Laufen und Hautkrebs

Hautkrebs durch Laufen?

Marathonläufer erkranken häufiger an Hautkrebs, meldeten diverse Agenturen vor einigen Tagen. Was steckt hinter einer Meldung, die in den letzten Tagen weltweit zu lesen war? Wie ist sie zu werten? Wir haben uns dieser Angelegenheit einmal etwas genauer gewidmet...

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Haben Läufer aufgrund starker Sonnenexposition bei leichter Bekleidung tatsächlich ein erhöhtes Hautkrebs-Risiko?

Bild: Runner's World

Die Meldung verbreitete sich in der üblichen Dramatik wie immer, wenn es um vermeintlich Neues, Gefährliches, Sensationelles geht: Marathonläufer erkranken häufiger an Hautkrebs, Läufer sind stärker gefährdet als normale Menschen. Unser wissenschaftlicher Mitarbeiter Ralf Milke nahm die Meldung unter die Lupe.

Wie eine Springflut
Marathonläufer haben ein erhöhtes Risiko, an Hautkrebs zu erkranken! Eine Forschergruppe von der Medizinischen Universität Graz hat dieses Ergebnis in den renommierten Archives of Dermatology veröffentlicht. Wie eine Springflut rennt die Meldung um die Welt: binnen Stunden berichten Der Spiegel, Deutsches Ärzteblatt, Deutschlands große Tageszeitungen, Reuters, CBS News, und Fox News begleitet von den führenden Tageszeitungen der USA, sogar Xinhua, Chinas staatliche Nachrichtenagentur. Die Schlagzeilen sind dramatisch: "Gefährlicher Sport: Hautkrebs durch Marathon" (sueddeutsche.de), "Laufen ist gesund – doch wer regelmäßig für den Marathon trainiert, wird nicht nur schneller, sondern bekommt auch eher Hautkrebs" (medical-tribune.de), "Marathon Runners Face Skin Cancer Risk" (cbsnews.com).

Leichte Kleidung und sorgloses Laufen im Sonnenschein sind offenbar Schuld daran, dass Marathonläufer mehr krebsverdächtige Hautveränderungen zeigen als Nichtläufer. Läufer sollten lieber die Sonne meiden und angepasste Laufkleidung tragen, sprich: lang. Ist es nun aus und vorbei mit dem unbeschwerten Laufen durch laue Sommerluft? Auch im Sommer im Dunklen? Keine Extrarunde mehr im trägerlosen Shirt, wenn es mal richtig gut läuft?

Handwerkliche Fehler
Vielleicht doch! Denn im internationalen Pressezirkus liest niemand genau nach, man kopiert nur noch. Die Artikel rund um den Globus gleichen sich oft bis in den Wortlaut. Doch man muss genau lesen, denn beim zweiten Blick auf die Studie aus Graz offenbart sich ihr handwerklicher Fehler. Wen haben die Forscher miteinander verglichen? Sie verglichen zwei Gruppen, die der Läufer und eine Vergleichsgruppe. Die Läufer waren 210 Teilnehmer/innen am Graz-Marathon, die beim Abholen ihrer Startnummern spontan zu einer Untersuchung durch einen Hautarzt bereit waren – eine echte Zufalls-Stichprobe. Die Vergleichsgruppe waren 210 Personen, die sich während einer Hautkrebs-Screening-Kampagne an Informationsständen untersuchen ließen – auch eine Zufalls-Stichprobe? Keineswegs: In der Vergleichsgruppe waren schwach pigmentierte Personen mit naturgegeben erhöhtem Hautkrebs-Risiko hochsignifikant angereichert. Erstaunlich ist das nicht, denn den meisten hellhäutigen Menschen sind die Gefahren übermäßiger Sonnenbestrahlung sehr wohl bewusst. Viele haben sich offenbar nur deshalb am Informationsstand untersuchen lassen, weil sie schon vorher für das Thema sensibilisiert waren. Und viele dieser Menschen sind im Umgang mit Sonnenstrahlung schon lange entsprechend vorsichtig. Auch dies geht, wenn man genau hinschaut, aus den Daten aus Graz hervor. Denn alle Probanden wurden nach der Anzahl von Sonnenbränden in ihrem Leben gefragt. Die Gruppe der Sonnenempfindlichen zeigte keinen Unterschied gegenüber der Zufallsgruppe, also den Läufern. Ein klarer Beweis für die Vorsicht gegenüber zuviel Sonne in der Vergleichsgruppe.

Eine Zufallsauswahl von Versuchspersonen
Stellt man die Studie vom Kopf auf die Füße ist zwar die Sensation dahin, aber jetzt ergibt sie einen Sinn: Untersucht wurden in Wirklichkeit nicht die Läufer, denn sie stellen eine Zufallsauswahl von Personen dar, die außer ihrem Hobby Laufen nichts verbindet. Untersucht wurde in Wirklichkeit die einseitige Auswahl von Personen, die sich wegen ihrer hellen Haut eines Sonnenrisikos bewusst sind, und die sich in ihrem gesamten Alltag dementsprechend vorsichtig verhalten. In Wirklichkeit waren die Läufer die Vergleichsgruppe. Man hätte statt der Läufer auch Teilnehmer einer x-beliebigen anderen Veranstaltung per Zufall rekrutieren können – das Ergebnis wäre voraussichtlich immer das selbe.

Das Resultat: Nichts Neues
Was ist also, vom Kopf auf die Füße gestellt, das Ergebnis? Für das Thema sensibilisierte Personen können - trotz ihrer empfindlichen Haut - sonnenbedingte Hautveränderungen durch entsprechend vorsichtigen Umgang mit der Sonne unter den Durchschnittswert der Bevölkerung drücken. Die Untersuchung ergibt also einen deutlichen Hinweis darauf, dass sich Schutz vor übermäßiger Sonnenbestrahlung lohnt, zumindest für empfindliche Personen.

Obwohl die Studie mit Laufen in Wirklichkeit überhaupt nichts zu tun hat, können wir Läufer trotzdem etwas aus ihr lernen. Wenn Sie zu den eher Hellhäutigen gehören, dann greifen Sie zu Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor! Beim Laufen möglichst wasserfest, aber vor allem während der vielen Stunden Sonnenexposition, in denen Sie gerade nicht laufen. Ansonsten steht dem Spaß nichts im Wege, denn wir dürfen beruhigt feststellen: Es gibt kein erhöhtes Hautkrebs-Risiko für Marathonläufer. Jedenfalls ist keines wissenschaftlich belegt. So wenig eine Schwalbe einen Sommer macht, bremst eine (Zeitungs-) Ente unsere Vorfreude darauf. Der nächste Sommer darf kommen!