Laufen ohne Alles

Nackt laufen

Was zieht man bei großer Hitze zum Laufen an? Manche Läufer kennen eine verblüffend einfache Lösung: Nichts! Doch ist nackt laufen eine Alternative?

Schon Läufer im antiken Griechenland liefen nackt.

Bild: Dieter Schütz / pixelio.de

Wer an einem Volkslauf teilnimmt, freut sich in der Regel über Fans, die anfeuern, trommeln und den Läufern bewundernde Blicke zuwerfen. Die Teilnehmer, die für den 12-Stunden-Lauf am See Zieselsmaar in Kerpen gemeldet waren, hatten fürs Publikum allerdings nicht viel übrig – außer die Zuschauer waren genauso bekleidet wie sie: gar nicht. Denn der Lauf, der seit 2010 jeweils im späten Frühjahr stattfindet, ist ein sogenannter Naturistenlauf. Die Teilnehmer liefen nackt.

In seiner Ausschreibung war der Verzicht auf Kleidung als Teilnahmevoraussetzung festgelegt. Der Naturistenlauf am Strand von Sopelana in Spanien, der Nacktlauf auf dem Roskilde-Festival in Dänemark, das Bare-to-Breakers-Treffen in San Francisco: Überall auf der Welt finden im Sommer Nacktläufe statt, zum Teil schon seit vielen Jahren. Anstoß erregt die organisierte Freikörperkultur beim Nackt-Laufen in der Bevölkerung kaum.

Aber was passiert, wenn passionierte Nacktläufer auch bei Trainingsläufen außerhalb abgesteckter Routen die Tights fallen lassen und nackt laufen? „Das stört höchstens eine verklemmte Minderheit“, meint Peter Niehenke, Sexu­al­therapeut, Astrologe und Deutschlands berühmtester Nacktjogger. Vor einigen Jahren lief er beinahe täglich nackt durch Städte, Wiesen – und durch die deutsche Medienlandschaft. Sein Anliegen: Nacktheit ist ein Bürgerrecht. Wer nackt laufen, Rad fahren oder snowboarden will, sollte dies tun dürfen. Unbehelligt und frei.

Doch trotz der von ihm beschworenen allgemeinen Akzeptanz erwies sich Niehen­kes Leidenschaft als ein Hobby für Besserverdiener. In seiner Heimatstadt Freiburg musste der kälte- und kritikresistente „Bürgerrechtler“ insgesamt mehrere Tausend Euro Ordnungsgeld begleichen. Die Boulevardpresse nannte Niehenke bald den „Nacktläufer von Freiburg“. Das klingt ein wenig wie „Der Kalif von Köln“ oder „Der Kannibale von Rotenburg“, in jedem Fall gefährlich und kriminell. Doch diese Fährte ist falsch. Ein Gesetz, das Nacktsein in der Öffentlichkeit verbietet, gibt es nicht.

Man könnte glauben, dass Niehenkes Überzeugung kaum Anhänger hat. Doch in vielen Bekleideten steckt ein heimlicher Nudist. Den medienwirksamen Konfrontationskurs, wenn man beispielsweise nackt Joggen geht, mögen allerdings die wenigsten. Auch Horst Kehm, Mitinitator der Internetseite www.nacktjoggen.de und Teilnehmer an regelmäßigen Nacktlauftreffs, steht solchen Provokationen skeptisch gegen­über. „Wir wollen uns niemandem aufdrängen. Akzeptanz erreicht man eher nach und nach als mit der Hauruck-Methode.“

Wie Horst bevorzugen immer mehr Naturisten den sanften Kampf gegen Vorurteile, gegen die Einordnung in die Schmuddelecke und den Vorwurf, sich auf Kosten anderer exhibitionieren zu wollen. Nacktläufer verweisen gern auf ihren Urvater im antiken Griechenland: Seit den 15. Olympischen Spielen 720 v. Chr. gilt Orsippos von Megaron als erster Nacktläufer. Es hieß, sein Verzicht auf den damals noch üblichen Lendenschurz habe ihm zum Sieg verholfen, und so taten es ihm in der Antike bald viele Sportler gleich und liefen ebenfalls nackt. Aber wofür das Ganze heute? Warum muss man im Zeitalter federleichter Hightech-Textilien beim Sport unbedingt nackt laufen?

Warum treffen sich Menschen zum Nacktjoggen, Nacktradeln, Nacktreiten oder Nacktgolfen? Die erste Antwort, die Naturisten auf der ganzen Welt geben, lautet: wegen der Freiheit. Wenn nichts einengt, die Luft ungehindert den Körper umströmt, sprechen Nacktläufer vom „Einssein mit der Natur“, von „Leichtigkeit“ und „intensivem Körpergefühl“. Gelegentlich werden auch religiöse Motive angeführt. Man akzeptiert sich eben so, wie Gott einen schuf.

Klaus Hartmann, FKK-Anhänger und wie Horst ein Vertreter der „sanften Konfrontation“, hat obendrein ganz praktische Argumente. Nach seiner Erfahrung funktioniert beim Nacktlaufen der natürliche Temperaturausgleich über die Haut viel besser als mit Kleidung. Kai Marquardt, Geschäftsführer des Sportartikelherstellers Rono Innovations, hält das für eine Illusion. „Funktionelle Sporttextilien leiten den Schweiß vom Körper weg. Sie kleben nicht auf der Haut und können sogar für Kühlung sorgen. Somit temperieren sie den Körper optimal. Vom Schweiß klebrig gewordene Haut reibt sich außerdem schneller wund.“ Nacktläufer berichten in der Tat von unangenehmen Scheuerstellen. Damit unterscheiden sie sich nicht unbedingt von angezogenen Läufern. Wunde Brustwarzen kennen Nacktjogger allerdings nicht.

Die Witterung setzt dem Naturerlebnis zweifelsohne Grenzen. „Bei 13 Grad und Wind ist Schluss“, bedauert Horst. Frauen brauchen beim Nacktlaufen ein besonders dickes Fell – der Verzicht auf einen Sport-BH wird leicht zu einer überaus öffentlichkeitswirksamen Erfahrung. Organisatoren von Nackt-Volksläufen haben deshalb ein Einsehen: Sie erlauben neben Socken, Schuhen und einer Kappe in der Regel auch ein Bustier. Textilverweigerer sprechen von einer verbesserten Leistungsfähigkeit – doch um Bestzeiten geht es den Nacktläufern bei diesen Fun Runs kaum.