Alex Hutchinsons Lauflabor

Gene beeinflussen die Struktur von Sehnen und Bändern

Laufverletzungen haben nicht immer nur etwas mit falschem Training zu tun, auch die Gene können eine entscheidende Rolle spielen.

Laufverletzung

Ob Sie anfällig für Bänder- und Sehnenverletzungen sind, liegt teilweise auch an den Genen.

Bild: iStockphoto.com / BartekSzewczyk

Wenn Sie zehn verschiedenen Läufern ein identisches Trainingsprogramm vorgeben, werden Sie auch zehn verschiedene Ergebnisse erhalten - selbst wenn sie alle dieselben Grundvoraussetzungen hätten und alle das Trainingsprogramm detailgetreu umsetzen würden. Diese Idee von genetisch bedingten Variationen in der Reaktion auf ein Training wurde im Laufe der letzten Jahre häufig diskutiert und auch in Büchern wie „The Sports Gene“ von David Epstein besprochen.

Ist das Training Schuld?

Doch es gibt noch einen anderen Aspekt der genetischen Variation, der bisher weniger Aufmerksamkeit bekommen hat, obwohl er in gewisser Weise für Läufer genauso wichtig ist. Wenn Sie 10 Sportlern dasselbe Trainingsprogramm vorgeben, werden sich nach einer bestimmten Zeitspanne einige verletzen und andere nicht. Was bestimmt eigentlich, wer sich verletzt und wer nicht?

Wenn ich über Laufverletzungen schreibe, zitiere ich immer gerne eine der Behauptungen des Biomechanikers Benno Nigg, die besagt, dass Trainingsentscheidungen - oder vielmehr Trainingsfehler - für ungefähr 80 Prozent der Laufverletzungen verantwortlich sind. Die genaue Häufigkeit ist nicht wichtig, aber zu weit, zu schnell, zu früh zu laufen und sich nicht genug Regeneration zu erlauben ist häufig ein wichtigeres Kriterium als, sagen wir mal, welchen Schuh Sie tragen.

Neue Erkenntnisse aus der Forschung

Es gibt neue Forschungsansätze, die nahelegen, dass selbst bei Eliminierung aller Unterschiede der Trainingsfaktoren und der Trainingsbedingungen, wie Schuhe, Laufstrecke usw., einige Sportler weniger verletzungsanfällig wären als andere. Ein neuer Beitrag im „British Journal of Sports Medicine“ von Malcolm Collins und seinen Kollegen von der Universität von Kapstadt fasst zusammen, was über die genetischen Faktoren, die das Risiko für Sehnen- und Bänderverletzungen bestimmen, bekannt ist.

Die Forschung steht in diesem Punkt noch am Anfang, doch einige interessante Studien konnten schon spezifische Genvarianten identifizieren, die das Risiko von Achillessehnenreizungen betreffen. In einer Kohorte entwickelten die Probanden, die eine besondere Variante des COL5A1-Gens besaßen, mit einer 58 Prozent geringeren Wahrscheinlichkeit eine Achillessehnenreizung. Ein weiteres Gen, das COL1A1, wird mit Achillessehnen- und Kreuzbandverletzungen in Zusammenhang gebracht, während wieder andere Gene mit dem Tennisarm oder Karpal-Tunnel-Syndrom in Verbindung stehen.

Die Rolle der Gene

Was alle diese Gene gemeinsam haben ist, dass sie die Struktur der Kollagenfasern, also „die grundlegenden strukturellen Bestandteile der Sehnen, Bänder und anderen Bindegewebestruktur” betreffen. Mit anderen Worten, sind einige Achillessehnen einfach besser gebaut als andere.

So, und was machen wir mit diesen Informationen? In Collins Artikel wird missbilligend festgestellt, dass derzeit mehrere genetische Tests auf dem Markt sind, die dem Verbraucher versprechen, potentielle Verletzungsanfälligkeiten unmittelbar aufzudecken. Collins kritisiert das, weil die Daten „nicht gemeinsam mit klinischen Indikatoren und Lebensstilfaktoren interpretiert werden, um ein verändertes Verletzungsrisiko durch eine entsprechend qualifizierte medizinische Fachkraft identifizieren zu können.”

Ich bin in dieser Frage etwas zerrissen und neige dazu, dieser Art von Verbrauchertests eher skeptisch gegenüberzutreten. Aber nicht unbedingt wegen des Mangels an klinischem Kontext und professioneller Beratung. Wenn es eine Genvariante gibt, die das Risiko von Problemen an der Achillessehne auch nur um 10 oder 20 Prozent verändert, wäre es natürlich potenziell interessant zu wissen, ob man es hat. Die oben genannte 58 Prozent sind zum Beispiel ein hoher Prozentsatz – trotzdem bräuchte ich noch mehr Beweise und Bestätigungen, bevor ich dieser Zahl allzu viel Glauben schenken würde.

Gentests für Läufer

Für mich stellt sich die Frage: Was verändert es, wenn man es weiß? Für einen Leistungssportler könnte dies vielleicht bedeuten, so hart wie möglich trainieren zu können ohne sich zu verletzen. Doch es ist eine recht ungenaue Wissenschaft. Daher erscheint es fraglich, ob das Wissen, mit einer mehr oder weniger 10-prozentigen Wahrscheinlichkeit eine Sehnenverletzung zu bekommen, die täglichen Trainingsentscheidungen wirklich verändern würde. Wenn Sie schon eine Weile trainieren, wissen Sie sowieso für welche Verletzungen Sie besonders empfänglich sind - einfach weil Sie sie bereits gehabt haben!

In diesem Sinne zieht Collins sein Fazit und meint, dass man keine genetischen Daten braucht, um zu erkennen, wenn jemand für bestimmte Verletzungsarten anfällig ist. Er schlägt vor, sich lieber anderen Fragen zu stellen und einmal nachzuforschen, ob in der eigenen Familiengeschichte schon Sehnen- oder Bänderverletzungen aufgetreten sind. Das ist die gängige Praxis, wenn es um die Bewertung von Herzkrankheit-Risiken geht, aber ich habe daran bis jetzt nie bezüglich Laufverletzungen gedacht. Es ist Low-Tech, aber vielleicht reicht es ja aus.

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