Nordic Walking beim Stuttgart-Lauf

Walk this way!

Redakteur und Hobbyläufer Thorsten Dentges konnte bei Laufevents bisher nicht mit vorzeigbaren Resultaten glänzen. Das sollte sich ändern! Ein Selbstversuch als Nordic Walker.

Thorsten Dentges als Nordic Walker beim Stuttgart-Lauf 2013

Hobbyläufer Thorsten Dentges schreibt als Redakteur für die Zeitschrift MOTORRAD - auf der Laufstrecke lässt er es meist weniger rasant angehen.

Bild: privat

„Willst du etwa tapferen Rentnern die Medaille wegschnappen?“ schimpft meine Frau. Ja, genau, das will ich, und man darf mich einen gemeinen Hund nennen. Oder auch skrupellosen Ehrgeizling. Aber in erster Linie bin ich sportlich und zu einer Wette stehe ich dementsprechend auch wie ein Sportsmann. Diese war: Wetten, ich gewinne wenigstens einmal im Leben einen Laufwettbewerb. Und da meine bisherigen Ergebnisse beim Halbmarathon eher als durchschnittlich, beim Marathon sogar als kläglich zu bewerten sind, blieb nur der Ausweg: Nordic Walking! Das müsste doch für einen fitten Läufer ein reiner Spaziergang werden. Oder etwa nicht?

An der Startlinie zum Stuttgart-Lauf kommen mir erste Zweifel. Rund 400 Teilnehmer nehmen das Sieben-Kilometer-Rennen in Angriff, in erster Reihe haben sich einige Herren um die 50 in luftiger Laufkleidung mit Sponsoraufdrucken positioniert, ihre ausgeprägte Wadenmuskeln lassen erahnen, dass sie nicht nur zum Spaß oder zum Kreislauf-in-den-Schwung-bringen unterwegs sind. Daneben ältere Bergrecken, die vermutlich zweimal wöchentlich die Zugspitze hoch- und runterkraxeln. Eine ultradrahtige jüngere Dame mit schnittiger Sportbrille und Karbonstöcken steht neben mir und zelebriert komplizierte Dehnübungen. Meine Discounter-Stöcke gehören einer Freundin und sind 20 Zentimeter zu kurz, aber hauptsächlich sollen sie mich davon abhalten, unwillkürlich vom Gehschritt in den Trab zu wechseln. Kann einem als Läufer nämlich passieren, wäre aber nicht fair. Es starten auch Geher ohne Stöcke, einige sind offenbar Leichtathleten (Vereinstrikots), nach Olympioniken sehen sie aber zum Glück nicht aus.

Mein Puls liegt unter 100, alles im grünen Bereich, Startschuss in zehn Sekunden, paff, los geht’s. Die geübten Sportgeher ziehen flugs davon, mich interessieren aber nur die Nordic Walker, die sich leicht an ihren klappernden Stöcken ausmachen lassen. Eine Führungsgruppe marschiert augenblicklich ab, mir indes versperren eine Mutter und Teenager-Tochter die freie Bahn. Beim Laufen kann man sich in so einer Situation schnell vorbeimogeln, beim Walken wirken die Stöcke allerdings wie Panzersperren. Es hilft nichts, nun heißt das Manöver: weit ausscheren, die Ideallinie verlassen und am äußersten Straßenrand Fahrt aufnehmen. Endlich kommt die lange, breite Gerade nach Untertürkheim, die ersten Walker stöckeln – immerhin noch in Sichtweite – auf Kilometer zwei zu, einer aus der Führungsgruppe ist zurückgefallen. Ich sauge mich Meter für Meter heran, aber es fühlt sich an wie Sprinten im Tiefsand. Und ist genauso anstrengend – Hilfe, die Pulsuhr zeigt schon 170 an, kann ja gar nicht sein, ich gehe doch nur und laufe nicht!

Stuttgart-Lauf 2013 - Bilder

Bei Kilometer vier erreiche ich den Windschatten des Konkurrenten, was natürlich bei einer Geschwindigkeit von unter 10 km/h recht wurscht ist. Aber es spornt an, und ich kann noch einen Tacken zulegen. Unglaublich, der Puls steigt auf 180, nun kocht Rennfieber auf, jetzt lockt das Spitzenfeld! Ich will joggen, will laufen, will rennen, um aufzuholen, doch um wirklich den Gehschritt beizubehalten, bedarf es großer Konzentration. Und schneller geht einfach nicht, verdammt. Ein Mann mit Bosch-Sponsorshirt liegt 100 Meter vor mir, Kilometer fünf, leichte Steigung. Ich mobilisiere alle Kräfte, pushe was geht, und nun: Zentimeterweise krieche ich heran, bin nach einer Kurve Kopf an Kopf, schweres Schnaufen meinerseits, Puls nun bei 190, also 95 Prozent meiner HFmax, plötzlich gewinnt der andere wieder an Boden, gibt’s doch nicht, jetzt dran bleiben!

Geschafft! Thorsten Dentges präsentiert nach seinem ersten Nordic-Walking-Wettbewerb beim Stuttgart-Lauf stolz seine Medaille

Bild: privat

Geschafft! Läufer Thorsten Dentges präsentiert nach seinem ersten Nordic-Walking-Wettbewerb beim Stuttgart-Lauf stolz Medaille und Walking-Stöcke.

Die Beine schmerzen wie auf einer Folterbank, doch ein Schild zeigt den letzten Kilometer an, also: Gaaaas! Jetzt rollt es mit zweiter Luft, ich schließe auf versprengte Läufer auf, die zehn Minuten vor den Walkern gestartet sind und lasse den Bosch-Mann und weitere Wettbewerber hinter mir. Den Führenden packe ich nicht mehr, so viel ist klar, aber jetzt geht es zum Zieleinlauf ins Stadion. Kurzer Blick auf die Pulsuhr: 200, kurz vor Ende Gelände! Nach 47:58 min walke ich durchs Ziel, alles dreht sich, alles tut weh. Von wegen dröger Reha-Sport. Ich gratuliere dem Nordic-Walking-Sieger, mir wiederum schüttelt kurz darauf mein vorheriger Renngegner, der Bosch-Mann, die Hand. Man kennt sich offenbar untereinander und als Neuling wird man herzlich aufgenommen.

Immer noch außer Atem ziehe ich Resümee. Erstens: Okay, wieder nicht gewonnen, aber dafür alle meine Vorbehalte als Läufer gegenüber Nordic Walken verloren. Zweitens frage ich mich, warum eigentlich nicht mehr Läufer den Eigenversuch wagen und mal Stöcke in die Hand nehmen. Denn drittens: Es lohnt sich – mir tun jetzt schon Muskeln weh, von denen ich zuvor nicht mal erahnt habe, dass es sie überhaupt gibt. Maximal mögliche Belastung für den nächsten Tag: ruhiges Spazierengehen. Aber diesmal wirklich.

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