Alex Hutchinsons Lauflabor

Hat der BMI ausgedient?

Eine neue Studie geht der Frage nach, warum das Gewicht bei der Risiko-Bewertung von Herzerkrankungen eine weniger wichtige Rolle spielt als bislang angenommen wurde.

Muskeln oder Fett

Wenn das zusätzliche Gewicht Muskelmasse und kein Fett ist, spielt ein höherer Body-Mass-Index keine Rolle.

Bild: istockphoto.com/ vojtechvlk

Forscher der University of California in Los Angeles/USA haben kürzlich in einer neuen Studie versucht, ein schwieriges Rätsel zu lösen: Warum legen einige Untersuchungen nahe, dass man ein geringeres Risiko für tödliche Herzerkrankungen und andere Krankheitsfaktoren habe, wenn man ein bisschen mehr wiegt als das Idealgewicht? Eine Beobachtung, die auch „Fettleibigkeits-Paradoxon“ genannt wird.

Muskeln sind für „Fettleibigkeits-Paradoxon“ verantwortlich

Ihre Hypothese war, dass dieser Effekt auf die Muskeln und nicht das Fett zurückzuführen ist. Nach allgemeiner Einschätzung sind die Muskeln für die Nutzung von etwa 85 Prozent des Blutzuckers im Kreislauf verantwortlich. Man kann also annehmen, dass viel gesunde und aktive Muskeln weitreichende Vorteile für die Gesundheit haben.

Frühere Untersuchungen unterstützen diese Hypothese. Aber die neue Studie im American Journal of Cardiology benutzte ein genaueres Verfahren, um die Körperzusammensetzung einzuschätzen. Die Forscher verwendeten Daten von 6.451 Teilnehmern des „National Health and Nutrition Examination Survey“ Forschungprogramms, die bereits am Herzen erkrankt waren und sich Dual-Röntgen-Absorptiometrie-Scans (DXA) unterzogen hatten, um Muskeln und Fettgewebe der Probanden beurteilen zu können. Dann verfolgten die Forscher, welche Teilnehmer zwischen den Jahren 1999 und 2006 verstarben.

Mithilfe der DXA-Daten bestimmten die Wissenschaftler das Rumpffett und die Muskeln in den Armen und Beinen. Für jede Messung teilten sie die Probanden in zwei Gruppen ein, je nachdem, ob diese über oder unter dem Mittelwert für Fett beziehungsweise Muskeln lagen. Die Einteilung ergab insgesamt vier Gruppen: wenig Muskeln/wenig Fett, wenig Muskeln/viel Fett, viele Muskeln/wenig Fett und viele Muskeln/viel Fett.

Geringeres Risiko für Probanden mit vielen Muskeln und wenig Fett

Die Ergebnisse zeigten, dass es der Gruppe mit vielen Muskeln und wenig Fett deutlich besser ging als den anderen. Verglichen mit der wenig Muskeln/wenig Fett-Gruppe hatte sie eine Hazard-Ratio, also ein Risikoverhältnis, von 0,32 für Todesfälle durch Herzerkrankungen und 0,38 für Todesfälle durch jegliche andere Ursachen. Das bedeutet, dass es nur zu etwa einem Drittel wahrscheinlich war, dass Mitglieder dieser Gruppe während der Studiendauer starben. Mit anderen Worten: Es ist besser ein bisschen Muskeln zu haben, als überhaupt keine.

Keine große Überraschung, aber ein nützlicher Beweis. Außerdem unterstützt es auch die These, dass die Muskelmasse hinter dem Fettleibigkeits-Paradoxon steckt. Fett selbst hat also keine mysteriösen Schutzeigenschaften. Zwei Drittel der Menschen in der viele Muskeln/wenig Fett-Gruppe würden mit einem Body-Mass-Index oder BMI von 25 bis 30 als übergewichtig eingestuft werden, trotzdem hatten sie die höchsten Überlebenszahlen. Es ist also in Ordnung, schwerer zu sein, wenn das zusätzliche Gewicht Muskelmasse ist.

Ein höherer BMI bei viel Muskelmasse ist kein Grund zur Beunruhigung

In Wahrheit glaube ich, dass es schwierig wäre, jemanden zu finden, der das Gegenteil behaupte, dass ein BMI von 26 bei jemand mit vielen Muskeln und wenig Bauchfett ein Grund zur Beunruhigung ist. Wie die Autoren anmerken, ist ein weiteres gutes Beispiel für einen Einflussfaktor, der den BMI übertrumpft, die kardiorespiratorische Fitness: Wenn man eine anständige maximale Sauerstoffkapazität (VO2max) hat, ist das wahrscheinlich wichtiger als die Höhe des BMIs.

Der entscheidende Punkt ist natürlich, dass es hier keine Schwarz-oder-Weiß-Frage ist. Im Idealfall will man viele Muskeln und nicht zu viel Bauchfett haben. Man hat glücklicherweise die Wahl oder kann zumindest beides anstreben.

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