Alex Hutchinsons Lauflabor

Schadet exzessives Laufen wirklich?

Medien haben berichtet: Exzessives Joggen soll angeblich ungesund sein. Alex Hutchinson hat sich im Lauflabor die Studie mal genauer angeguckt und einige Ungereimtheiten entdeckt.

Lauflabor

Ist exzessives Laufen schädlich?

Bild: iStockphoto.com/Maridav

Meine Güte, ist es schon Februar? Dann ist es bereits einige Monate her, seitdem die letzten Artikel davor warnten, dass zu viel Laufen tödlich sein kann. Also wurde es mal wieder Zeit für eine weitere Veröffentlichung zu diesem Thema. Doch, hoppla - es gibt keine neuen Studien, die man veröffentlichen könnte? Kein Problem, veröffentlichen wir einfach die gleichen Daten noch einmal. Die Medien machen sich ja sowieso nie die Mühe, die Angaben zu überprüfen und berichten immer, als wären die Meldungen brandneu.

Ist Laufen so gesund wie auf der Couch sitzen?

Einer jener „neuen“ Artikel wurde im Journal of the American College of Cardiology veröffentlicht. Er analysiert die Daten der Copenhagen City Heart Study. Bezeichnenderweise lautete die Überschrift eines Zeitungsartikels dazu: "Schnelles Laufen ist genauso tödlich wie auf der Couch zu sitzen, meinen Wissenschaftler". Exakt die gleichen Daten wurden bereits 2012 im American Journal of Epidemiology veröffentlicht. Schon damals waren es die gleichen Autoren, allerdings noch in Zusammenarbeit mit James O'Keefe. Einem Autor, der so ziemlich an jeder "Laufen-tötet-dich"-Studie beteiligt war.

Neue Kategorie in der Studie

So weit ich das beurteilen kann, ist die einzige neue Sache in der Studie (neben der Tatsache, dass noch ein paar mehr Menschen gestorben sind), dass neben der Anzahl der Trainingsstunden und -tage pro Woche und den individuellen Tempoangaben eine vierte Kategorie untersucht wurde, in der die Kombination der drei anderen Kategorien mit "leicht", "moderat" oder "anstrengend bzw. exzessiv" eingestuft wurde. Also, was sagen uns die Zahlen? Wenn Sie Interesse an einem umfassenden Überblick über den aktuellen Forschungsstand hinsichtlich der potentiellen Gefahren für das Herz durch Übertraining haben, empfehle ich Ihnen einen Blick in einen meiner Beiträge aus dem letzten Jahr zu werfen, der die Kopenhagener Herz-Daten ausführlich diskutierte.

Keine signifikante Reduzierung der Sterblichkeit

Zunächst einmal möchte ich betonen, dass es sich lohnt, der Studie Aufmerksamkeit zu schenken, und dass wir die Ergebnisse ernst nehmen sollten, sobald die Daten die Grenze zur statistischen Signifikanz erreichen. Allerdings bewegen sie sich hier nicht einmal in der Nähe dieser Schwelle. Das Hauptproblem der Untersuchung bestand darin, dass der Stichprobenumfang in den Gruppen mit weniger Bewegung größer war, was dazu führte, dass sie eine statistisch signifikante Reduzierung der Sterblichkeitsrate aufweisen konnten, während er in den Gruppen mit "mehr Bewegung" sehr gering war. Das bedeutet, dass bei diesen keine statistisch signifikante Reduzierung der Mortalität zu erkennen war. Dies ermöglichte es den Autoren, die unzutreffende Aussage zu machen, dass "sich die Sterblichkeitsrate der vieltrainierenden Läufer nicht statistisch signifikant von der Mortalität der Gruppe ohne Bewegung unterscheidet" – eine von vornherein unausweichliche Schlussfolgerung, da sie auf einem Stichprobenumfang von weniger als einem Zehntel basierte.

Der Blick auf die Zahlen

Die einfachste und objektivste Art und Weise, diesen Punkt deutlich zu machen, ist die Betrachtung der bloßen Daten. Im Folgenden wird die Teilnehmeranzahl in jeder Gruppe zusammen mit der Anzahl derer, die während des Beobachtungszeitraums gestorben sind (aufgrund jeder Ursache) in den drei ersten Kategorien dargstellt:

TRAININGSHÄUFIGKEIT
• kein Training: 413/128
• < 1 Stunde pro Woche: 640/20
• 1 - 2,4 Stunden: 286/4
• 2,5 - 4 Stunden: 122/3
• > 4 Stunden: 50/1

TRAININGSREGELMÄSSIGKEIT
• kein Training: 413/128
• < 1 Mal pro Woche: 323/5
• 2 - 3 Mal: 474/7
• > 3 Mal: 84/5

TRAININGSTEMPO
• kein Training: 413/128
• langsames Tempo: 178/7
• moderates Tempo: 704/15
• schnelles Tempo: 201/6

Jetzt können Sie versuchen, in diesen Zahlen ein Grundmuster zu entdecken. Steigt Ihr Sterblichkeitsrisiko wirklich, wenn Sie mehr als 2,5 Stunden pro Woche laufen, aber sinkt dann wieder, wenn Sie mehr als vier Stunden trainieren? Natürlich nicht. Das sind keine echten Muster, weil wir über ein, zwei, drei, oder höchstens fünf bis sechs Todesfälle reden. Egal, wie interessant oder wichtig diese Frage ist,- man kann diese Zahlen nicht genug drehen und wenden, um die Antwort zu finden. Denn sie ist einfach nicht zu finden.

Und wie steht's mit der vierten Kategorie der "leicht", "moderat" oder "exzessiv" trainierenden Läufer? Hier einmal einen Blick auf diese Zahlen:

• kein Training: 413/128
• leichtes Training: 576/7
• moderates Training: 262/8
• exzessives Training: 40/2

Ja, die Schlussfolgerung der Studie (dass "exzessives" Laufen so schlecht wie überhaupt nicht Laufen sei) basiert auf zwei Todesfällen innerhalb von mehr als einem nachfolgenden Jahrzehnt (Gott sei Dank ist nicht noch ein dritter Läufer gestorben, sonst würden die Gesundheitsbehörden das Joggen womöglich ganz verbieten).

Unklare Faktenlage

Natürlich sind die statistischen Herausforderungen in Wirklichkeit noch viel komplizierter als hier gezeigt. Zum Beispiel hatte die nicht-laufende Kontrollgruppe ein durchschnittliches Alter von 61,3 Jahren, während das durchschnittliche Alter der verschiedenen Laufgruppen in den späten 30er und 40ern lag. So beruhte der Vergleich der Sterblichkeitsrate auf einer unzureichenden statistischen Ausgangslage. Es ist ebenso anzumerken, dass 31 Prozent der nichtlaufenden Teilnehmer während eines Jahrzehnts oder direkt anschließend verstarben - im Vergleich zu 5 Prozent bei den exzessiv Laufenden, die zu Beginn der Studie ein durchschnittliches Alter von gerade mal 37 Jahren hatten. Die Forscher behaupten, dies bedeute, dass das "Gefahrenverhältnis" in etwa das gleiche ist. Aber diese Behauptung zieht eine ganze Menge Spekulationen nach sich, warum Menschen in ihren 30er und 40er Jahren oder erst in ihren 60er und 70er Jahren sterben. Natürlich ist es mit nur zwei Todesfällen in der exzessiv-trainierenden Gruppe unmöglich, eine Unteranalyse der verschiedenen Todesursachen durchzuführen. Starben die Läufer an einer Herzerkrankung, was die Studie nahelegt, oder starben sie durch einen Autounfall oder womöglich eine Krebserkrankung? Wir wissen es nicht.

Zu wenige konstante Vergleichspunkte für eindeutige Erkenntnisse

Ein ähnliches Problem zeigt sich auch bei der Geschlechterverteilung: 43,1 Prozent der nicht-laufenden Gruppe und 49,1 Prozent der leicht Trainierenden, aber 80,0 Prozent der exzessiv Trainierenden waren männlich. Auch hier handelt es sich nicht um einen Vergleich von Äpfeln mit Äpfeln, zumal sich die Gruppen ja auch noch in anderen Aspekten drastisch unterscheiden.

Im Ernst, diese Daten an sich noch einmal zu publizieren, war legitim. Doch dieselben Daten ein zweites Mal zu veröffentlichen und dabei verstärkt die Behauptung über eine "u-förmige" Kurve der Sterblichkeitsrate aufzustellen, die auf zwei (ZWEI!!!) Todesfällen beruht, ist ... na ja, Sie können sich ja Ihr eigenes Bild machen. Die Daten stehen direkt vor Ihnen.

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