Gesünder kleben

Kinesiotaping

Immer häufiger sieht man Läufer mit bunten Klebestreifen an Knien und Wade. Was bringt Kinesio-Taping?

Gesund kleben durch Taping

Richtiges Tapen kann den Heilungsprozess fördern.

Bild: Marcos Chin

Kennen Sie Alfred Nijhaus? Ausgerechnet diesem niederländischen Fußballspieler verdanken wir, dass Kinesio-Taping in Deutschland und Europa überhaupt bekannt ist. Nach Stationen unter anderem beim MSV Duisburg und Borussia Dortmund spielte Nijhaus zu seinem Karriereende in Japan und wurde dort 1996 mit Tapes behandelt. Er war so begeistert davon, dass er die Methode mit in die Niederlande und später auch zu Borussia Dortmund brachte.

Was aber ist Kinesio-Taping überhaupt? Kinesio geht auf das griechische Wort „kinesis“, Bewegung, zurück, Taping kommt vom englischen Begriff „tape“ und bedeutet Band beziehungsweise Klebeband. Zusammen­genommen steht der Name Kinesio-Taping für eine schnelle, kostengünstige und effektive Therapieform, die schon vielen Läufern wieder auf die Beine geholfen hat.

Die Grundform des Taping wurde von dem japanischen Chiropraktiker und Kinesiologen Kenzo Kase bereits Anfang der Siebzigerjahre entwickelt. Während bis dato beim Taping ausschließlich starre und damit rein stützende beziehungsweise stabilisierende Bänder eingesetzt wurden, legte Kase elastische Tapes an. Durch die spezifische Art des Anlegens auf die Haut und die besondere Anordnung erzielte er eine stimulierende Wirkung auf Muskelpartien, Gelenke sowie das Lymph- und Nervensystem. Kase orientiert sich dabei an anatomischen Gegebenheiten wie dem Verlauf von Muskeln und Nerven. Das Tape wird mit unterschiedlichem Zug auf die vorgedehnte oder auch entspannte Muskulatur geklebt.

Durch das Aufkleben auf die Haut und der damit verbundenen Irritation wird der darunter liegende Schmerz erst einmal überdeckt und im besten Fall nicht mehr wahrgenommen. Gleichzeitig erhält der Körper durch das Tape mit jeder Bewegung eine Art Massage. „Die permanente Stimulation fördert die Durchblutung, und die Selbstheilungsprozesse im Körper werden aktiviert. Schon nach wenigen Augenblicken tritt Linderung ein, das Tape ist wie eine zweite Haut“, erläutert Karsten Kühl, Orthopäde und Sportmediziner aus Stade, der seine Patienten seit 2006 mit Taping behandelt. „Die Nachfrage ist groß, vor allem bei Sportlern.“ Kühl hat sich auf das sogenannte Aku-Taping spezialisiert, bei dem die Tapes entsprechend den Prinzipien der Akupunktur und Osteopathie geklebt werden. Klagt ein Patient über Knieschmerzen, wird nicht nur dieser Bereich lokal getapt, sondern auch die zum Gelenk führende Muskulatur.

Bitte keine herkömmlichen Klebebänder verwenden.

Bild: luxxtek / istockphoto.com

Die Methodik des Taping ist nicht geschützt, entsprechend viele Varianten gibt es mittlerweile. Alfred Nijhaus hat das Medical Taping Concept auf Basis der ja­panischen Ursprünge entwickelt, das Medi-Taping wird von Dieter Sielmann er­folgreich bei Sportlern eingesetzt. So auch das Aku-Taping, bei dem Hans-Ulrich Hecker und Kay Liebchen die Vorreiter sind. Weniger sportlich ambitioniert ist das Dolo Taping. Es wird vor allem zur Schmerz­therapie eingesetzt und folgt einer ganzheitlichen Betrachtung des Körpers. Gesundheits-Tape, Bewegungs-Tape oder auch Läufer-Tape sind weitere Eigenkreationen, hinter denen jedoch keine ausgefeilte The­rapieform steckt. Anwenden kann und darf das Taping theoretisch jeder, denn eine spezielle Qualifikation ist nicht notwendig, und so wundert es wenig, dass es bereits „Taping-Therapeuten“ gibt, die ihr Know-how einer kleinen Faltbroschüre verdanken. Die gute Nachricht an dieser Stelle: Taping schadet nicht, selbst wenn es falsch angewendet wird. „Im schlimmsten Fall ist die Wirkung gleich null“, weiß Karsten Kühl, „und das passiert schnell, wenn die Tapes falsch an­gelegt werden.“

Für Sportler und Läufer im Speziellen ist das Taping wie geschaffen. „Beim Laufen werden bekanntermaßen sehr viele Muskelgruppen aktiviert, das kommt der Wirkungsweise des Taping sehr entgegen“, erläutert Kühl. Typische Läuferbeschwerden wie leichte Knie- oder Rückenschmerzen lassen sich bestens damit behandeln. Einen Marathon mit einem Tape zu laufen kann durchaus empfehlenswert sein. Zum einen als Prophylaxe vor eventuellen Schmerzen an bekannten Schwachstellen, zum anderen kann damit offenbar auch die Leistungs­fähigkeit erhöht werden.

Medi-Taping-Experte Dieter Sielmann zumindest beobachtete, dass Läufer mit Waden-Tapes ihre Zeiten deutlich verbessern konnten und weniger erschöpft waren. Seine Begründung: Durch die lymphatische Massage werde der Stoffwechsel derart erhöht, dass es zu keiner Übersäuerung käme.

Bei allen positiven Aspekten sollte jedoch nicht übersehen werden, dass Taping kein Allheilmittel ist und bei Beschwerden, die nicht vornehmlich mus­kulärer Natur sind, auch nicht helfen kann. So müssen zum Beispiel starke Knieschmerzen, die auf einen Knorpelschaden zurückzuführen sind, anders therapiert werden. Und wenn Rückenprobleme auf einen falschen Laufstil be­ruhen, dann helfen auch die bunten Streifen nicht viel.

Sie bestehen übrigens aus einem elastischen, durchlässigen Baumwollgewebe und haften mithilfe eines hautverträglichen Acrylklebers. Nach rund zehn Tagen lässt die Dehnkraft nach, wodurch das Tape auch keine Reize mehr geben kann – es muss ersetzt werden. Duschen und Waschen übersteht es problemlos. Eine fünf Meter lange Rolle ist bereits für circa zehn Euro erhältlich, das professionelle Anlegen lassen sich Physiotherapeuten und Ärzte unterschiedlich entlohnen. Ein einfaches Taping am schmerzenden Nacken ist oft bereits ab circa 20 Euro erhältlich. Die Krankenkassen übernehmen diese Kosten nicht. Die verschiedenen Farben spielen übrigens objektiv betrachtet keine Rolle. Rot soll anregend, Blau beruhigend und Schwarz stabilisierend wirken. Aber daran muss man glauben.

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Interview mit Sportmediziner Karsten Kühl