intensives Hallentraining. Am Wochenende bestritt er Wettkämpfe – mal zehn Kilometer, mal einen Halbmarathon.

Inzwischen war Thomas, 1,87 Meter groß, bei 72 Kilo angekommen. Aber er war völlig abgekapselt und isoliert. „Ich ging auf keine Partys mehr und legte mich früh ins Bett“, erzählt der Familienvater, der mit Frau und Sohn in der Nähe von Heidelberg wohnt. Was danach passierte, war der totale körperliche und geistige Zusammenbruch. Erst ein Leistungseinbruch, dann Schlafstörungen, Depressionen und Tinnitus. Seine Symptome waren so ernst, dass er für drei Wochen krankgeschrieben und eine Woche lang sta­tionär behandelt wurde. Nur mit Infusio­nen und Beruhigungsmitteln bekam man seinen Zustand schließlich in den Griff.

BURNOUT KOMMT NIE DURCH SPORT ALLEIN
Thomas ist nicht der einzige Hobbyläufer, der unter dem Burnout-Syndrom leidet. Es gibt viele, die sich den Akku regelrecht leer laufen und für die der Sport dann eine Qual ist. Es kommen aber immer noch berufliche und private Stressfaktoren hinzu. „Ich kenne niemanden, bei dem der Burnout nur durch den Sport verursacht ist“, sagt Sportpsychologe Walter Wölfle, der die deutsche Leichtathletik-Nationalmannschaft betreut und in Seminaren die mentale Basis für Spitzenleistungen vermittelt. „Es spielen auch andere Faktoren eine Rolle, die nicht unbedingt sichtbar sind: ungelöste Konflikte und anhaltender Stress.“

Auch Thomas musste dies erfahren. Als Schichtarbeiter in einer Wellpapierfabrik hat er einen lauten, überhitzten und stressigen Job, bei dem es immer schnell und perfekt zugehen muss. Dazu kam, dass seine Familie kein Verständnis für seinen Sport hatte.

Beim Laufsport sieht Sportpsychologe Wölfle die Gefahr, dass ein Burnout mit schwer erkennbaren Krankheiten verwechselt wird. „Es gibt Krankheitsbilder, die in den letzten drei bis vier Jahren stark zugenommen haben, wie zum Beispiel das Pfeiffersche Drüsenfieber und die Borreliose“, so der 50-Jährige. Diese lassen sich nur aufwändig diagnostizieren, dürfen aber nicht mit einem Burnout verwechselt werden.

WANN SIND LÄUFER GEFÄHRDET?
Grundsätzlich ist Laufen gesund, stärkt das Immunsystem und ist ein guter Ausgleich zu Stress im Beruf. „Ausdauerläufe sind eine gute Therapie, um Belastungen loszuwerden, und ein gutes Mittel, abzuschalten“, erklärt Walter Wölfle. Der Sport sollte aber stets im richti­gen Maß betrieben werden. Zu hohe körperliche Belastung, ungesunder Ehrgeiz und exzessives Training können einen Erschöpfungszustand noch beschleunigen.

Die Gefahr bei Amateurläufern besteht darin, dass sie nach einer falschen Trainingsmethodik trainieren und ihren Trainingsplan unbedingt einhalten wollen. Wenn der Wettkampf naht, ist für sie an Ausruhen nicht zu denken. Der hohe Erwartungsdruck an sich selbst, die zu harten Einheiten und der hohe Zeitaufwand werden vom Körper nicht mehr als Ausgleich aufgenommen, sondern als purer Stress. „Wenn es mit der Zeitverbesserung nicht geklappt hat, war ich total niedergeschlagen“, erzählt Familienvater Thomas. Dauerhaft kann das kein Sportler durchhalten. Im Gegenteil, die Leistung nimmt ab und der Läufer wird unzufrieden. Es entsteht ein Teufelskreis aus psychischem Druck und gesundheitlichen Problemen.

Vollends geheilt wurde Thomas schließlich durch einen vierwöchigen Urlaub in den USA. „Ich lief in dieser Zeit keinen Meter und kam zu dem Entschluss, keine Wettkämpfe mehr zu laufen.“ Seitdem fühlt er sich besser und läuft nur noch nach Lust und Laune – mal schnell, mal langsam, aber nie unter Zwang.


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