Richtiger Umgang mit Schmerztabletten

Schmerzmittel beim Laufen

Wenn es zwickt und sticht, greifen Läufer oft zu Schmerzmitteln – unkontrollierte Einnahme kann aber gefährlich werden.

Schmerzmittel beim Laufen

Die Gefahr durch Schmerzmittel wird von Läufern oft unterschätzt.

Bild: Dr. Klaus-Uwe Gerhardt / pixelio.de

Stephanie Ehret hatte es geschafft: Das 24-Stunden-Rennen finishte sie als Siegerin in Rekordzeit. Doch nach Feiern war ihr anschließend überhaupt nicht zumute. Stattdessen musste sie sich mehrfach übergeben, bekam Fieber und wurde schließlich als Notfall in eine nahe gelegene Klinik eingeliefert. „Ich habe mich noch nie so miserabel gefühlt“, sagt die Ultra­läuferin. „Ich dachte wirklich, ich müsste sterben.“

Gefahr für die Nieren
Was war passiert? Die zwölf Ibuprofen-Tabletten, die Stephanie vor und während des Wettkampfs nahm, hatten ihre Nieren in akute Gefahr gebracht. Die Organe stehen durch die ständigen Erschütterungen beim Laufen und den mit zunehmender Belastungsdauer wachsenden Flüssigkeits- und Salzverlust ohnehin schon unter Stress. So können Mikroblutungen entstehen, die sich durch einen bräunlich-roten Urin bemerkbar machen. Bei Stephanie stellten die Ärzte zudem eine Rhabdomyolyse fest. Symptome: Überlastete Muskeln zerfallen, Muskel-Eiweiß gelangt ins Blut und verstopft schließlich die Nierenkanälchen. Davor schützen normalerweise Prostaglandine – Hormone, die den Blutfluss in der Niere erhöhen und zur besseren Ausscheidung der Schadstoffe führen. Genau diese Hormone werden allerdings durch nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen gehemmt.

Verbreiteter Missbrauch
Stephanie Ehret ist beileibe kein Einzelfall. Ein weiteres prominentes Beispiel aus jüngster Vergangenheit ist Ivan Klasnic. Der 29-jährige Fußballprofi, bis 2008 Stürmer von Werder Bremen, hat aufgrund eines Nierenversagens bereits die zweite Transplantation hinter sich – und kritisiert nun die behandelnden Ärzte, die ihm trotz ein­geschränkter Nierenfunktion über Jahre vor den Spielen nierenschädliche Schmerzmittel verabreicht hätten. Dass dies im Profisport mittlerweile üblich ist, bestätigt auch der ehemalige Zehnkämpfer Frank Busemann: „Ich habe die Dinger früher eingeworfen wie Bonbons.“ Ein Medikamentenmissbrauch, der auch im Breitensport längst zum Alltag gehört: Beim Jungfrau-Marathon hatte mehr als jeder Dritte vor dem Startschuss eine Schmerztablette intus, beim Boston-Marathon sogar mehr als jeder Zweite.

Eine Zumutung für den Magen
„Läufer schlucken Pillen vor dem Rennen, weil sie denken, dass sie dadurch ihre Schmerzschwelle während des Laufs anheben und ihre Beschwerden nach der Belastung lindern können“, sagt Professor Kay Brune, Direktor des Pharmakologischen Insti­tuts der Universität Erlangen. „Die potenzi­el­len positiven Effekte einer NSAR-Einnahme vor oder während eines Rennens stehen aber in keinem Verhältnis zu den negativen.“ Neben Nierenschädigungen schlagen NSAR wie Acetylsalicylsäure, Diclofenac und Ibuprofen vor allem auf den Magen-Darm-Trakt. Dieser wird während sportlicher Betätigung unterversorgt, da das Blut und der Sauerstoff in den Muskeln benötigt werden. Kommen dann noch Schmerzmittel hinzu, die das Enzym Cyclooxygenase hemmen und damit die Produktion schleimhautschützender Hor­mone, können Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Blutungen oder Krämpfe die Folge sein.

Lebensbedrohliche Störungen
Und es kommt noch schlimmer: Da die Cyclooxygenase auch das Herz schützt, können NSAR sogar Herzprobleme verur­sachen. Schmerzmittel erhöhen außerdem den Blutdruck, der ja bei Belastung ohnehin schon ansteigt. Dadurch kann der Druck in den Gefäßen vor allem bei Bluthochdruckpatienten so sehr in die Höhe schießen, dass ein Herzinfarkt oder Hirnschlag entsteht. Nehmen Läufer NSAR während eines Marathons oder Ultralaufs, scheint auch das Risiko für eine Hyponatriämie zu steigen. Durch diese Elektrolytentgleisung kann das Gehirn anschwellen und ein akut lebensbedrohlicher Zustand entstehen. Deshalb ist es wichtig, während eines Marathons genügend kochsalzhaltige Getränke zu sich zu nehmen.

Nur bei akuten Schmerzen
Professor Brune will Schmerzmittel keineswegs pauschal verteufeln, „da sie – richtig angewendet – sicher hilfreich sind. Gerade Sportler sollten aber die Nebenwirkungen sowohl kurzfristiger hoher Dosen als auch niedriger Dosierungen über einen längeren Zeitraum nicht unterschätzen. Denn Schmerzmittel sind keine Vitamine!“ Sich vor möglicherweise beim Sport auftretenden Schmerzen durch eine zuvor eingeworfene Tablette schützen zu wollen sei definitiv der falsche Weg. „Diese Einstellung muss raus aus den Köpfen!“ Wer nach einem intensiven Wettkampf nicht auf Schmerzmittel verzichten kann, dem ist eine einmalige Dosis von 400 Milligramm Ibuprofen oder 25 Milligramm Diclofenac nach der Belastung zu empfehlen – vorausgesetzt man ist nierengesund, leidet nicht unter Bluthochdruck und hat genügend Wasser und Salz zugeführt.

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