Interview

Laufen gibt der Seele ein Gefühl der Verlässlichkeit

Die Laufbewegungen erzeugen einen Rhythmus, der dem Läufer neue Freiräume schafft.

Trotz dieser unterschiedlichen Wirkun­gen, so das Ergebnis Ihrer Untersuchun­gen, erlebt jeder beim Laufen mehr oder weniger das Gleiche – vom gestressten Manager bis zum unterforderten Depressiven. Wie passt das zusammen?
Das hängt mit der Wirkung von Bewegungsformen in uns zusammen. So wie beim Fußball alle das Gleiche erleben, produziert auch das Laufen gleiche Stimmungslagen. Natürlich andere als Fußball oder Tiefschneefahren. Um zu verstehen, wie Laufen Stimmungen produziert, muss man sich die Mechanik der Bewegung genau anschauen.

Und was sieht man da?
Die Mechanik des Laufens besteht darin, dass eine immer gleiche Bewegung gemacht wird – darüber kann ein Rhythmus ent­stehen. Das Schöne am Rhythmus ist, dass sich für unser Seelenleben eine Art von Verlässlichkeit einstellt: Ich kann mich beim Laufen auf die Abfolge der Schritte absolut verlassen. Dadurch öffnet sich eine Art Freiraum. Der Läufer muss nicht mehr über­legen, was er tut. Die Gedanken kommen von selbst, fliegen ihm quasi zu. Dadurch kann Unerledigtes aus dem Alltag, aber auch länger Zurückliegendes ins Bewusstsein gespült werden. Das ist zunächst kein aktives Nachdenken, sondern ein passives „Es denkt mich nach“.

Also ähnlich einem Traum?
Ja, das kann man mit einem Tagtraum vergleichen: Wir träumen, aber wir sind zugleich wach. Dieses passive Erfahren im aktiven Tun ist das Spezifische am Laufen, das kein anderer Sport so bieten kann. Beim Fahrradfahren ist man durch Verkehrs­situationen viel zu stark abgelenkt, beim Gehen oder Walken ist die Erdhaftung zu stark, man kommt nicht so leicht in einen Schwebezustand.

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