Stresstherapie

Laufen gegen Stress

Kaum eine Therapie hilft so gut gegen Stress wie das Laufen. Wir verraten Ihnen, warum das so ist.

Laufen am Meer

Beim Laufen kann man abschalten und neue Energie tanken.

Bild: sarotti / aboutpixel.de

SCHRITT FÜR SCHRITT LÄUFT SIE DEM STRESS DAVON – dem Dämon, der ihr ganz langsam die Kehle zudrücken wollte. Zweimal pro Woche ist sie draußen eine halbe Stunde unterwegs, wenn es die Zeit zulässt auch dreimal. Andrea Bauder ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutin. Und jetzt braucht sie selbst eine Therapie: Neben der großen Belastung als Oberärztin in der Klinik fühlte sie sich durch das Aufgeben des Rauchens gestresst: „Ich habe festgestellt, dass ich durch das Laufen meine Suchtanfälle bekämpfen kann“, erklärt die 48-jährige Bayerin. Mehr noch: „Laufen bedeutet für mich auch Spannungsabfuhr. Die ganze Spannung, die sich im Laufe eines Arbeitstages aufbaut, kann dadurch wieder abfließen, und ich fühle mich weit weniger gestresst. Ich komme wieder mehr zu mir, kann mich besser ordnen.“ Ehrgeizige Ziele verfolgt die Fachärztin mit dem Laufen nicht: „Ich muss nicht an einem Marathon teilnehmen. Ich genieße es, mir nach einem weitgehend fremdbestimmten Arbeitstag mein Tempo selbst vorgeben zu können, endlich mein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Und mein Ziel zu verfolgen, mit dem Laufen zu mir selbst achtsamer zu sein.“

Dem Stress davonlaufen wollen heute immer mehr Menschen, gerade solche in verantwortungsvollen Positionen. Zum Beispiel Florian Langenscheidt, Gesellschafter der Langenscheidt-Verlagsgruppe (Langenscheidt, Brockhaus, Duden etc.), der als Experte für Medien und Zukunftsvisionen weltweit gefragt ist. Zeit für sich selbst ist bei ihm Mangelware. Vor sieben Jahren hat er das Laufen für sich entdeckt. Beim Einstieg halfen lauferfahrene befreundete Manager und Medienleute sowie ein Fitnesstrainer, der vor allem auf das richtige, nicht zu schnelle Tempo achtete. „Heute“, sagt der 52-Jährige, „kann ich mir ein Leben ohne Laufen nicht mehr vorstellen. Einerseits wegen der körperlichen Auswirkungen wie Fitness, Beweglichkeit, Schlanksein. Andererseits wegen der geistigkreativen Konsequenzen.“ Er merke, wie sein Denken klarer und schneller werde und kreative Ideen leichter kämen.

Warum das so ist, erklärt sich Langenscheidt, Vorstandsvorsitzender von Children for a Better World und Kuratoriumsmitglied vieler Organisationen, wie folgt: „Beim Laufen im aeroben Bereich werden unter anderem auch kleine Fettzellen im Hirn verbrannt. Die blockieren den Fluss zwischen den Synapsen.“ Dreimal pro Woche wird rund eine Stunde lang gelaufen – egal ob in Schanghai, New York oder München. „Ich liebe es, die Jahreszeiten so zu erleben.“ Den Speed gestaltet er nach dem Lustprinzip, denn für ihn gilt das Motto: Der Weg ist das Ziel. Daher brauche er auch keine Volksläufe oder Marathons. Langenscheidt: „Ich hole mir meine Kicks durch Leistung im Beruf und nicht beim Laufen!“

Die neue Volkskrankheit

Gerade da hakt es heute bei vielen: Anstatt positive Kicks zu erleben, empfinden immer mehr Menschen ihre Arbeit, ihren Alltag, ihr Leben als Belastung. Erschöpft und überfordert, ausgebrannt und bewegungsunfähig – jeden kann es treffen, egal ob Schichtarbeiter, Manager, engagierte Hausfrauen oder Mütter. Die Folgen sind fatal: Derzeit stehen die psychischen Erkrankungen endogener Art – dazu gehören Depressionen, Burnout bis hin zu Störungen des Immunsystems und starker Müdigkeit (Chronic Fatigue Syndrome) – an erster Stelle aller Erkrankungen. Weit vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes. Die neue Volkskrankheit Nummer eins, die auch die meisten krankheitsbedingten Ausfälle im Arbeitsbereich verursacht, kostet die Volkswirtschaft horrende Summen.

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Entlastung durch richtige Belastung