Problemlos möglich

Marathon mit Diabetes

Die Krankheit macht einen Marathon zwar komplizierter, aber keineswegs unmöglich. So kommen Sie sicher ins Ziel.

Anne Fabian-Werner aus Soest ist 33 Jahre alt und läuft seit 2005. Im Frühjahr 2007 hat sie ihren ersten Marathon bewältigt – mit einer tollen Zeit von knapp unter 3:45 Stunden. Das Besondere daran: Mit neun Jahren wurde bei Anne ein Typ-1-Diabetes festgestellt, Blutzuckermessen und Spritzen sind für sie längst Routine.

Wenn sie mit ihrer Laufgruppe auf der Bahn Intervalle rennt, merkt man kaum, dass sie Diabetikerin ist – im Gegenteil, sie läuft den meisten Vereinskollegen davon. Einzig an ihrem kleinen Notfall-Pack, das sie immer dabei hat, erkennt man, dass sie ihr Training besser organisieren muss als ihre Mitläufer. In die kleine Gürteltasche packt sie Energieriegel und Traubenzucker, ihr Blutzuckermessegerät und Jubin – eine Zuckerlösung, die bei Unterzuckerung verwendet wird und noch schneller wirkt als Traubenzucker.

Etwa 550 000 Menschen in Deutschland haben wie Anne einen Typ-1-Diabetes, der meist in der Kindheit oder Jugend auftritt. Anders als beim früher oft Altersdiabetes genannten Typ-2-Diabetes (siehe Kasten) produziert der Körper eines Typ-1-Diabetikers kein Insulin. Durch eine Entzündungsreaktion zerstört das Immunsystem die Insulin produzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse. Folge: Der Blutzuckerhaushalt gerät durcheinander.

Anne Fabian-Werner bei der Zuckerkontrolle während des Trainings.

Bild: Markus Schlüter-Isenbeck

Ein gesunder Körper baut Kohlenhydrate aus der Nahrung zu Glukose (Traubenzucker) ab und verteilt diese über das Blut im ganzen Körper. Gleichzeitig produziert auch die Leber Glukose. Das Hormon Insulin sorgt nun dafür, dass diese in den Muskeln als Energievorrat gespeichert und die Zuckerbildung in der Leber gehemmt wird. Nach dem Essen etwa steigt der Blutzuckerspiegel an. Daraufhin wird von der Bauchspeicheldrüse Insulin ins Blut abgegeben, damit der Zuckerspiegel sinkt. Um diesen Prozess nachzuahmen, spritzen Diabetiker Insulin, meist eine Kombination aus solchem, das über den gesamten Tag wirkt, und schnell wirksamem Insulin zu den Mahlzeiten.

Da beim Sport hingegen der Blutzuckerspiegel sinkt, muss das Training bei der Berechnung der Insulinmenge berücksichtigt werden. Bevor Anne Fabian-Werner laufen geht, muss sie sich also überlegen, wie lange und wie intensiv sie trainieren will und ob die Einheit vormittags oder abends stattfindet. Sie spritzt dann vorher weniger Insulin und nimmt mehr Kohlenhydrate auf als gewöhnlich, um eine Unterzuckerung zu vermeiden. Ein Diabetologe, der selbst läuft, half ihr bei der richtigen Einstellung. Sie muss zwar dreimal täglich spritzen, kann dadurch aber flexibel auf ihre Trainingsanforderungen reagieren. Vielleicht ist die gute Organisation ein Grund dafür, dass sie – wie andere Diabetiker auch – im Training und in der Vorbereitung auf Wettkämpfe disziplinierter ist als viele gesunde Läufer.


UNTERZUCKERUNG VERMEIDEN
Die besonders gute Vorbereitung von Diabetikern auf Langstreckenläufe hat auch Ulrike Thurm, Vorsitzende der International Diabetic Athletes Association Deutschland beobachtet. Die Diplomsportlehrerin und Diabetesberaterin betreute von 2002 bis 2006 diabetische Sportler beim Berlin-Marathon und in der Vorbereitung darauf.

Während des Wettkampfs waren medizinische Helfer mit Blutzuckermessgeräten, Not-BE (BE = Broteinheit: Kohlenhydrate zur Vermeidung oder Versorgung einer Unterzuckerung) und Acetonteststreifen auf Fahrrädern entlang der Strecke unterwegs, um jederzeit Hilfe leisten zu können. Zusätzlich gab es spezielle Diabetes-Versorgungspunkte im Start- und Zielbereich sowie auf der Strecke. Dort hatten Diabetiker die Möglichkeit, ihren Blutzucker zu messen, sich mit Glukose-Gel, Energieriegeln und Cola zu versorgen oder Insulin, Spritzen und Acetonteststreifen zu erhalten.

„Etwa 50 Diabetiker haben jeweils von unserem Angebot Gebrauch gemacht“, sagt Ulrike Thurm. Die paar Sekunden, die zum Testen erforderlich sind, nehmen Diabetiker gern in Kauf, denn nur so kann eine gefährliche Unterzuckerung vermieden werden. Denn wenn die erst mal eintritt, muss das Training oder Rennen in der Regel abgebrochen werden, um schnellstmöglich Kohlenhydrate zuzuführen.

Normalerweise soll der Blutzuckerspiegel zwischen 80 und 120 mg/dl liegen. Um eine Unterzuckerung zu vermeiden, sollte er direkt vor dem Lauf deutlich erhöht sein, möglichst über 180 mg/dl und vor einem Marathon sogar noch höher. Zudem sollte immer ein Notfallpack mit schnell wirkenden Kohlenhydraten mitgeführt werden und bei längeren Läufen zusätzlich Trinkflaschen mit einer kohlenhydrathaltigen Flüssigkeit, ein Messgerät mit Messstreifen und Energieriegel. Für Sportler eignen sich Geräte besonders gut, mit denen man gleichzeitig den Blutzucker messen und einen Acetontest (siehe Kasten) durchführen kann.

Wenn man all dies beachtet, kann man sich auch als Diabetiker jeden Ausdauertraum erfüllen. Anne Fabian-Werner etwa möchte eines Tages unbedingt an einem Ironman teilnehmen.

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