Alex Hutchinsons Lauflabor

Wie Training das Gehirn vor Depressionen schützt

Eine schwedische Studie zeigt: Körperliche Bewegung hat viele positive Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit. Der Schutz vor stressbedingten Depressionen gehört dazu.

Läufer sind besser vor Depressionen geschützt

Regelmäßiges Training schützt vor Depressionen.

Bild: iStockphoto.com / warrengoldswain

Forscher des schwedischen Karolinska-Instituts haben eine interessante Studie an Mäusen in der Fachzeitschrift Cell veröffentlicht, die näher beleuchtet, wie und warum sportliche Aktivität gut gegen Depressionen hilft. Die Untersuchung erscheint recht kompliziert, aber ich denke, sie ist es wert, näher betrachtet zu werden.

Warum beugt Training Depressionen vor?

Es ist allgemein anerkannt, dass sportliche Aktivität eine wirksame Gegenmaßnahme bei Depressionen ist, aber es ist nicht klar, warum. Hängt es mit dem Herz-Kreislauf-System zusammen? Oder hat es mit psychosozialen Faktoren zu tun, weil man zum Training aus dem Haus geht und beispielsweise Laufpartner trifft? Wird während des Trainings im Gehirn vielleicht eine Chemikalie produziert, die Depressionen bekämpft (das wäre meine Annahme gewesen), oder erzeugen die Muskeln einen Stoff, der dann zum Gehirn gesendet wird? Keiner der genannten Theorien ist bis jetzt bewiesen.

Depressionen sind sehr komplex und facettenreich - es spielen wahrscheinlich viele verschiedene Faktoren eine Rolle. Aber die Studie widerspricht der Hypothese, dass eine Chemikalie im Gehirn selbst erzeugt wird. Statt dessen scheint es so zu sein, dass vor allem die Leber mit der Produktion einer Chemikalie namens Kynurenin auf Stress reagiert, die dann zum Gehirn weitergeleitet wird, wo sie unter anderem Neuroinflammation, Zellsterben und depressive Erkrankungen auslösen kann. Allerdings veranlasst Training die Muskeln, vermehrt ein Protein namens PGC-1alpha1 zu erzeugen, welches wiederum zur erhöhten Produktion eines Enzyms führt, das dann Kynurenin in Kynurensäure umwandelt – der entscheidende Punkt dabei ist, dass Kynurensäure nicht fähig ist, die Blut-Hirn-Schranke zu passieren und so (anders als Kynurenin) im Gehirn keine Schäden anrichten kann.

Also, kurz zusammengefasst: Stress produziert Kynurenin, welches zu Depressionen führen kann, doch körperliche Bewegung hilft, Kynurenin in eine harmlose Substanz umzuwandeln, so dass man weniger anfällig für stressbedingte Depressionen ist. Die folgende Graphik veranschaulicht diesen Prozess (KYN ist Kynurenin, KYNA ist Kynurensäure):

Stress bewirkt, dass die Leber ein Protein (Kynurenin) produziert und es ins Gehirn weiterleitet. Durch körperliche Betätigung jedoch erzeugen die Muskeln ebenfalls ein Protein (PGC-1alpha1). Das dabei entstehende Enzym wandelt das Kynurenin in unbedenkliche Kynurensäure um.

Bild: runnersworld.com

Die Studie selbst hat die Hypothese auf verschiedenste Art und Weise geprüft. Indem die Forscher die Mäuse über Wochen in eine leichte Stresssituation (durch Geräusche, blinkende Lichter etc.) versetzten, konnten sie bei den Tieren depressives Verhalten hervorrufen; genetisch veränderte Mäuse jedoch, die dauerhaft übermäßig viel PGC-1alpha1 produzierten, hatten auch unter anhaltenden Stressbedingungen einen niedrigen Kynureninspiegel und entwickelten kein depressives Verhalten. Auch durch die direkte Injektion Kynurenins erzeugten die Wissenschaftler Depressionen und es zeigte sich, dass vermehrte Bewegung das Niveau des Enzyms ansteigen ließ, wodurch Kynurenin zu Kynurensäure wurde und damit keine Weiterleitung zum Gehirn stattfinden konnte.

Interessanter Studienansatz

Tja, und letztlich ist es doch nur eine Studie an Mäusen. Wie gut lässt sie sich auf den Menschen übertragen, und sind stressbedingte Depressionen verallgemeinerbar? Ich weiß es wirklich nicht. Doch ganz sicher ist - es ist ein interessanter Ansatz. Ich bin immer davon ausgegangen, dass die Vorteile der körperlichen Bewegung für die psychische Gesundheit teilweise durch den sozialen Faktor, einfach herauszukommen und etwas zu tun, und teilweise durch den direkten Wohlfühl-Effekt, aufgrund von Endorphinen und anderen Chemikalien im Gehirn, entstehen. Aber diese Ergebnisse scheinen dies nicht zu beweisen.

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