Alex Hutchinsons Lauflabor

Wem geht die Luft schneller aus?

Frauen liefen die zweiten Hälfte eines Marathons um 11,7 Prozent langsamer - Männer bauten dagegen um 15,6 Prozent ab. Warum?

Geschlechtsspezifische Erschöpfungsdefizite

Frauen bauen ab der Hälfte eines Marathons um die 11,7 Prozent ab - Männer hingegen um 15,6 Prozent.

Bild: iStockphoto.com / Andrew Rich

Im Frühjahr dieses Jahres veröffentlichten Wissenschaftler eine Studie, die 92.000 Marathon-Laufleistungen analysierte und feststellte, dass Frauen ihre Renneinteilung bzw. ihr Lauftempo besser im Griff hatten, weil sie in der zweiten Rennhälfte durchschnittlich nur um 11,7 Prozent langsamer wurden, während die Männer um 15,6 Prozent abbauten.

Die Frage ist: Warum? Zwei der Studienautoren haben ihre unterschiedlichen Ansichten zum Ursprung dieser geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Ermüdung, Wettbewerbsfähigkeit und sportlichen Leistungsfähigkeit von Männern und Frauen dargestellt.

Zum einen hat der Evolutionspsychologe Robert Deaner von der Grand Valley State University und Initiator der Studie ein interessantes Essay für „The Conversation“ zu diesem Thema geschrieben. Hier gibt er eine Übersicht über seine Forschung der letzten Jahre mit dem Titel "Langlaufen ist ein perfektes Testumfeld, um zu untersuchen, ob Männer wettkampfstärker sind als Frauen."

Verschiedene Prioritäten der Geschlechter

Deaners Forschung verfolgt verschiedenen Argumentationslinien. Beispielsweise zeigte die Marathonstudie ja, dass Frauen sich während eines Rennens prozentual weniger verlangsamten als Männer, was für Deaner darauf hindeutet, dass Männer wahrscheinlich eher bereit sind „wettkampforientierte, riskantere Schritte“ zu wagen. Unter College-Läufern, auch unter denen, die auf höchstem Niveau trainieren, berichten Frauen, ihre Konzentration liege eindeutig weniger auf dem Training als auf dem Studium. Auch die Teilnahme an Altersklassen-Veranstaltungen, bei denen der Fokus verstärkt auf dem Ergebnis liegt, ist deutlich männlich dominiert.

Was verursacht diese Unterschiede? Ein Erklärungsansatz wäre Deaner zufolge, dass „der Geschlechterunterschied in der Wettbewerbsfähigkeit, zumindest teilweise, auf einer angeborenen Veranlagung basiert, die sich als Reaktion auf die verschiedenen Herausforderungen mit denen Männer und Frauen während der Evolutionsgeschichte konfrontiert waren, entwickelt hat.“

Die unterschiedlichen Gene spielen bei der Ermüdung von Mann und Frau eine große Rolle.

Bild: iStockphoto.com / Emilia_Szymanek

Ursachenforschung in den Genen

Aber ist vielleicht auch eine andere Erklärung möglich? Auf einer Konferenz im Mai 2015 referierte Sandra Hunter, Wissenschaftlerin an der Marquette University und zufällig auch eine der Autoren der Marathonstudie, über Geschlechterunterschiede in der körperlichen Ermüdung. Ihr Vortrag konzentrierte sich ausschließlich auf physiologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Sie wies darauf hin, dass jede Körperzelle ein Geschlecht hat, verschlüsselt wie in unseren Chromosomen und diese Unterschiede würden sich im gesamten Körper manifestieren. Männer haben beispielsweise mehr Muskelmasse, größere Herzen, mehr Hämoglobin und weniger Körperfett.

Was für mich überraschend war ist der große Anteil in der Forschung, der darauf hinweist, dass Frauen gewöhnlich weniger schnell ermüden als Männer, wie Hunter letztes Jahr in einer Rezension in der Fachzeitschrift „Acta Physiologica“ dokumentiert hat. Bitten Sie eine Gruppe von Leuten, Muskelkontraktionen bis zu einem gewissen Prozentsatz der Maximalbelastung durchzuführen und diese immer wieder zu wiederholen, werden Sie feststellen, dass es in der Regel die Männer sind, deren Kraft zuerst nachlässt. Natürlich starten Männer kräftemäßig auf einem höheren Anfangsniveau, weil sie stärker sind - dies könnte vielleicht etwas damit zu tun haben.

Das Anforderungsniveau wirkt sich auf die Ermüdung aus

Interessanterweise verändern sich die Unterschiede in der Ermüdbarkeit von Mann und Frau je nach den spezifischen Anforderungen der Aufgabe. Zum Beispiel baten Hunter und ihre Kollegen die Probanden eine Ellbogen-Beugeübung mit 20 Prozent der Maximalbelastung so lange wie möglich auszuführen und währenddessen eine kognitive Aufgabe zu lösen. Wenn es eine einfache Aufgabe war (Rückwärtszählen in Einerschritten), konnten Männer und Frauen die Übung etwa gleich lange durchhalten; wurde es jedoch komplizierter (Rückwärtszählen von einer vierstelligen Zahl in 13er-Schritten) waren die Frauen körperlich schneller ermüdet als die Männer.

Was ist nun das Fazit? Erstens gibt es Unterschiede in der physiologischen Ermüdung zwischen Männern und Frauen. Zweitens sind wir weit davon entfernt, diese Unterschiede zu verstehen. Hunter weist auch darauf hin, die offensichtlichen Unterschiede könnten durch die Tatsache verfälscht sein, da es viel mehr Studien über Männer als Frauen gebe. So könnte unsere Wahrnehmung der geschlechterspezifischen Unterschiede der Wettkampfergebnisse auch durch die geringere Teilnehmerzahlen in vielen weiblichen Altersklassen verzerrt sein.

Das bringt uns zu Deaners Argumenten zurück: Sind diese Teilnehmerraten eine Folge der geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Wettbewerbsfähigkeit oder ein Störfaktor an sich? Dies können wir einfach nicht beantworten. Ich stimme mit Deaner überein, dass sich der Langstreckenlauf als ein interessantes Laboratorium anbietet, um die Unterschiede zwischen Mann und Frau zu studieren, aber ich denke auch, wir müssen darauf achten, alle verschiedenen Faktoren, die die Daten beeinflussen könnten, zu verstehen.